Zeitung Heute : Reise der Woche: Ho Chi Minh auf der Anrichte

Jörg Kersten

Le Van Dong ist der Fahrer unseres Russenjeeps. Vier Jahre hat der sympathische Vietnamese Tanklastzüge durch die libysche Wüste bewegt, um sich das gebrauchte russische Militärfahrzeug leisten zu können. Vier Jahre Enthaltsamkeit für ein Ungetüm, das heute seiner Familie ein Einkommen sichert, und das wir sofort mögen, als wir es das erste Mal in Augenschein nehmen. Sowohl im Innenraum als auch unter der Motorhaube geht es jedoch weniger um Luxus, sondern eher um den Zweck - Dong muss das Gefährt auf der 2000 Kilometer langen Strecke selbst reparieren können, da Werkstätten in den Bergen Nordvietnams kaum zu finden sind.

Obwohl das militärisch sensitive Gebirgsland an der chinesisch-laotischen Grenze schon 1993 für Ausländer geöffnet wurde, spielt es für den Vietnamtourismus bisher kaum eine Rolle. Wer sich allerdings die Mühe macht, diese Region mit ihren Bergen, tiefen Schluchten, Dschungeln, Seen und reißenden Flüssen auf eigene Faust zu entdecken, der wird künftig von einer seltsamen Sucht getrieben. Der Drang zurück zu kehren, ist enorm stark.

Cao Bang, schon weit oben im Nordosten gelegen, erreichen wir nach zwei Tagen. Der quirlige Markt, ein kunterbuntes Flickwerk aus Bretterbuden und aufgespannten Plastikplanen, ist dem täglichen Ansturm der Besucher kaum gewachsen. Im Zentrum sitzen die Händler und Schmuggler, die von der politischen Schönwetterlage zwischen Peking und Hanoi profitieren. Nguyen Truong Phi hat gut lachen. Er gründete 1992 im Jahr der offiziellen Öffnung der Grenze zu China seine "Imexco Hanam" und ist reich geworden. "Ich verkaufe Gemüse, Shrimps, Taschenkrebse und Schwalbennester an die Chinesen und importiere dafür Fahrräder, Uhren und Videogeräte."

Geschäftsleute wie Nguyen Truong Phi aber sorgen vor, denn an ein freundschaftliches Verhältnis zum übermächtigen Nachbarn China auf ewige Zeiten mag in Cao Bang niemand recht glauben. So investiert Herr Nguyen in so manche Immobilie an der Küste, möglichst weit weg. Ab und an wird das scheinbar entspannte Verhältnis denn auch durch kleinere Reibereien entlang der Grenze angekratzt. Ein von Eifersüchteleien besonders belasteter Ort sind die Wasserfälle von Ban Gioc, einen Tagesausflug von Cao Bang entfernt mit dem Jeep zu erreichen. "Vietnam boxing China" wird auf dem Ausflug zu den Wasserfällen zum geflügelten Wort. Unser Fahrer erzählt nicht ohne Nationalstolz und mit Hilfe von Karten immer wieder, wie und wo das kleine Vietnam die von Deng Xiaoping geschickten 100 000 Soldaten 1979 in die Flucht schlug.

"Damals", so Dong, "wollte uns China für den Einmarsch in Kambodscha eine Lektion erteilen. Wie Kinder wollten sie uns bestrafen." Dass China bei dieser Strafaktion mit 20 000 Toten hart getroffen wurde, empfindet Dong als gerecht: "Schließlich waren wir Vietnamesen es, die das kambodschanische Volk von den Mörderbanden Pol Pots befreiten."

Dong wirkt nervös auf der 60 Kilometer langen Fahrt in das Grenzgebiet. Wir dagegen lassen uns von einer Landschaft aus Kalksteinhügeln, die wie Hüte aus der saftiggrünen Landschaft ragen, betören. Wasserläufe, gesäumt von Bambushainen, bringen uns regelrecht ins Schwärmen. In Dörfern und auf Märkten werden wir von den Frauen und Kindern der Nung, die indigogefärbte Trachten tragen, vorsichtig bestaunt - zu gegensätzlich sind die Welten, die da aufeinander treffen. Kontaktfreudig sind die Männer, die an Markttagen gegen Mittag allerdings auch schon ein gutes Quantum lokalen Reisschnaps intus haben. Zum wiederholten Male werden wir in die mit Stroh gedeckten ebenerdigen Lehmhäuser geladen, wo man uns direkt am Ahnenaltar bewirtet, für die Nung der Platz für Ehrengäste.

Die Angehörigen dieses Bergvolkes verehren ihre Verstorbenen, Buddha und Ho Chi Minh gleichermaßen. Wie das Abbild eines Gottes ist das Foto des Staatsgründers auf der wurmstichigen Anrichte aufgestellt, eingerahmt von Räucherstäbchen und Opferschälchen. Die besondere Verehrung Ho Chi Minhs bei den Nung ist darauf zurückzuführen, dass der als Befreier empfangene "Onkel Ho" 1941 hier in dieser Gegend erstmals nach 30-jährigem Exil wieder vietnamesischen Boden betrat. Nur durch die tatkräftige Unterstützung seitens der Nung gelang es Ho Chi Minh, den Widerstand gegen japanische Besatzer und französische Kolonialisten zu organisieren.

Die angeheiterte Gemeinde beobachtet uns genau, und so wird es für uns zur Ehrensache, Tabak aus dicken Bambusrohren zu schmauchen, Kräuterschnaps, Tee und Betelnüsse zu probieren. Nach allerhand Palaver über das Woher und Wohin will man uns dann gar nicht mehr ziehen lassen, denn Duc (Deutsche) als Gäste zu haben, ist in den Dörfern der Nung kein alltägliches Ereignis.

Im Fokus der Grenzsoldaten

Kurz vor dem Grenzgebiet begleitet uns ein bewaffneter Soldat der vietnamesischen Grenztruppen. Wird es Ärger geben? Eine Befürchtung, die sich schnell verflüchtigt, als wir nach einer Schlitterpartie auf matschigen Wegen plötzlich unten im Tal das blaugrüne Wasser des Quy-Xuan-Flusses ausmachen können. Durch satte Reisfelder schlängelt er sich bis zu jener Stelle, wo er seine Fluten 30 Meter tief und 300 Meter breit über den An-Giac-Wasserfall gießt - ungeheuer schön, ungeheuer gewaltig.

Es verwundert nicht, dass Chinesen und Vietnamesen seit Jahren um dieses Fleckchen Erde streiten, denn das, was sich uns da im Sonnenschein präsentiert ist ein Juwel an Naturschönheit ... Wir genießen das erfrischende Bad in den klaren Pools unterhalb der donnernden und stäubenden Kaskaden - nicht immer sicher, ob wir uns nun auf vietnamesischem oder chinesischem Boden befinden. Sicher ist nur, dass die Grenzsoldaten jene Europäer argwöhnisch betrachten, die so unverhofft in das Blickfeld ihrer Ferngläser geraten sind. Wir indes lassen uns nicht stören, denn so viel Natur muss einfach allen Menschen gehören. Allein Dong wirkt erleichtert als wir diesen fantastischen Ort verlassen. "China boxing Vietnam - man weiß nie, denen da drüben ist nicht zu trauen."

Das Wetter schlägt um. Nach Blitzen und beängstigenden Donnerschlägen öffnen sich die Schleusen des Himmels. Unser Fahrer ist besorgt - im Gebirge Vietnams kann unverhoffter Regen Pläne schnell zunichte machen.

Wie immer starten wir früh - bei Dauerregen. Das poröse Verdeck des betagten Jeeps ist der Nässe nicht gewachsen. Überall bahnen sich Rinnsale ihren Weg durch die Plane. Die Wolken hängen so tief, dass sie uns als kaltnasser Nebel die Sicht auf die Täler nehmen. Fröstelnd in Regenponchos gewickelt und in die Sitze gedrückt, widmet sich jeder seinen Gedanken.

In dem Provinznest Bao Lac ist Schluss. Die Piste ist nicht mehr zu befahren. Angehörige der Tay und Nung, die die Strecke mit dem Pferd begehen, berichten von Erdrutschen, die ein Weiterkommen unmöglich machen. Für uns bedeutet dies ein Abdriften bis weit nach Süden und einen Umweg von mehr als 300 Kilometern, um auf befestigteren Wegen hinüber nach Sa Pa zu gelangen - Ziel des ersten Teils dieser 2000 Kilometer-Tour.

Dong raucht viel zu viele filterlose Dalat - die vietnamesische Gauloise sozusagen. Die würzig scharfe Zigarette in den Mundwinkel geklemmt, nimmt er hinter dem Lenkrad eine Haltung ein, die sich nach der jeweilige Straßenlage richtet. Witternd hat der eher kleine Vietnamese Kinn und Nase nach vorn gestreckt, als könne er bei dem Regen das nächste Schlagloch schon von weitem riechen. Dass zwei herrenlose Fahrräder am Straßenrand angeschrappt auf der Strecke bleiben und der Stand eines Imkers in sich zusammenbricht, ist bei dem Glitsch nicht zu vermeiden und wird mit asiatischem Gleichmut weggesteckt - ein Grund zum Halten ist es keinesfalls.

Am Ba-Be-See kann uns das übliche "We go!" nicht auf die Piste treiben. Wir gönnen Dong und uns eine Bootsfahrt auf dem Nang-Fluss und sind begeistert angesichts der Wunderwelt von Seen, Kalksteinfelsen und Höhlen. Ba-Be bedeutet so viel wie "drei Meere" - eingerahmt von Dschungel erstreckt sich der See neun Kilometer lang über drei Täler. Nguyen Quynh, der Manager des kleinen Ba Be Hotels erzählt uns, dass in den Wäldern dieses schon von den Franzosen geschätzten Naturreservats noch eine Menge Affen, Warane, Bären und Tapire hausen, ja, von Tigern ist die Rede. Freilich können wir auf unserer Flussfahrt hin zum See keine dieser Tiere entdecken.

Dafür sind wir wie verzaubert von malerisch emporragenden Felsformationen, Myriaden von Schmetterlingen und tropischen Vögeln, Orchideen und Urwaldriesen. Es herrscht eine unglaublich friedliche Atmosphäre. Die an den Ufern ansässigen Tai und Dao, die mit riesigen Senknetzen nach Krebsen fischen, winken vorsichtig zu unserem Kahn herüber, wenn sie uns sehen. Imposant aber erscheint uns die Puong-Höhle, die uns samt Nang Fluss und Boot verschluckt, um uns 300 Meter weiter wieder auszuspucken. Als dann ein paar Sonnenstrahlen unsere Gemüter wärmen, sind die Widrigkeiten des Vortages schnell vergessen.

So zuckeln wir im betagten Russenjeep hinauf nach Sa Pa, dem touristischsten Ort der Reise, um nach 1000 Kilometern Schlamm -und Schlaglochpiste unseren malträtierten Gliedern eine Pause zu gönnen. Hier im einstigen Kurort der Franzosen, am Fuße des 3143 hohen Fan Si Pan können wir noch einmal Geld tauschen, Reifen wechseln und die Doppeltanks mit Diesel füllen, bevor wir uns aufmachen zum zweiten Teil der Strecke, entlang der laotischen Grenze durch den wilden Westen Vietnams.

Tipps für Vietnam

Anreise: Nach Hanoi fliegt man zum Beispiel mit Singapore Airlines mit einem Stopover in Singapur, mit Malaysian Airlines über Kuala Lumpur oder mit Air France über Paris und Bangkok.

Visum: Ein vier Wochen gültiges Visum erhält man für 66,20 Euro bei der Botschaft der Sozialistischen Republik Vietnam, Elsenstraße 3, 12435 Berlin; Telefonnummer: 030 / 53 63 01 01. Bürozeiten: montags, mittwochs, freitags von 9 bis 12 Uhr 30 sowie von 14 bis 17 Uhr 30.

Reisezeit: In den regenreichen Monaten Juni bis Oktober sollte man auf eine Reise in das Bergland verzichten, da Erdrutsche, Schlammpisten und fortgerissene Brücken das Fortkommen unmöglich machen können. In den Wintermonaten kann es empfindlich kalt werden. Mit Frost oder gar etwas Schnee muss gerechnet werde.

Übernachtung: In jeder größeren Ortschaft gibt es ein Gästehaus des Volkskomitees, wo man unterkommen kann. Luxus darf man allerdings nicht erwarten. In Sa Pa, dem touristisch noch am besten entwickelten Ort, gibt es bereits eine Vielzahl einfacher Gästehäuser, die kleine Zimmer anbieten und bei der Vermittlung von Führern, die die Dialekte der Bergvölker verstehen, behilflich sind. Die Fahrer von Jeeps kennen Unterkünfte entlang der Strecke.

Geld: Außer in Sa Pa besteht kaum die Möglichkeit, Geld zu tauschen. Der Wechselkurs ist hier weit schlechter als in Hanoi. Es empfiehlt sich daher, für die Tour genügend Geld gewechselt zu haben.

Rundreise: Wer individell im Land unterwegs ist, wird nicht zuletzt wegen der noch lückenhaften touristischen Infrastruktur auf manches Hindernis stoßen. Wer sich für die Dienste lokaler Reiseagenturen entscheidet, kann sich viel Zeit und Ärger ersparen.

Für eine Rundreise durch das Bergland sollte man drei Wochen veranschlagen. Da die Straßenverhältnisse sehr "rau" sein können, ist man gut beraten, in Hanoi einen Jeep zu mieten. Die Reiseagenturen vermieten ihre Fahrzeuge nur mit Fahrer. Die Konditionen sollten vor der Fahrt genau ausgehandelt werden. Normalerweise sind Unterkunft und Verpflegung des Fahrers im Preis enthalten. Informationen und Vermittlung hierzu erhält man zum Beispiel im Darling Café, 33 Hang Quat, Hanoi; Telefon: 826 93 86 oder im Queen Café, 65 Hang Bac, Hanoi; Telefon: 826 08 50.

Bergvölker: Sehr informativ ist das Vietnam Museum of Ethnology in Hanoi. Die gut sortierte Sammlung gibt einen Einblick in die unterschiedlichen Kulturen der verschiedenen ethnischen Minoritäten in Vietnam. Der Besuch des Museums ist ideal zur Vor- oder Nachbereitung der Tour. Adresse: Nguyen Van Huyen, Q. Cau Giay-Hanoi; Telefon: 756 21 93, Fax: 836 03 51. Geöffnet täglich 8 Uhr 30 bis 11 Uhr 30 und 13 Uhr 30 bis 16 Uhr 30. Montags geschlossen.

Veranstalter: Die beschriebene Route bietet kein Pauschalreiseveranstalter an. Die Organisation ist dem Reisenden an Ort und Stelle selbst überlassen. Die leichter zugänglichen Regionen des Landes haben hingegen seit langem den Weg in die Kataloge auch deutscher Veranstalter gefunden. Der Veranstalter Geoplan in Berlin beispielsweise bietet ein umfangreiches Bausteinprogramm für Vietnam an, ebenfalls East Asia Tours in Berlin. Hier wird auch fündig, wer in den Norden Vietnams reisen möchte.

Literatur: Wolf-Eckart Bühler/Hella Kothmann: Vietnam. Reihe Reise Know How, Peter Rump Verlag, Bielefeld 2000, 5. Auflage, 22,50 Euro.

Ethnic Minorities in Vietnam, The Gioi Verlag, Hanoi (erhältlich in den Buchläden Hanois).

Auskunft: Vietnam unterhält in Deutschland kein Touristenbüro.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

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