Zeitung Heute : Reise der Woche: Hawaiis Big Island - Explosive Insel der Paradiesvögel

"Yabadabadoooooo" - schrill fliegt unser Schrei in die feuchte Frische des Morgens. Beim Flug über die sanften Bodenwellen der "Red Road" kann nur so ein steinzeitlicher Ur-Brüller die Glückseligkeit des Moments in "Worte" fassen, denn das ist Hawaii pur: Sich auf der Ladefläche eines uralten Pick- Ups die Insel um die Ohren brausen lassen. Dabei bläst einem der "Aloha-Spirit" durch jede Pore mitten ins Herz.

Die Straße im Südosten des Big Island von Hawaii ist zum größten Teil noch unbefestigt und schlängelt sich entlang der jüngsten, tief lava-schwarzen Küste durch wild wuchernden Urwald, unter großen lianenbehangenen Fruchtbäumen und Palmen hindurch, vorbei an wüsten Felsen, Feldern und üppiger Savanne ins Land des New Age. Hier im von Touristen eher gemiedenen Distrikt Puna, dem Schauplatz des Zerstörens und Erschaffens durch den allgegenwärtigen Vulkan, leben die Paradiesvögel unter den Aussteigern: die Künstler, Alternativen, spirituellen Exis-tenzen ...

Auf der Suche nach Erleuchtung, Nirvana, WuWei, Göttlichkeiten, Außerirdischen und nach sich selbst fanden sie hier ihr Dorado: Tropische Unbeschwertheit dominiert den vermeintlich paradiesischen Alltag - abendländische Zivilisation mit all ihrem Komfort ist stets in greifbarer Nähe. Land ist in dieser Gegend entwaffnend preiswert und sehr fruchtbar, so dass selbst die extrem hohen Lebensmittelkosten auf Hawaii kein Hinderungsgrund sind: Wer kann, baut selbst an oder bedient sich bei den zahlreichen wild wachsenden Bäumen, die das ganze Jahr über Früchte tragen. Kein Wunder, dass die meisten "Punatics" (von "lunatics" = Wahnsinnige), wie die Einheimischen liebevoll-ironisch vom Rest der Insel genannt werden, sich vegetarisch, vegan oder streng organisch ernähren. Das Resultat überzeugt: wer hier nicht mindestens zehn Jahre jünger aussieht, muss schon einen ungesunden Lebensstil pflegen, denn die Körper der Umgebung sind knackig, drahtig, sonnengebräunt, glatt und glücklich.

Am Kehena-Beach, dem einzigen offiziellen Nacktbadestrand Hawaiis kann man sich davon überzeugen. Hier tummeln sich Tagträumer und Weltverbesserer zur Entspannung. Bei unserer Ankunft ist es noch früh am Tag, der pechschwarze feine Sand glänzt von der Feuchte des Morgens, während die Palmwipfel über unseren Köpfen bereits majestätisch den Delfinen zuzuwinken scheinen, die sich keine 30 Meter entfernt in der Bucht tummeln.

Der Strand hat sich bereits gefüllt: ein etwa 40-jähriger Yogi summt auf dem Kopf stehend, daneben ein Kind, das vom "Coconut-King" dem "Bezwinger" der größten Kokosnusspalmen, am Schaukelseil hängend geschwungen wird. Gerade kommt Millionär William, die beiden zahmen Papageien links und rechts auf seinen Schultern hockend. Ein hellhäutiges Strahle-Mädchen mit entspannt geweiteten Pupillen bietet ihre frischen Hasch-Kekse feil. Im Hintergrund turnt ein muskulöser blonder Rasta auf den scharfkantigen Felsen hin und her - bei näherem Betrachten wird klar, dass er schon im besten Opa-Alter ist. Er redet mit den Steinen, Tag für Tag.

Vielleicht betet er zu Pele. Die Feuergöttin ist das verehrte und gefürchtete Oberhaupt der Insel. Noch vor der Dämmerung gewährte sie uns Gästen heute morgen eine Audienz, dort, wo ihr "Tanz" heiße Lava direkt ins Meer fließen lässt und dabei eine gigantische Dampfwolke gen Himmel schickt. Der "Lava-Flow" des Kilauea befindet sich südöstlich, in der vor etwa zehn Jahren zerstörten Region Kalapana. Auf dem ehemals an der Küste entlang um die Insel führenden Highway fährt man an der Absperrung vorbei - ein Jeep mit Allrad-Antrieb ist wie bei den meisten anderen interessanten Ausflugszielen unentbehrlich. Über eingeebnete Lava und Straßenfetzen passiert man die Schauplätze einstiger Vernichtung, erreicht den Beginn einer riesigen, kahlen Ebene. Vierzig Wanderminuten entfernt leuchtet vielversprechend grausig und tiefrot vor dem Hintergrund der Schwärze der Nacht die Wolke. Bald brauchen wir die Taschenlampen nicht mehr - das unheimliche Glühen erhellt uns Weg und Gesichter. Ergriffen, ehrfürchtig bleiben wir am Rand eines Abgrunds stehen und huldigen dem Naturwunder in der Tiefe, das glühende Felsbrocken meterhoch in die Luft speit, die zischend ins Meer fallen, während unser erfahrener Begleiter ungerührt die neuesten Fotos für seine Verkaufskollektion knipst.

Zum Lunch geht es nach Pahoa, einer Stadt, in der die Zeit vor dreißig Jahren scheinbar stehen geblieben ist. Die "Main Street" ist eine schrullige alte Berühmtheit, deren vom Zahn der Zeit angefressenen Charme man sich längst noch nicht entziehen kann. Im Wes-ternstil aus Holz erbaut und bunt angestrichen beherbergen die Häuser Exotisches aus aller Welt: Vor allem kulinarische Genüsse der internationalen Cuisine (im eher lässig-urig bis schrägen Ambiente serviert), außerdem aber esoterische Kleinode aller Art. Von Kamasutramassageöl, Räucherstäbchen, Tarotkarten bis hin zu Schmuck, Plüschtieren und einschlägiger Lektüre gibt es alles, was so das New Age-Herz begehrt.

In Pahoa bekommen wir auch die wohl beste Linsensuppe der Insel serviert, in einem Café mit eingebautem Trödelladen von der süßesten älteren Dame der gesamten Umgebung, die uns so wohltuend an eine ganz normale Großmutter erinnert... Wir halten einen Plausch mit dem Besitzer des Eis-Ladens, der früher angeblich ein echter Kumpel von Jimi Hendrix war und das selbstgemachte Eis gern mit ein paar alten Stories garniert.

Anschließend befördert uns unser Begleiter in seinem rostigen, polizeilich natürlich nicht erfassten Schlitten gemächlich in ein Gebiet, das jenseits von Afrika lang vergessene Träume von Robert Redford und (Foto-)Safaris weckt. Nahe des Green Lake, einem mit Wasser gefüllten Krater, gleicht die Natur afrikanischer Savanne, spenden einzelne weit ausladende Bäume Schatten inmitten üppig grüner Wiesen. Das Gefühl, auf einem anderen Kontinent zu sein, ist perfekt. Von den 13 Klima- und Vegetationszonen der Erde kann man auf Big Island, das sich bequem an einem Tag umrunden lässt, elf finden. Die Übergänge sind teilweise schockierend abrupt und einmalig faszinierend. Dies macht den Reiz der Insel aus: Sie ist nicht nur tropisches Paradies, sondern weitaus mehr, schenkt an einem Tag Erlebnisse, die abwechslungsreicher nicht sein könnten.

Unser Tag geht mit einem "Gathering" zur Neige. Ums Lagerfeuer versammelt, trommelnd, singend und tanzend feiern diese exotisch schrägen Vögel den 39. Geburtstag von Jésus, dem mexikanischen Tantra-Jünger, der traditionell hawaiianisch kostümiert einen Ehrentanz ums Feuer geben muss. Der aufgehende Vollmond erhellt den Horizont und leitet eine Nacht der Vergangenheit für uns ein, friedliche Nostalgie, begleitet von meditativen Chants und Bob Marley und Dylan Songs.

Die Punatics sind gastfreundlich - wer in ihr Leben Einblick nehmen will, dem bieten sich einige Möglichkeiten. Auch dem, der fest der Überzeugung ist, sich keinen Hawaii-Urlaub leisten zu können, kann unter Umständen geholfen werden. Verschiedene Kommunen sind auf der ständigen Suche nach aufgeschlossenen Gästen (oder Mitgliedern), die unter rus-tikalen Bedingungen mit ihnen leben. Dies bedeutet meist ein Leben in hüttenartigen Unterkünften aus mit Moskitonetz umspannten Pfählen, Holzfußboden und einem Dach - mitten im Dschungel.

Auf der Sustainable Perma-Culture-Farm "Aina Ola" (Land der Lebendigkeit) wohnt man nur unter gespannten Foliendächern, als Toilette dient ein Eimer im Garten, denn der menschliche Abfall gilt hier als wertvoll und wird fachgerecht dem Boden wieder zugeführt ... Wer sich für ökologisch nachhaltige Landwirtschaft interessiert, kann hier also noch etwas lernen. Beim Aufenthalt sind das Essen - ausschließlich Rohkost, wenn man mag auch Fleisch und Insekten - und die Unterkunft inbegriffen. Kostenpunkt: Vier Stunden Arbeit täglich. Dabei studiert und praktiziert man eine eigenwillige Anbauart, angeleitet von qualifizierten "Lehrern". Und man reagiert sich körperlich herrlich ab, lernt dabei, wie man Kokosnüsse perfekt mit der Machete öffnet. Wem das alles zu stressig ist, der kann statt zu arbeiten auch zahlen (20 Dollar pro Tag), und die Zeit mit vertrauten Tätigkeiten verbringen: Telefonieren, im Internet surfen, Videos schauen. Die urzeitlich anmutende Behausung ist hochmodern ausgestattet. Solarenergie sorgt für Strom und liefert warmes (Regen-)Wasser zum Duschen.

"Work-Exchange" - Arbeit statt Bezahlung - bietet, speziell für Frauen, die Kommune "Earth Song" im Süden der Insel. Für nur zweieinhalb Stunden Gartenarbeit täglich kann frau in einer Stätte der Heilung, Selbstfindung, Erkenntnis leben, die von der "Psychologin, Shamanin und Sozialarbeiterin" Rashani geleitet wird. Die Gemeinschaft befindet sich nahe der Ortschaft Naalehu auf einem liebevoll gestalteten Stück Land, auf dem die Trampelpfade "Weg der Meditation" und die Holzbutzen "Tempel der Kristalle" heißen.

Wir bewohnen eine kleine Hütte, gar allerliebst ausgestattet: Eine Kochnische, fließendes Wasser, ein zwei Mal zwei Meter großes "Schlafzimmer". Morgens um halb sieben wird der Tag mit Traumdeutung und Meditation im "Göttinnen-Tempel" eröffnet. Die Tage verbringen wir mit "richtigen" Gästen (die für dieselbe Übernachtung ohne Verpflegung 50 Dollar bezahlen) und mit deren Programm: Viel Singen, Ausflüge, indianische Schwitz-Sitzungen, Gespräche. Ein Gast, Unternehmensberaterin aus San Francisco, begleitet uns auf einer Wandertour zum South Point mit seinem grünen Sandstrand, der in einsamer Schönheit wirklich smaragd-grün und tatsächlich zuckerfein am Fuß eines Kliffs liegt.

"Mit 40 noch einmal alles in Frage stellen und die Welt bereisen" - mit diesem Motiv landet man wohl automatisch auf Big Island. Gemeinsam kämpfen wir uns durch den Sturmwind entlang der schutzlos ausgelieferten Küste ans Ziel, es tost in den Ohren, die Zähne knirschen vor Staub und Anstrengung. Der Anblick entschädigt für die Strapaze allemal - überwältigt spielen wir in dem glitzernden Sand, dessen Farbe kein Foto im Reiseprospekt richtig wiedergeben kann.

Zum Sonnenuntergang geht es nach Kona - der Westseite der Insel, vorbei an Viehweiden, die unendlich weit scheinen, trocken ockerfarben vor sich hin stauben und mit zahlreichen Windrädern bestückt sind. "Das ist Texas!", ruft unsere Begleiterin, die erst seit zwei Tagen auf der Insel ist. Wir haben uns schon längst daran gewöhnt, dass es eben (fast) nichts Landschaftliches gibt, was uns hier nicht begegnen könnte. Ist es doch erst ein paar Tage her, dass wir im Volcano National Park, im Zentrum der Insel, auf unseren Bäuchen die Sanddünen in einer Wüste hinunter gesurft sind.

Der Südwesten Hawaiis ist der wohl kargste Teil der Insel: Meilenweit nur wenig Vegetation, dafür starre Lava so weit das Auge reicht. Es ist vermutlich Ironie des Schicksals, dass sich ausgerechnet ein kleines Stück weiter nördlich, inmitten trockener, ödester Landschaft das touristische Zentrum der Insel formierte, mit Luxus- Hotels, Shopping-Meilen, Bars und Restaurants. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass hier die weißen Puderzuckerstrände sind, von denen der Hawaii-Tourist träumt und daran, dass es hier fast nie regnet. Längs des Highways gen Norden liegt der berühmteste Strand der Insel: Hapuna Beach, schier endlos, fast weiß und fast schön - wenn nur nicht die Massen dunkler Touristen-Flecke die Idylle trüben würden.

Wir verlassen diesen Ort, der angeblich zu den besten Stränden der Welt zählt, sehr schnell wieder, Richtung Süden, wo uns unser uralter Jeep nach wenigen Minuten über einen abenteuerlich miesen Weg zurück zum Meer schüttelt. Der Anblick entschädigt für jeden Schweißtropfen und ruft uns überdeutlich aus dem faden Touri-Alptraum wieder in die hawaiianische Realität zurück: Der "Beach 69" breitet sich unter Schatten spendenden Bäumen vor uns aus. Der Leib eines Baumes liegt wie eine riesige abstrakte Skulptur vor uns, teilt den Strand in zwei Hälften, verbindet Sand und Meer mit seinen lang verzweigten Armen die völlig von Sonne und Wind ausgeblichen sind, sich hell und glatt teils knorrig, teils graziös anschmiegsam ausstrecken. Wohlig kuhlen wir uns mit dem Schlafsack in den weichen Boden, leise rieselt der Sand unter uns. Der Schein des Feuers tanzt noch ein Weilchen auf unseren Gesichtern, während wir sanft entschlummern.

Heute erkunden wir den ehrwürdigsten, mysteriösesten Teil der Insel, das "Tal der Könige", Waipio Valley im Nordosten. Geheimnisvoll schön schon der Blick vom Aussichtspunkt hinab zum Strand, wo meist stürmischer Wind den Wellengang meterhoch und herausfordernd werden lässt, so dass in wildestem Wasser, bunte Punkte erkennbar sind - die wahren Männer der Insel, die mit oder ohne Surfbrett den Ozean bezwingen wollen. Im lichten Wäldchen, in das der dunkelgraue Strand übergeht, hausen ungeachtet des feucht-kühlen, regnerischen Klimas zahlreiche Camper. Ein recht breiter Fluss mündet hier ins Meer, dessen Lauf wir zurück verfolgen. Da das Ufer teilweise steil und unbegehbar ist, müssen wir oft den Strom durchqueren. Der Kampf gegen das kühle, kristallklare Wasser wird schon bald halsbrecherisch, immer dichterer Nebel verschleiert die saftig grüne Vegetation des Tales, während wir verbissen unserem Ziel entgegen stolpern, rutschend, schnaufend, erwartungsvoll. Der Lohn für die Mühe raubt uns dann vollständig den Atem: Über einem spiegelblanken See tosen zwei Wasserfälle, mehr als 300 Meter hoch, unter denen wir uns die Strapazen abduschen - sprachlos angesichts der tropischen Szenerie, ganz hingegeben dem kraftvollen Schwall erfrischender Lebendigkeit.

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