Zeitung Heute : Reise der Woche: Edie, ganz allein im Busch

Holger Reile

Nairobi, Hauptstadt Kenias. Die Millionenmetropole ist politisches und vor allen Dingen wirtschaftliches Zentrum Ostafrikas. Moderne Gebäude stehen neben heruntergekommenen Hütten und Häusern, bittere Armut trifft auf überquellenden Reichtum - Normalkontrast in Afrika. Es ist Sonntag, und in der Innenstadt tanzen die Menschen zu religiösen Klängen, ein Prediger bellt durch ein Megaphon beschwörend auf die Masse ein. Angesichts der zunehmenden Verelendung hat der kenianische Präsident Arap Moi, dessen Privatvermögen auf mehrere Milliarden Mark geschätzt wird, seinem Volk über das Wochenende intensive Gebete empfohlen.

Am Stadtrand, noch im Benzindunst der Großstadt, der Nationalpark von Nairobi. Die ersten Zebras queren die holprige Straße, eine Giraffe stelzt gemächlich hinterher. Afrikanische Tierwelt, nur durch einen Zaun vom Großstadtkessel getrennt. Etwa zehn Kilometer außerhalb der City führt eine kleine Straße in den Nationalpark hinein. Kurz darauf stehen wir vor dem Anwesen von Daphne Sheldrick, die hier ein außergewöhnliches Waisenhaus betreibt.

Zarte Berührungen mit dem Rüssel

Hinter dem Gebäude haben sich wieder einmal Touristen aus aller Welt und einheimische Schulklassen versammelt. Sie schauen mit einer Mischung aus Erstaunen und Begeisterung auf vier kleine Elefanten, die rüsselschwingend in einem Schlammloch stehen und sich gegenseitig das trübe Wasser um die großen Ohren spritzen. Vergnüglich und ausgelassen tollen sie dann über den Platz, treten etwas ungelenk gegen einen Plastikball oder wälzen sich ausgiebig auf dem sandigen Boden. Aufmerksam werden sie dabei von ihren Pflegern beobachtet, die Tag und Nacht an ihrer Seite sind. Immer wieder suchen die Elefanten den Körperkontakt zu ihren menschlichen Bezugspersonen, drücken sich eng an sie oder berühren sie fast zärtlich mit ihrem Rüssel.

Eine Lehrerin erklärt ihren Schülern, dass diese vier Elefanten ihre Mütter auf tragische Weise verloren haben. Meist haben Wilderer die erwachsenen Tiere auf dem Gewissen. Hier erfahren die Kinder, dass Elefanten ihre ersten zwei Lebensjahre völlig von ihren Müttern abhängig sind, nicht nur von ihrer Milch, sondern vor allem von ihrer Fürsorge und einem funktionierenden Herdenverband. Andernfalls sind Elefantenbabys kaum überlebensfähig. Diese Informationen sind neu für die Schüler, denn - man glaubt es kaum - laut einer Statistik haben 80 Prozent der Kenianer in ihrem Leben noch nie einen leibhaftigen Elefanten gesehen.

Es ist nicht leicht, mit Daphne Sheldrick einen Gesprächstermin zu vereinbaren. Ihre Person sei nicht wichtig, sagt sie schon vorab am Telefon, "wichtig sind die Elefanten". Schließlich nimmt sie sich doch Zeit und empfängt uns auf ihrer schattigen Veranda. Die 62-jährige Daphne Sheldrick ist eine in Kenia geborene Engländerin mit silbergrauem Haar und wachen, sehr blauen Augen. Die Einheimischen nennen sie mit einer Mischung aus Respekt und Anerkennung "Die Mutter der Elefanten". Internationales Ansehen erworben hat sie sich als engagierte Kämpferin gegen die Elfenbeinmafia und durch ihren unermüdlichen Einsatz für die Tiere.

Im Andenken an ihren Mann David Sheldrick hat sie 1988 eine Stiftung gegründet, die sich hauptsächlich der Aufzucht von Elefantenwaisen verschrieben hat. Und sie ist immer unterwegs: "Wenn es einen Notfall gibt und ein Elefant unsere Hilfe braucht, organisieren wir den notwendigen Transport, den Tierarzt, richten Milch her und stellen Medikamente bereit. Das muss alles sehr schnell gehen, denn wenn ein kleiner Elefant seine Familie verloren hat, bleiben höchstens ein paar Tage, bis er stirbt."

Spezielle Milchmischung

Bekannt geworden ist die engagierte Tierschützerin aber vor allem, weil sie die Erste war, der es gelang, für die Elefantenbabys eine spezielle Milchmischung aus fast nur pflanzlichen Fetten zu finden, die ihnen das Überleben sichert. Versuche, kleine Elefanten mit normaler Milch aufzuziehen, hat es viele gegeben, die meisten scheiterten. Jahrelang hatte auch Daphne Sheldrick damit zu kämpfen, dass verwaiste Tiere ihr buchstäblich unter den Händen wegstarben: "Anfangs war das schrecklich. Es dauerte sehr lange, bis wir endlich die richtige Milch gefunden hatten. Aber nun haben wir schon 45 Elefanten groß gezogen und wieder in den Busch eingegliedert. Darauf bin ich sehr stolz." Und während sie das sagt, huscht der ansonsten eher scheuen Frau ein weiches Lächeln über das Gesicht.

Die Geschichte der Elefanten Afrikas ist auch eine Geschichte jahrzehntelanger Ausrottung. Vor 50 Jahren gab es noch rund fünf Millionen Elefanten auf dem Kontinent, heute sind es etwa 700 000. Vor allem in den siebziger und achtziger Jahren wurden die Tiere wegen des begehrten Elfenbeins zu Hunderttausenden regelrecht abgeschlachtet. Erst die Artenschutzkonferenz im Jahre 1989 führte dazu, dass der Handel mit Elfenbein, dem "Weißen Gold", weltweit verboten wurde. Damit ging auch die Wilderei dras-tisch zurück, die Population konnte sich erholen. Dennoch: Ganz wird man der Jagd nach dem Elfenbein - trotz drakonischer Strafen und gesunkener Preise - wohl nie Herr werden.

Die Überlebenden der blutigen Massaker, verwais-te Jungtiere, die meist völlig traumatisiert neben ihren toten Müttern stehen, landen, wenn sie Glück haben und gefunden werden, in Daphne Sheldricks Aufzuchtstation. Aber auch solche wie Edie, ein Elefantenjunges, das in der Nähe einer Farm in einen Brunnen gefallen war. Die Herde konnte nicht helfen - und ließ es schließlich zurück. Mit einem Charterflugzeug wurde der hilflose Findling nach Nairobi verfrachtet und "im Waisenhaus" gesund gepflegt. Auf Grund der schweren Verletzungen konnte der kleine Elefant einen Monat lang nur auf einer Seite liegen.

Am nächsten Morgen, die Sonne lässt noch auf sich warten, kommt Bewegung in die Elefantenställe. Ein Pfleger ist bereits dabei, die erste Milchration in große Nuckelflaschen umzufüllen. Die vier kleinen Elefanten, Yatta, Kinna, Amacorju und Nazaloth, recken gierig ihre Rüssel. Rund 30 Liter Milch braucht so ein Mini-Elefant - täglich. Rundherum ist bald nur noch ein zufriedenes Glucksen und Schmatzen zu hören.

Kurz darauf trotten sie gemeinsam mit ihren Pflegern in den Busch. Fast den ganzen Tag verbringen sie dort und lernen, sich in der freien Natur zu bewegen. Sie dürfen den Bezug zur Wildnis nicht verlieren, denn dorthin sollen sie irgendwann ja wieder zurück. Etwas tollpatschig reißen sie mit ihren Rüsseln frisches Grün von einem Baum oder jagen ausgelassen grunzenden Warzenschweinen hinterher. Alle drei Stunden wird Milch geliefert. Ein Pfleger hält Yatta die Flasche hin, der kleine Elefant umklammert mit dem Rüssel innig den Hals seiner "Ersatzmutter". Die Pfleger bleiben auch nachts im Stall und schlafen neben den Elefanten im Stroh.

Zwei Tage später fahren wir in den Tsavo-Nationalpark, rund 300 Kilometer südlich von Nairobi. Dieser Nationalpark ist Kenias größtes Wild- und Landschaftsschutzgebiet mit etwa 21 000 Quadratkilometern Fläche. Hier spielten sich über Jahre hinweg entsetzliche Tierdramen ab. Gut organisierte Wilderer-Banden reduzierten den Elefanten-Bestand fast auf Null. Josef Kioko, stellvertretender Chef des Kenia-Wildlife-Service, damals Wildhüter, erinnert sich noch ganz genau an diese "schreckliche" Zeit: "Überall lagen Elefanten-Kadaver herum, noch ganz frisch und das Elfenbein war herausgebrochen. Wir hatten damals keine Chance. Die Wilderer hatten hochmoderne Waffen und wir alte Gewehre aus dem Zweiten Weltkrieg."

Inzwischen sind die staatlichen Wildhüter dank internationaler Unterstützung gut ausgerüstet. Das Budget für die kenianischen Nationalparks wurde verdoppelt, die Gehälter der Ranger ebenso. In den 80er Jahren führten gerade mal 30 Ranger einen aussichtslosen Kampf gegen die Elfenbeinmafia. Heute kontrollieren immerhin 100 Ranger den Tsavo-Nationalpark. Nur noch ausgesuchte und zuverlässige Leute kommen zum Einsatz. Denn in früheren Zeiten machten einige Ranger gemeinsame Sache mit den Elfenbeinjägern, um ihr karges Gehalt aufzubessern.

Wenn in Nairobi Sheldricks Elefanten-Waisenhaus steht, dann ist im Tsavo gewissermaßen der Kindergarten, an den eine Vorschule angegliedert ist. Rund 30 Elefanten, alle zwischen zwei und zwölf Jahre alt, befinden sich hier in Sheldricks Obhut, versorgt von rund 15 Pflegern und Mitarbeitern der Elefantenstation. Nun sind Sheldricks Zöglinge schon tiefer im Busch, laufen mit ihren Betreuern täglich bis zu zehn Kilometer durch die Wildnis. Deswegen wird die Milch für die Kleineren auch mit dem Traktor geliefert. Das Essen auf Rädern wird schon sehnsüchtig erwartet: Alle drängen sich an den Anhänger des Traktors, ein Geschubse und Geschiebe herrscht da, Ruppigkeiten werden ausgetauscht. Ein durchaus positives Zeichen: Schlimme Erlebnisse scheinen verarbeitet, die Jungtiere entwickeln Selbstbewusstsein. Es geht darum, soziales Verhalten zu lernen und eine Herdenstruktur aufzubauen, die der von wilden Elefanten entspricht.

Artenschutz in einem armen Land

Ein erster Schritt für die Größeren ist die Entwöhnung von der Flasche. Auch wenn sie immer wieder gern Milch abstauben möchten - diese Zeiten sind vorbei, an sie wird feste Nahrung verteilt. Plötzlich gestikulieren zwei Pfleger aufgeregt mit ihren Kollegen. Sie haben eine wilde Elefantenherde entdeckt, nicht weit weg von den eigenen Tieren. Unter denen herrscht helle Aufregung: Sie flappen mit den Ohren, verständigen sich untereinander mit für uns nicht hörbaren Infraschalltönen. Langsam bewegen sie sich aufeinander zu, kommen sich immer näher. Ein Pfleger erzählt uns mit leiser Stimme, dass man schon mehrmals auf diese wilde Herde gestoßen sei: "Zwei oder drei von unseren Tieren werden bald ganz zu den wilden Elefanten wechseln, und das ist gut so, denn da gehören sie auch hin." Eine Stunde dauert diese zaghafte Annäherung, dann zieht die wilde Herde tiefer in den Busch. Ein Sheldrick-Pfleger trägt die Begegnung sorgfältig in ein Buch ein. "So nah dran", schreibt er, "waren wir schon lange nicht mehr."

Der Tourismus ist in Kenia zur einträglichsten Devisenquelle geworden. Das Land profitiert von Urlaubern inzwischen mehr als von seinen Tee- oder Kaffee-Exporten. Aus Deutschland und der Schweiz kommen jährlich über 200 000 Feriengäste, und viele von ihnen buchen neben dem Badevergnügen am Indischen Ozean auch eine Safari in einem der Nationalparks. Durch den Elefanten-Tourismus kommen etwa 20 Millionen Dollar jährlich in die Staatskassen. Das ist viel für ein immer noch armes Land.

Viele Menschen brauchen Hilfe, Aids ist zu einem riesigen Problem geworden. "Für Tier- und Umweltschutz ist kaum Geld da", sagt Josef Kioko. Gerade deshalb sei die Initiative von Daphne Sheldrick so wichtig. "Sie macht das Ausland auf uns aufmerksam und zeigt, dass wir für den Artenschutz dringend Geld benötigen. Wir brauchen sie."

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