Zeitung Heute : Reise der Woche: Die Zähmung des Jangtse

Hella Kaiser

Böse Geister gehen gern geradeaus. Und deshalb hat der Architekt Pan Yunduan, als er vor rund fünfhundert Jahren den "Garten des Verweilens" schuf, eine Zickzackbrücke gebaut. Nur über die gelangte man ins Teehaus, das er auf Stelzen in die Mitte eines Teiches gebaut hatte. Bis heute blieb alles unverändert. Dabei dürften sich die bösen Geister auch anderswo in Shanghai nicht mehr zurechtfinden. Bisweilen gar in vier Ebenen winden sich Schnellstraßen durch das Zentrum der 16-Millionen-Metropole, niedrige, alte Häuser sind umzingelt von Wolkenkratzern. Auch in Pudong, im Südosten der Stadt, ragen im Schatten des 468 Meter hohen Oriental Pearl TV Tower Büro- und Wohntürme auf. "Vor gut zehn Jahren waren hier noch Reisfelder", sagt ein Einheimischer.

In Shanghai feiert sich das moderne China. An der Heng Shang Lu Straße bestellt sich eine junge, reiche Klientel Tapas und französische Delikatessen, Caffè Latte oder Daiquiri. Wer interessiert sich da noch für jenes stattliche Backsteinhaus in der Xingye Straße, wo 1921 die Kommunistische Partei Chinas gegründet wurde? Dabei wacht sie doch nach wie vor über die Zukunft des 1,3-Milliardenvolkes. Plant und setzt unbeirrt um, was sie mal beschlossen hat. Rund tausend Kilometer Luftlinie sind es bis zum ehrgeizigsten Projekt: der Bau des größten Staudammes der Welt.

In Yichang ist man nah dran. Auch spät in der Nacht blitzen da noch viele Neonreklamen. "Seit wir den Gezhouba-Staudamm haben, müssen wir nicht mehr mit Energie sparen", sagt ein Einheimischer. Erst 1988 war der zweieinhalb Kilometer lange Damm mit seiner 70 Meter hohen Mauer fertiggestellt worden. Ein Gigant - doch ein Waisenknabe gegen jenes Projekt, das jetzt, 40 Kilometer flussaufwärts, Gestalt annimmt. Knapp eine Stunde dauert es, bis genug Wasser in die Schleusenkammer geflossen ist, um die "Victoria Prince" gut zwanzig Meter in die Höhe zu hieven. Später, sagt Flussführer Nico, werde es zweieinhalb Stunden dauern, bis man oben ist.

Immer war die Einfahrt in die Xiling-Schlucht, einst die gefährlichste der sogenannten Drei Schluchten, von hier aus gesehen die erste Touristenattraktion. Nun gibt es eine neue Sehenswürdigkeit: die Baustelle in Sandouping. Eine Baustelle? Vom 262 Meter hohen Aussichtspunkt geblickt, passt dieser Ausdruck nicht mehr. Unten bewegen sich ungezählte Kräne, Bagger wuseln umher in einem riesigen Areal. Der Potsdamer Platz könnte sich darin verstecken. Blaue, rote und gelbe Punkte bewegen sich, das sind die Helme der Arbeiter. 25 000 Menschen schuften hier, in drei Schichten, wie ein Führer stolz betont. Über 100 Millionen Kubikmeter Erde werden ausgehoben, 27 Millionen Kubikmeter Zement werden zum Füllen gebraucht. 130 Meter breit wird der Fuß des Dammes, 125 Meter hoch die Staumauer. Monströse Zahlen, bei denen die Vorstellungskraft versagt.

In einer Halle kann am Modell betrachtet werden, wie die Anlage nach ihrer Fertigstellung aussehen wird. Dahinter an der Wand ist die Kulisse der Drei Schluchten gemalt - wie ein Mahnmal. Auf dem Platz vor der Aussichtsbalustrade ist ein steinernes Buch aufgeschlagen. Wir lesen: "Konstrukteure und Besucher sind gleichermaßen ergriffen, wenn sie die wunderbare Aussicht auf die Baustelle genießen."

Schon 1919 gab es Pläne, die Wassermassen des Jangtse zu kontrollieren. Wieder und wieder wurden sie hervorgeholt und - verworfen. Das Vorhaben schien unmöglich. Im April 1992 aber war es soweit: der fünfte Nationale Kongress der Volksrepublik China beschloss den Bau des Drei-Schluchten-Staudammes.

Nun ist die Sintflut nahe. An den Flussufern markieren Schilder die künftige Wasserhöhe. 143 Meter nach der ersten Flutung - geplant für Juni 2003 - und 175 Meter nach der endgültigen Fertigstellung des Dammes im Jahre 2009. Dann werden die beeindruckend aufragenden Berge der Xiling-Schlucht nur noch als Kuppen aus dem Wasser ragen. Auch die Schönheit der 46 Kilometer lange Wu-Schlucht wird kein Dichter mehr preisen können. Zwischen den - bisweilen bedrohlich nahe kommenden Felswänden - kultiviertes Land. Die meisten Hänge sind terrassiert, man sieht Raps, Gemüse, Obstbäume. Dazwischen hier und da Bauern, auf Spaten gestützt oder mit der Hacke in der Hand.

"Soviel Mühe, wo doch bald alles untergeht", bemerkt ein Reisender erstaunt. Winzige Häuser, wie hingetupft. Vor einigen flattert noch Wäsche im Winde, andere sind schon verwaist. Hoch über Wu-shan ist eine neue Stadt gewachsen. Himmelblaue, zitronengelbe und rosafarbene Betonklötze ragen auf, wo einige derjenigen hinziehen werden, die noch unten in ihren alten Häusern wohnen. Von manchen Gebäuden stehen nur noch die Mauern, die Dächer wurden - Ziegel für Ziegel - abgetragen und liegen nun sorgfältig aufgeschichtet da. "Die Ziegel sind wertvoll, und die Menschen müssen ja neue Häuser bauen", sagt Nico.

Aber wo? Wovon sollen die Bauern leben? Was sollen sie oben am Berg auf dem kargen, felsigen Boden anbauen? Wie sieht das Land jenseits des Jangtse überhaupt aus? In Wushan besteigen wir sogenannte Sampans, kleine Motorboote, und fahren den Daning-Fluss hinauf, der hier in den Jangtse mündet. Schon nach der ersten der sogenannten Drei-Kleinen-Schluchten wähnt man sich in einer Bilderbuchwelt. Sanft wellen sich die Hügel in dutzenden Grüntönen, hier und da ein Anwesen. Reißend bahnt sich der Daning den Weg, immer wieder müssen die Bootsleute mit Stangen nachhelfen, weil der Sampan alle paar Meter festsitzt. Wie hoch das Wasser in den "kleinen Schluchten" steigen wird? Achselzucken, keiner weiß das so genau.

"Insgesamt müssen rund 1,3 Millionen Menschen umgesiedelt werden", sagt Tim Powell, der Cruisedirektor. Vielleicht mehr, vielleicht weniger, aber darauf komme es ja auch nicht an. In China hätten Zahlen andere Dimensionen. "400 Millionen Menschen leben in den Städten und Dörfern entlang des Jangtse," sagt Powell. Für die meisten werde sich die Situation verbessern. Seeschiffe bis zu 10 000 Bruttoregistertonnen werden den Jangtse von 2009 an befahren können. "Die ganze Region kann von dem dann einsetzenden Wirtschaftsschub profitieren", erklärt Powell.

Zwischen Yichang und Chongqing gibt es derzeit 46 Engpässe, an denen zwei Schiffe nicht aneinander vorbeikommen. Und auch an anderen Stellen ist Vorsicht geboten. Da muss sich die "Victoria Prince" so schrill und laut bemerkbar machen, dass sich die Passagiere auf dem Außendeck die Ohren zuhalten. Das geschieht oft auf dieser Jangtse-Fahrt.

In der 400 000-Einwohnerstadt Wushan muss ein Drittel der Bevölkerung weichen. "Es ist", sagt ein lokaler Führer, "schon eine verlassene Stadt." Wie bitte? Aber auch unterhalb der 175-Meter-Marke dampft es doch überall aus Kesseln und auf Rosten, Erwachsene eilen durch enge Straßen, spielende Kinder müssen immerfort hupenden Mopeds und Autos ausweichen, vor Haus-und Ladentüren sitzen Menschen, oft in kleinen Gruppen. Der Markt quillt über von dem unglaublichen Angebot an Gemüsen, Salaten und Obst. Hühner hocken zu dutzenden da, Schildkröten erwarten den Todesstoß, Fische drängeln sich in wassergefüllten Wannen. Die Touristen werden neugierig-freundlich betrachtet, aber niemals angestarrt.

Immer wieder Männer mit Bambusstangen über der Schulter, an deren Enden Schlaufen baumeln .

Potenzielle Träger, die auf einen Auftrag warten. "Rund 35 000 von ihnen gibt es hier", schätzt Alan, der lokale Führer. Aber die seien nicht offiziell registriert, nur "Arbeitssuchende vom Land". Denen gibt der Staat sowieso keine Entschädigung. Wer ordnungsgemäß gemeldet, ist darf hoffen. Zu Anfang hätte betroffene Bewohner von der Regierung sogar 30 000 Yuan (rund 4200 Euro) für einen Neuanfang bekommen. Und was hätten sie damit gemacht? Alan hebt in gespielter Verzweiflung die Augenbrauen: "Die haben sich von dem Geld Motorräder, Computer oder Mobiltelefone gekauft." Aber es klingt, als habe der Mittzwanziger Verständnis dafür.

Nun hat die Regierung die Summe auf 10 000 Yuan (rund 1400 Euro) gedrückt. Auch wenn das jeder in der Familie - vom Kind bis zum Greis - bekommt: Kann man dafür ein neues Haus bauen? Alan schüttelt lächelnd den Kopf: "Nein." Die Wohnungen in der neuen Oberstadt sind längst vergeben, für alle ist kein Platz. Rosarot malt die Regierung die Zukunft am Jangtse - viele Fahnen hängen an den nagelneuen Betonbauten - doch Alan befürchtet Schlimmes. "Wenn die Politiker nicht ordentlich arbeiten, werden die Menschen hier verarmen, und es wird Kriminalität geben," sagt der Führer.

Eine Frau, vielleicht fünfzig, sitzt vor einer Ladentür und strickt an einem roten Pullover. Sie lächelt uns zu. Wo wird sie in einem Jahr leben? Und der alte Mann dort, begreift er, was hier geschieht?

Gefällte Platanen

In der Unterstadt von Wanxian surren Kreissägen, und Männer machen sich mit Äxten im Geäst der Straßenbäume zu schaffen. Eine Platane nach der anderen fällt, niemand schaut hin.

"Ein Teil der Bewohner Wanxians wurde schon Ende letzten Jahres umgesiedelt", sagt Tim Powell. Die Regierung hatte zu dem Ereignis eine Blaskapelle bestellt. "Sie wollten ein Freudenfest organisieren, aber dann war es wie bei einem Begräbnis", erinnert er sich. So viele Tränen. Nördlich von Shanghai, bis zu 1500 Kilometer entfernt, wohnen diese Menschen nun. Haben wieder einen festen Wohnsitz, aber eine neue Heimat?

Kapitän Qin fährt seit über dreißig Jahren auf dem Jangtse. Er kennt die Tücken der Stromschnellen, hat erlebt, wie der Fluss nach und nach sicherer gemacht und Hindernisse unter Wasser gesprengt worden sind. Was denkt er über den Untergang der Schluchten? "Mein Herz tut weh", sagt er, "aber mein Verstand sagt mir, dass es gut ist, wegen des Fortschritts." Mit seiner Fotosammlung will er sich trösten, hunderte von Bildern, auf denen "jeder Fels, jede Flussbiegung und auch die alten Treidelpfade" zu sehen seien.

Endstation Chongqing. 30 Millionen Menschen wohnen in diesem Ballungsgebiet, aber "außerhalb Chinas ist die Stadt kaum bekannt", sagt der Führer. Das liege daran, dass Chongqing eher wirtschaftliche denn kulturelle Bedeutung habe. Hier wird das Wasser nur 15 Meter steigen, niemand muss fortziehen.

Flussdelfine und Riesenstöre

Eine Fahrt auf dem Jangtse verändert den Blick. Hunderte von Fabriken verpesten die Luft, 25 Milliarden Tonnen Industrie- und Hausmüll landen jährlich im Fluss. Trüb und schmutzig ist der Jangtse, kaum vorstellbar, dass noch Fische darin leben können. Sogar Flussdelfine soll es geben und riesige Störe, die nach dem Dammbau nicht mehr zu ihren Laichplätzen schwimmen können.

Andererseits soll der Ausstoß der Kohlekraftwerke durch die neue Energiegewinnung um 85 Prozent vermindert werden. Und es soll keine Überschwemmungen mehr geben, der in den vergangenen Jahrzehnten zigtausende Menschen am Jangtse zum Opfer gefallen sind. Vielleicht aber eine schlimmere Katastrophe, wenn sich der Fluss doch nicht bändigen lässt, die riesigen Turbinen mit seiner Kraft zerstört oder mit der ungeheuren Menge Schwemmsand das Staubecken verstopft?

Fragen, die ablenken von der Schönheit der Drei Schluchten. In dieser Saison sind Jangtse-Kreuzfahrten so gut gebucht wie nie. Schon monierte ein Regierungsmitglied in der "China Morning Post" diese "Abschiedstouren". "Der Anstieg des Wassers auf dem Jangtse wird die Schönheit der Region nur noch stärker ins Licht rücken", erklärte er vollmundig. Und Tim Powell schwärmt vom Hinterland des Flusses, "das ja überhaupt noch nicht entdeckt ist und dann viel besser zugänglich wird".

Wir denken an die Zickzackbrücke in Shanghai und daran, dass böse Geister keine Biegungen mögen. Den neuen, geraden Lauf des Jangtse werden sie lieben. Da müssen die guten Geister eben aufpassen. Die sollen in Pagoden wohnen, hoch auf den Gipfeln, weit oberhalb der 175-Meter-Marke. So, als hätten die Erbauer vor tausenden von Jahren schon in die Zukunft blicken können.

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