Zeitung Heute : Reise der Woche: Im Schatten der Sittenwächter - Staunen im Iran, dem Land der Mullahs

Franz Lerchenmüller

Iran Air, Flugnummer IR 720, Frankfurt-Teheran. Abreise in ein Land, von dem die wenigsten sich vorstellen können, wie es seine Gäste empfängt. Ein Testflug gewissermaßen. Ohne Komplikationen. Alles scheint in Butter. Der Marzipanriegel zum Dessert ist vorzüglich, und sogar das Hühnchen in Safran hat geschmeckt. Besser noch: Das Kopftuch der Touristin dürfe bis zur Landung bei den Radikalislamisten Halsschmuck bleiben. Zwar blickt die Stewardess im Maghne, das kaum mehr als Augen und Nase freilässt und seiner Trägerin einen - gelinde gesagt - gouvernantenhaften Ausdruck verleiht, so grimmig sie kann. Aber sie schweigt.

Die weiblichen Passagiere nicht. Ihre so sichtbehindernden wie frisurfeindlichen Tschadors, seit der Revolution von 1979 als disziplinierendes Utensil im Alltag und in Verkehrsmaschinen verordnet, haben sie keineswegs kopflos gemacht. Im Gegenteil. Unterm Schleier wächst Widerstand.

Bereits nach einer halben Stunde am Himmel gibt es die ersten Anzeichen dafür. "Sie helfen uns, wenn Sie Ihr Kopftuch nicht sofort aufsetzen", flüstert die Nachbarin zur Rechten konspirativ, schlägt den knöchellangen Mantel ein wenig zurück, so dass man ihre vom Sprint an kalifornischen Stränden gestählten Waden in der ladenneuen Levis erahnt, und klappt den Laptop auf.

Ladan ist eine junge Geschäftsfrau, die beim Staatsfeind Nummer Eins lebt und im Auftrag ihrer Import-Export-Firma den Amis Tomaten aus Persien schmackhaft machen soll. Sie reist zu Verhandlungen in ihre Heimat. "Wissen Sie, die Akademiker sind weg, die Ärzte und alle, die auf Fachgebieten Know-how haben, und es gibt nicht einmal Unternehmen, die in die maroden iranischen Hotels investieren wollen. Höchste Zeit, das Klima zu verbessern." Ladan ist die erste auf dieser Reise, die den Begriff "Sittenwächter" in den Mund nimmt.

"Die erkennen Sie an ihrem Bart und dem strengen Blick", verrät sie und warnt: "Kein Kopftuch tragen, kann Gefängnis kosten." Versonnen drapiert Maryam, seit Jahren in Deutschland zu Hause und nun zur kranken Mutter unterwegs, ihr Seidentuch. "Iran und die Freiheit der Frau? Ich nehme nur das Schöne aus beiden Ländern mit." Nach Teheran schleppt sie einen Koffer voller Kosmetika und Philadelphia-Käse. "Den hat die Mutti besonders gern."

Gefragt sind bei den Iranerinnen, die sich sowas leisten können, überdies Versace-Tücher, Louis Vuitton-Taschen oder knapp den Po bedeckende Benetton-Kleidchen für daheim, wo der Arm der Wachorgane nicht hinreicht. Diese Dinge zeugen zwar im Mullah-Staat von Dekadenz und konterrevolutionärer Haltung gar, im Frauenzirkel jedoch von gutem Geschmack und dem starken Willen, Modebewusstsein und Selbstwertgefühl nicht etwa bei der Passkontrolle abzugeben. Lange vorm Landeanflug werden Handspiegel und Puderdöschen aufgeklappt, Lippenstifte gezückt, Haarsträhnchen zurechtgezupft und schließlich die Kopftücher schulmädelbrav in die Stirn gezogen. Freilich erst, nachdem die klotzigen Haarspangen, die unterm plättenden Tuch windschnittig den Hinterkopf betonen, und die straff toupierten Haare so arrangiert wurden, dass das verhüllte Haupt ein voller Blickfang wird.

Die Landung ist die zarteste Bodenberührung, seit es Airbusse gibt. Iraner, feinfühlig wie sie sind, können das. Doch mit der Gangway kommt - mitten im brütenden Sommer - das erste Frösteln. Heftiger Wind zerrt an Beinkleidern und Kopfbedeckungen. Dafür ist die Müdigkeit um Mitternacht wie weggefegt. Viereinhalb Stunden hatte der Flug gedauert. Etwa so lang wie auf die Kanaren. Doch Iran - der vorsichtige Auftritt der Neuankömmlinge spricht Bände - ist eine ungleich fernere Weltgegend. Bei der Ankunft platzen die verfrühten Urlauberillusionen munterer solidarischer Intermezzi denn auch jäh. "Haben Sie nichts Anständiges anzuziehen?", bohrt der Reiseleiter anstelle einer anständigen Begrüßung.

Aber noch ruht der bodenlange taillenlose schwarze Schlabbermantel im Koffer. Später wird sich herausstellen, dass er sowieso zu elegant ist für dieses Land, das doch bereits unter Schah Nasser

ud-Din Ende des 19. Jahrhunderts die kessesten, von Pariser Tutus inspirierten Miniröcke öffentlich spazierentrug.

Zu schick auch Chiffontücher und dergleichen, da können sie noch so blickdicht gewickelt sein. Kräuterweiblein-Look ist eben Vorschrift, ein Hauch von Grace Kelly dagegen schwere Sünde. Und das, wo die Gästeseife im Teheraner "Hotel Freiheit", ehemals ein edles Hyatt-Haus, Pin-up heißt. Ein Schelm, wer dabei an Doppelmoral dächte?

Nehmen auch die Südeuropäerinnen die Verhüllungsinstruktionen halb so ernst, die Studienreisetrupps aus Deutschland und Österreich - Individualreisende, die den Fittichen des Regimes leicht entgleiten, werden gar nicht erst zum Besuch ermutigt -, befolgen die Regeln strikt und nehmen der wunderbaren persischen Kultur wegen schon mal in Kauf, spießig zu wirken. Beispielsweise neben den sorgsam geschminkten Studentinnen, die ins Hotel kommen, um mit ihrer aufmüpfig Krawatten tragenden Begleitung - ein als prowestlich stigmatisiertes Accessoire - ein Medizinerexamen zu feiern.

Kaum locken deutsche Damen also die Sittenwächter hervor, die sogar in den Touristenhotels postiert sind und gestandenen Reiseleitern Angst machen. "Halten Sie bloß die islamischen Kleidungsvorschriften ein, sonst verliere ich meine Lizenz", bittet einer der Eingeschüchterten seine Schäflein mehrmals täglich.

Die sollten die Stadt Ghom, wegen ihrer theologischen Hochschulen und des Grabes der Imam-Tochter Fatimeh das gut bewachte Herz der Republik, besser meiden. Hier kann es passieren, dass Uniformierte eine frei laufende Touristin mit Gewehren zu einem abseits parkenden Wagen eskortieren, in dem eine humorlose Amtsperson sichergeht, dass die Aufgegriffene ganz sicher kein Landeskind ist und folglich kaum zu belangen wegen unislamischen Augenaufschlags oder eines Verstoßes gegen die Kleidersitten.

Welche übrigens die Einheimischen längst nicht mehr so eng sehen. Für sie beginnt die Freiheit offenkundig bei den Füßen. Insbesondere in Teheran staunt man auf Schritt und Tritt: Die Reformen kommen daher in Riemchensandalen. Der Lichtstrahl am Horizont sachter Emanzipation - doch nicht nur eine Fata Morgana? - spiegelt sich im penibel aufgepinseltem Nagellack auf Tausenden von funkelnden Zehennägeln.

Erscheint Ghom düster, so empfängt der Reisende, welcher der von Teheran nach Isfahan führenden Hauptroute des Fremdenverkehrs weiter nach Süden folgt, in der Fliesenkapitale Kaschan den ersten zarten Kuss des alten Orients. Hier beginnt das ultimative Tausendundeine Nacht-Terrain. Das herrschaftliche Borudjerdiha-Haus aus dem 19. Jahrhundert birgt dessen Erbe ebenso wie die verwunschenen Fin-Gärten mit ihren sprudelnden Wasserläufen, dem Seerosenbassin und dem Hammam, in dem 1852 ein Premierminister ermordet wurde. Solchen Tatorten blüht die Mär des Wildromantischen. Beschwingt durch Granatapfelhaine und Rosenwasserduft, den die angenehm reservierten Händler am Gartentor bereit halten, und angeregt durch die vom Vogelgesang skandierte Stille dreht der Geist jauchzend Pirouetten. Plötzlich füllt sich Persien - 1935 umbenannt in Iran -, mit kulturhistorisch greifbarem Inhalt.

Und möchte man nicht hier, der luftigen Atmosphäre des Ortes Rechnung tragend, am liebsten im Sommerkleid flanieren statt in dunkler Uniform? Die jungen Mädchen, die mit ernster Lektüre zwischen durstenden Rabatten lustwandeln und sich nach baldigen Ergebnissen der Öffnungspolitik sehnen, lachen. Würde wohl die Fremde mit dem Sonnenhut überm Kopftuch mit ihnen fürs Fotoalbum posieren? Abermals löst das unorthodoxe Verhalten eine Welle der Sympathie aus. Mag er auch nach Großwildjagd in Afrika ausschauen - die Geistlichkeit kann den doppelt verhüllenden Kopfputz kaum geißeln, das spürt eine kluge Frau wie die Physikstudentin Golnas gleich.

"Wir tragen den Tschador aus Tradition und weil es eine Ehre ist", antwortet zwar, wie die meisten ihrer Generation, auch sie auf die Frage nach Schweiß und Tränen beim Tragen des schweren Tuchs in mörderischer Hitze. Kaum eine jedoch gibt Gläubigkeit als Grund an. "Kein Wunder", erklärt ein Exil-Iraner, "seit den Achämeniden sind die Perser Zarathustra-Anhänger, der Islam wurde uns aufgezwungen und passt gar nicht hierher."

Mit der Besichtigung eines friedvoll von Ladensträßchen flankierten Zarathustra-Heiligtums in der ehemaligen Residenzstadt Isfahan werden die Studienreisenden auf die mächtige Imam-Moschee eingestimmt. Ein türkiser Koloss mit gigantischem Gebetssaal und einer Ausstrahlung, die auch Andersgläubige berührt. Von besonderem Zauber indessen ist die perfekt proportionierte, ursprünglich dem Gottesdienst der königlichen Frauen vorbehaltene Shaikh Lotfollah-Moschee. Dem Gottesdienst dürften durch eine Bodenöffnung auch die Haremsdamen beiwohnen. In diesem fensterlosen, aber durch raffiniert ornamentiertes Ziegelgitter erhellten Bauwerk von außerordentlicher Wirkungsmächtigkeit, hält man den Atem zuerst beim Blick nach oben an. Fällt die Sonne nämlich in einem bestimmten Winkel herein, dann zeichnet sich in der Kuppel die Silhouette eines Pfaues ab. Spielereien und Offenbarungen dieser Art haben den Persern, die die schönsten Isfahaner Moscheen auf einem Platz errichteten, der unter Abbas I. auch als Polo-Feld diente, immer gefallen. Sinnlich und sportlich ging es einst zu in dem märchenhaften Land, in dem die Frauen heute gerade mal Federball spielen dürfen. Natürlich nicht ohne ihre Mäntel.

Und wo einst stolze Sportler bei Turnieren zu bewundern waren, knattern jetzt Motorräder zum Basar, und man muss schon hinauf ins Teehaus über den Dächern der Trödlerstraße, um sich ins Gestern zu versetzen. Leichter gelingt das in den Parkanlagen Isfahans. "Bagh" heißt Garten, und die Steigerung davon ist "Behesht", das Paradies. Hasht Behesht war der Palast für den Harem von Schah Soleyman. Ein kunstvoll durchgebildetes oktogonales Architekturwunder. "Ein Ort des puren Vergnügens", strahlt Fremdenführer Reza und zeigt die fantasievoll ausgemalten Separées mit verschwörerischer Miene. Noch beeindruckender ist der Chehelsotoun Palast mit seiner majestätischen Spiegelveranda und den filigranen Wandmalereien, auch 40-Säulen-Palast genannt, weil die Spiegelung der tatsächlich vorhandenen zwanzig im vorgelagerten Wasserbassin die doppelte Anzahl suggeriert.

Und dann Shiraz, vormals Produktionsstätte köstlichen Weines, wovon man sich beim Genuss der beerenartigen Trauben noch ein Bild machen kann. Dieser Ort hatte sich ganz Liebesdingen und der Schönheit verschrieben, denen nicht nur die persische Literatur huldigt. Gar nicht lustfeindlich wurden etwa an Palastfassaden wie der vom Bagh-e Eram offenherzige Romeo und Julia-Szenen angebracht, und in der Loggia des prächtigen Narendjestan-Schlösschens im Orangengarten funkelten die feinsten facettierten Spiegelmosaiken einst mit den Reizen der Gäste um die Wette.

Muss es nun nicht verwundern, dass das "Land der lebendigen Leichen", wie Präsident Chatami es kürzlich genannt haben soll, ausgerechnet mit derartigen Zeugnissen einer höchst lebenslustigen, Körper wie Geist preisenden Kultur an Touristendollars zu kommen sucht? Spätestens am HafisMausoleum, wo sich Jungverliebte im Schutz des Dichters Verse vorlesen, hofft man sehnlich, dass die Menschenrechte in Iran wieder einziehen und womöglich sogar der kultivierte Individual- und Rucksacktourismus.

Wieviele Geheimnisse mag Persien noch hüten, was könnte man wohl alles entdecken, dort drüben, eingebettet in einen "Golestan", den Rosengarten - oder im intensiven Gespräch mit den Menschen, welches die straff organisierte Studienreise kaum erlaubt. Ihre wachen Augen und ihr herzliches Lachen unter widrigen Bedingungen bleiben lange in Erinnerung. Noch nachdem am Frankfurter Flughafen die Haarbürsten hervorgekramt und sämtliche Tschadors verstaut worden sind, womit die eben noch rätselhaften Frauen mit einem Mal alles Mystische verlieren.

Und damit eine Aura, um die sie selbst sehr wohl wissen, welche indes die Spanienurlauberin am nächsten Gepäckband in ihrem Strandkleid, das drei Nummern zu eng ist, niemals begreifen wird. Bei deren Anblick sehnt man, beinahe, ihn herbei: den Schatten der Sittenwächter.

Anreise: Lufthansa und Iran Air fliegen mehrmals wöchentlich ab Frankfurt am Main.

Beste Reisezeit: September bis November und März bis Mai.

Einreise: Der Reisepass muss noch mindestens sechs Monate gültig sein. Das Visum (110 Mark) beschafft der Reiseveranstalter. Individualreisen sind nur in Ausnahmefällen möglich. Sind auch die Auslegungen der Kleiderordnung unterschiedlich: Frauen müssen auf jeden Fall ihr Haar bedecken und einen langen nicht figurbetonten Mantel tragen, der bis zum Hals geschlossen werden kann. Sicherheitshalber sollte man eine Sicherheitsnadel dabei haben - falls es Ärger gibt. Schminke ist erlaubt, aber an heiligen Stätten dürfen die Lippen höchstens mattrosa schimmern.

Veranstalter: Etwa 50 deutsche Reiseveranstalter haben Iran - hauptsächlich als Kulturreiseziel - im Programm. Marktführer ist Studiosus. Dort kosten Reisen in diesem Herbst um 4000 Mark.

Dr. Tigges nimmt 3655 Mark, mit Terramar zahlt man 4165 Mark. Die Leistungen sind meistens ähnlich, Isfahan und Shiraz immer im Programm. Auch die einfacheren Hotels sind sauber, beim recht eintönigen Essen - Hühnchen und Kebab - muss man Zugeständnisse machen. Das einheimische Obst ist köstlich ebenso wie das Gebäck, das alkoholfreie Bier gewöhnungsbedürftig. Alkoholeinfuhr kann bestraft werden.

Oft-Reisen bietet von November an - für zirka 2500 Mark - unter dem Titel "Sherazad" erstmals eine so genannte Frauen-Reise an. Während der einwöchigen Tour können Frauen gemeinsam mit Iranerinnen in Isfahan einen Basar durchstreifen und in Shiraz persische Gerichte kochen.

Geld: Für eine Mark erhält man rund 4000 Rial. Da die Landeswährung nicht zurückgetauscht werden kann, empfiehlt es sich, bei der Wechselstelle im Flughafen keine hohen Beträge zu tauschen. Kreditkarten werden kaum akzeptiert.

Literatur: Der DuMont-Kunstreiseführer Iran (Mahmoud Rashad) ist die kunstgeschichtlich erste Wahl. "Mögen Deine Hände niemals schmerzen" (Bruni Prasske, erschienen bei Hoffmann und Campe) gibt einen ausgezeichneten Einblick ins Alltagsleben aus touristischem Blickwinkel.

Kurios: Der bekannteste Partybau des Irans wird renoviert und künftig auch für Tourismuszwecke genutzt. Das zirkusartige Festzelt steht nahe der antiken Palastanlage von Persepolis in einem Pinienwald und wurde vom letzten persischen Schah Mohammad Reza Pahlavi 1971 aus Anlass der 2500 Jahr-Feier der persischen Monarchie errichtet. Seit dem Ende dieser Ära steht es leer, ohne dass das boudoirrote Interieur voller dekorativer Lüster und Spiegel im Rokoko-Stil an Pracht verloren hat. Bereits jetzt steht das Luxuszelt freitags Besuchern zwischen 8 und 14 Uhr offen, der Eintritt ist frei.

Auskunft: AITO, Große Eschenheimer Straße 43, 60313 Frankfurt am Main; Telefon: 069 / 13 37 66 15, Telefaxnummer: 069 / 13 37 66 21, E-Mail-Adresse: aito.germany@t-online.de

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