Zeitung Heute : Reise der Woche: Eine Suppe mit dem Heiligen Geist

Überall liegt Brot. Große, meist runde Laibe. Einer neben dem anderen. Kiloschwere Brocken, gespickt mit bunten Blumen. Und noch immer schleppen die Frauen neues Backwerk an. In großen Körben auf dem Kopf, so wie man schwere Lasten auf den Azoren noch heute manchmal trägt. Das macht man alles zu Ehren des Heiligen Geistes, in dessen Namen das Brot schließlich unter die Leute kommt. Denn die meisten Feste auf den Azoren stehen unter seinem Patronat, der Heilige Geist ist der Schutzherr der Insulaner. Wann immer sie Probleme haben, bitten sie um seinen Beistand. Etwa wenn die Erde wieder einmal bebt oder einer der vielen Vulkane rumort.

Die Menschen im Atlantik, die knapp 250 000 Portugiesen auf den neun Inseln zwischen Europa und Amerika, glauben an die Kraft des Heiligen Geistes. Jedes Jahr danken sie ihm mit einer großen Feier, einem Festmahl für das ganze Dorf, zu dem man neuerdings per Zeitungsanzeige lädt.

Tagelang wird dann gekocht und gebacken, gegessen und getrunken, oft sitzen Hunderte an langen Tafeln bei Brot und Wein zusammen. Die "Festas do Espirito Santo", die Heilig-Geist-Feste, sind auf den Azoren wichtiger als Weihnachten und Ostern zusammen. Am vielfältigsten sind sie auf der Insel Pico. Über Jahrhunderte lebte man hier vom Walfang, bis das Schlachten 1989 verboten wurde. Heute gilt das von Portugals höchstem Berg gekrönte Eiland als Armenhaus, wird hier doch im Schnitt ein gutes Drittel weniger als auf dem Festland erwirtschaftet. Kämen nicht zunehmend Touristen, die Not wäre noch größer.

Zu Pfingsten aber ist alles Elend vergessen. Dann liegt das Brot gleich zentnerweise vor der mächtigen Kirche der Hauptstadt Madalena. In feierlicher Prozession haben Frauen die Laibe angeschleppt, jede 36 Brote in großen Körben auf dem Kopf. 20 Kilo Mehl und 144 Eier, zwei Kilo Butter und drei Kilo Zucker, verbacken mit Schnaps und Gewürzen. Hunderte sind zum Fest nach Pico gekommen, viele mit der Fähre von der Nachbarinsel Faial. Spät mittags warten sie auf den Segen des Pfarrers. Auf ein paar Spritzer Weihwasser, die das Brot zum Glücksbringer machen, zum Kultgebäck, das man gern mit nach Hause nimmt. Aber auch die ganz Armen sind gekommen, die das Brot nicht nur glücklich, sondern auch satt macht.

Die Feste zu Ehren des Heiligen Geistes sind Gemeinschaftserlebnisse. Ein Brauch, der im 13. Jahrhundert wurzelt. In der Zeit Elisabeths von Thüringen, die Papst Gregor IX. am Pfingstsonnabend des Jahres 1235 in die Liste der großen Heiligen aufgenommen hatte. Als Dank soll Herzog Konrad damals in Perugia ein großes Fest für die Armen gegeben haben. In Elisabeths Namen organisierten zahllose Orden später ihren Dienst am Nächsten. Viele feierten zu Pfingsten kleine und große Feste, erinnerten mit Krönungszeremonien und Armenspeisungen an das Leben der Heiligen. Im 14. Jahrhundert schließlich stiftete die portugiesische Königin Isabel von Aragon, ebenfalls von den Idealen brüderlicher Liebe beseelt, die Kongregation vom "Heiligen Geist". Auch ihr Ziel war es, die Armen zu speisen und die Gemeinschaft zu festigen. Ideen, die Siedler und Mönche schließlich auf die Azoren brachten, wo das Heilig-Geist-Fest seit Mitte des 15. Jahrhunderts belegt ist.

Heute wie damals tragen Bruderschaften das Fest. Gesellige Vereinigungen, die sich dem Gemeinwohl verpflichtet fühlen. So war es eine Heilig-Geist-Bruderschaft, die 1492 in Angra do Heroismo auf der Insel Terceira das erste Hospital errichtete. Die meisten ihrer Aufgaben hat inzwischen der Staat übernommen. Geblieben aber ist das soziale Engagement in den Gemeinden, das ein Mal im Jahr beim Heilig-Geist-Fest für jeden sichtbar zum Tragen kommt. Von April bis September steht dann fast jedem Wochenende irgendwo auf den Azoren eine Feier auf dem Programm.

Schon donnerstags kommt Leben in die Dörfer, ziehen die Menschen gemeinsam auf die immer grünen Wiesen. An ihrer Spitze der Mordomo, der Gastgeber. Ein reicher Geschäftsmann kann das sein, der das Fest aus eigener Tasche bezahlt. Oder auch ein paar Bauern, die zur Feier zusammenlegen. Und nicht selten ist der Mordomo einer, dem das Los die Rolle zugeteilt hat. In diesem Fall übernimmt die Bruderschaft die Finanzierung, müssen Versteigerungen und Tombola die Kosten decken. Kälber sind das Festmahl, ein oder mehrere Tiere, die sich vor der Schlachtung noch einmal in Gala zeigen. Am Dorfrand klebt ihnen die Festgesellschaft bunte Papiere aufs Fell, so als ginge es zum Karneval. Hinter dem Haus des Mordomo aber, der seinen Gästen ständig neuen Wein auftischt, schlägt der Rindviecher letztes Stündlein.

Mit scharfen Messern rücken ihnen eine Handvoll Männer zuleibe. Ein eingespieltes Team, das den Metzger ersetzt. Nebenan rühren die Frauen im großen Topf die Suppe, kochen Reis und Mais. Rote und blaue Flaggen, bestickt mit einer Taube, dem Symbol des Heiligen Geistes, weisen jedem an den Festtagen den Weg zum Mordomo. Auf kleinen Haus-altären liegen die Insignien seiner Macht zwischen frischen Blumen. Zepter und Krone, beide ganz aus Silber. Freunden und Verwandten steht das Haus des Mordomos immer offen. Und natürlich auch allen anderen im Dorf, die Lust auf ein Schwätzchen haben.

Irgendwann packt einer vielleicht die Gitarre aus, wird die Andacht zur Jam-Session. Höhepunkt des Heilig-Geist-Festes ist der Sonntag, wenn sich Jung und Alt gegen Mittag zum Gottesdienst treffen. Zur großen Messe mit Weihrauch und Lobgesang. Alle Augen richten sich dann auf die Krönung des Mordomos und seiner Königin, auf die Übergabe von Krone und Zepter durch den Pfarrer. Festgeläut und Blitzlichtgewitter beschließen die Zeremonie, die Coroacoa do Imperador, die Kaiserkrönung, deren Bilder in keinem Familienalbum fehlen. Nach der Kirche geht es im feierlichen Zug zum Imperio. Zu den kleinen Tempeln, in denen Krone und Zepter öffentlich ausgestellt werden. Voran ziehen die Musiker im Sonntagsstaat. "Philharmonikas" nennen sie die Einheimischen, Spielmannszüge, die zum Heilig-Geist-Fest mehr und mehr den Ton angeben. In den größeren Dörfern haben sie die so genannten Folioes verdrängt, die Narren. Nur hin und wieder treten diese noch als Gesangs-Trio auf, mit Lobliedern auf den Heiligen Geist zumeist, aber auch mit gesellschaftskritischen Tönen. "Die Narren", sagt einer, "sind der Wahrheit verpflichtet. Sie prangern Missstände an, nennen Unrecht beim Namen." "Denn der Heilige Geist", fügt er augenzwinkernd hinzu, "muss die Wahrheit sprechen."

Schließlich erreicht die Gesellschaft das Imperio, die Heilig-Geist-Kapelle. Taube und Krone zieren ihr Dach, die Zeichen des Festes. Früher waren diese Tempel meist ganz aus Holz, wurden erst zur Feier aufgeschlagen wie heute noch auf der Insel São Miguel.

Auf Terceira dagegen sind die Imperios längst architektonische Meisterstückchen. Touristische Vorzeigeobjekte, die in jedem Reiseführer Erwähnung finden. Nehezu 60 an der Zahl haben Fachleute auf der Insel ausgemacht. Bunte Tempelchen, die sonst meist leer stehen. Zum Heilig-Geist-Fest aber sind sie Treffpunkt der Einheimischen. Voller Andacht knien die Insulaner dort sonntagmittags vor Krone und Zepter, bitten um die Fürsprache des Heiligen Geistes. Vor Erdbeben und Vulkanausbrüchen soll er sie bewahren. Vor Naturkatastrophen, wie sie die Azoren regelmäßig heimsuchen. Nicht zu übersehen sind schließlich bis heute die Zerstörungen in Angra do Heroismo, der Hauptstadt Terceiras, wo kräftige Erdstöße 1980 große Teile der Stadt zerstörten.

Auf Faial, der mondänsten aller Inseln, zeugen riesige Lavafelder im Westen vom letzten Vulkanausbruch 1957. Und auf Pico erzählen die Einheimischen gern vom Heilig-Geist-Fest des Jahres 1718, als der Vulkan nur ein Imperio verschont habe, in dem die Menschen vor der glühenden Lava Zuflucht gesucht hatten. Beim gemeinsamen Essen an den langen Tafeln denkt jedoch keiner an Katastrophen. Dafür schwärmen alle von der "Sopa do Espirito Santo", der Heilig-Geist-Suppe. In großen Schüsseln kommt sie auf den Tisch. Brühe und Brot, garniert mit ein paar Pfefferminzblättern. Eine Spezialität, die man zu Pfingsten auch in vielen Restaurants serviert. Dazu Wein, roten in der Regel, derb und kräftig, nicht unbedingt einer für jeden Gaumen. Früher wurde er in geschmückten Ochsenkarren zum Imperio gebracht. Eine Tradition, die nur im Norden Terceiras überlebt hat, wo bunte Karren noch heute den Rahmen des Festes bilden.

Viele hunderttausend Menschen haben die Azoren im vergangenen Jahrhundert verlassen, sind ausgewandert Richtung Westen, wo sie sich Arbeit und Wohlstand erhofften. Auf eine Million schätzen Statis-tiker inzwischen die portugiesische Exil-Gemeinde, die den Brauch des Heilig-Geist-Festes in der neuen Heimat weiter pflegt. In Brasilien zum Beispiel, wo er seit mehr als 400 Jahren bekannt ist. Oder in Amerika, wo Portugiesen dem Heiligen Geist seit mehr als 100 Jahren feierlich huldigen.

Seit die ersten Auswanderer auf die Azoren zurückgekehrt sind, wird allerdings in Ribeira, einem Fischernest auf Pico, "amerikanisch" gefeiert, marschieren zu Pfingsten neben dem Kaiser in schmucker Uniform viele kleine Königinnen. "Queens" nennen sich die Mädchen in den prunkvollen Kleidern, die den im Ausland erworbenen Wohlstand stolz präsentieren. In Ribeira ist das Heilig-Geist-Fest zur Selbstdarstellung rückgekehrter Auswanderer geworden, zum glanzvollen Aufzug einer geschlossenen Gesellschaft, für die man auf der anderen Seite der Insel wenig übrig hat.

Für die große Gala fehlt es dort an Geld. Hier ist das Fest noch immer Armenspeisung. "So viel", sagt eine Frau beim gemeinsamen Mahl am langen Tisch, "habe ich schon lange nicht mehr gegessen." Ihr Mann sei arbeitslos, die Zukunft unsicher. Da lasse sie sich gern verwöhnen. Gleich nach dem Essen aber ist sie zum Tellerwaschen in der Küche verschwunden. Schließlich wird das Geschirr schon im nächsten Dorf erwartet, beim nächsten Heilig-Geist-Fest.

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