Zeitung Heute : Reise der Woche: In der Atacama hat die Zeit kein Maß

Stefan Spath

Vier Uhr früh. Ramon hat eben an die Tür des Hotelzimmers gepocht und drängt zum Aufbruch. "Wir müssen vor Sonnenaufgang da sein, sonst verpassen wir das Beste." Es ist stockdunkel, als sich der Allrad-Wagen durch die staubigen Straßen der Oasen-Stadt San Pedro in die Atacama-Wüste hinausbewegt. Bald tauchen zwei Lichter im Rückspiegel auf - ein Kleinbus, der ebenfalls die nächtliche Tour zu den Geysiren von Tatio unternimmt. 4250 Meter über dem Meeresspiegel geht auf dem chilenischen Altiplano, in einer von Vulkanen und ewiger Trockenheit bestimmten Landschaft, bei Sonnenaufgang ein Naturwunder über die Bühne, das seinesgleichen in Südamerika sucht.

Draußen ist nichts zu erkennen außer dem sternenübersäten Firmament der südlichen Hemisphäre. Klarer glitzern die Himmelskörper wohl nirgendwo als über der Atacama, die sich von Copiapo an die 1000 Kilometer nach Norden bis an die Grenze zu Peru erstreckt und von den Chilenen gern als trockenste Wüste der Welt angepriesen wird. Kaum merklich geht es auf der holprigen Piste bergauf. Nur durch das Knacken in den Ohren lassen sich die 1800 Meter Höhenunterschied zu San Pedro dingfest machen. Als der Wagen stehen bleibt, erfassen die Scheinwerfer eine weite Ebene, deren Ränder die Nacht noch in ihrem Griff hat.

Dick vermummt gegen die empfindliche Kälte und gestärkt mit einem Becher Tee starren die Touristen in die Dunkelheit. In der Stille des Hochplateaus klingen ihre Stimmen wie Fremdkörper. Stück für Stück verlöschen die Sterne. Übrig bleibt als hellstes Sternbild das Kreuz des Südens. Mit dem Hauch des Morgenrots überziehen plötzlich Andeutungen von Rauchfahnen die Hochebene. Als das Tageslicht die Schatten ausdünnt, wird das Geysirfeld in ein unwirkliches Blau getaucht. Aus dem Halbdunkel schälen sich kleine kegel-, pilz- und würfelartige Felsgebilde heraus, aus denen leichter Dampf aufsteigt. Kurz bevor die ersten Sonnenstrahlen über den gegenüberliegenden Bergrücken gleiten, wird das Geschehen mit unheimlicher Dynamik vorangetrieben: Binnen Minuten werden die Geysire von Tatio unter Dampf gesetzt. Wasserfontänen spritzen meterhoch empor. Es brodelt, gurgelt und zischt aus zig Löchern. Das unheimliche Schweigen hat einer keuchenden Lokomotive Platz gemacht.

"Es ist der Temperaturunterschied, der sie zum Dampfen bringt", erklärt der Fremdenführer. Langsam lösen sich Menschen aus ihrem Staunen und bewegen sich in das höchstgelegene Geysirfeld der Welt hinein. Sorgsam wägen sie die Schritte ab, um nicht durch die mancherorts dünne Gesteinskruste zu brechen und bei lebendigem Leib gesotten zu werden. Quellen mit kristallklaren Wasser köcheln vor sich hin. Ihre Ränder säumen rostrote oder grünlich-weiße Ablagerungen von Mineralien. Kegel verbreitern sich zu marmorglänzenden Miniatur-Terrassen und spiegeln sich in den sie umgebenden Pools perfekt wieder.

Man ist versucht, von einem Wunder zum nächsten zu eilen, um das berückende Naturschauspiel in allen Facetten aufzusaugen. Doch das Atmen fällt schwer. Bald wählt man seine Schritte ökonomisch. Nur eine Stunde dauert der Zauber, dann stellt die Sonne, die allmählich den Himmel hinaufgeklettert ist, die Geysire wieder weitgehend ruhig.

Das Atacama-Plateau birgt eine Vielzahl kleiner Wunder. Wie zum Beispiel einen glänzenden Moosteppich, der sich bei Tuchfühlung als bretthart entpuppt. Die merkwürdige Kissenpflanze Llareta schafft sich ökologische Nischen im Felsgewirr und erobert dann im Schneckentempo neues Territorium. Schon die Konquistadoren könnten sich über das Prachtexemplar gewundert haben, das Ramon in einem Seitental ausfindig gemacht hat. In einem abgelegenen Canyon wartet ein weiteres Kleinod. Ein Bach, der hundert Meter weiter wieder versickert, hat der ockerfarbenen Felswüste ein paar kleine, von Schilf gesäumte Teiche und einige Grünflächen abgetrotzt. Vor dem Frühstück waschen sich die Touristen in den Termas de Puritana, die von unterirdischen Magmakammern auf heilsame 35 Grad erwärmt werden und Schwärmen daumennagel-langer Fische Unterschlupf gewähren, den Staub vom Leib.

Bei einer Reise in der Atacama-Wüste stellt sich ein Gefühl der Zeitlosigkeit ein. Nie hat man das Gefühl, hier könnte es je anders ausgesehen haben. Selbst die Toten sind zeitlos. In der Umgebung von San Pedro hat der belgische Jesuitenpater und Hobby-Archäologe Gustave Le Paige in jahrzehntelanger Arbeit Hunderte von Mumien zusammengetragen, die das staubtrockene Klima der Atacama teils Jahrtausende lang konserviert hat. Indianische Kunst- und Gebrauchsgegenstände machen die Ausstellung zu einer faszinierenden Ethno-Schau, die man in diesem Wüstennest mit seinen unspektakulären Adobe-Bauten nie vermutet hat.

Bilder der Unvergänglichkeit auch auf einer Fahrt zum großen Salzsee der Atacama, etwa 50 Kilometer südlich von San Pedro. An einem Berghang zupfen Vicunas, die wilden Kamele der Atacama, an anspruchslosen Gräsern und Sträuchern. Misstrauisch halten sie alle paar Momente inne, um die Besucher zu beäugen.

Eine behelfsmäßige Piste führt tiefer in den Salar de Atacama hinein. Eine Herde Ziegen erscheint als flirrende Kontur am Horizont. Oder sind die Tiere doch nur eine Fata Morgana, eine Luftspiegelung jener Ziegenherde, die in einigen Kilometern Entfernung den Weg gekreuzt hat? Man hat so seine Zweifel. Im Norden und Osten, nahe der Grenze zu Bolivien, türmt sich eine Vulkankette bis zu einer Höhe von 6000 Metern auf. Der Licancanbur und der Lascar sind in diesiges Licht gehüllt. Blitze entladen sich an den Hängen, ohne Regen zu bringen. Gespeist von Schneefeldern der Anden, hält sich das kostbare Wasser im Backofen der Atacama nicht lange. Von einem Salzsee lässt sich eigentlich gar nicht sprechen. Die meisten Senken sind ausgetrocknet und zu Salz erstarrt, in bizarren Formen mit der Oberfläche verschmolzen und mit Rändern weiß wie Schnee.

An einer der wenigen Lagunen in der Salzwüste haben sich Studenten der Universität von Santiago in einem klapprigen Bus eingerichtet. Sie untersuchen in einem Langzeit-Projekt das Fortpflanzungsverhalten der Anden-Flamingos und wachen darüber, dass die Tiere von den Besuchern des Naturschutzgebiets nicht belästigt werden. Näher als hundert Meter kann man sich auf dem knirschenden Wüstenboden nicht anpirschen, ohne dass sich die Flamingos in die Lagune zurückziehen. In unnachahmlicher Grazie schreiten die rosa Gesellen im seichten Wasser umher, verharren einige Momente wie grübelnde Philosophen, um dann bedächtig mit ihrem hochspezialisierten Schnabel Wasser aufzusaugen und wieder hinauszupumpen. Kleinsttiere und Algen bleiben zurück, Nahrung, die ihnen kein anderes Lebewesen streitig macht. Dass in der salzigen Brühe überhaupt Leben existiert und eine Nahrungskette begründet, gehört zu den Überraschungen der Atacama.

Schon seit Urzeiten ringen Menschen jenen Teilen der Wüste, die durch ein paar Tropfen Wasser gesegnet sind, mit ausgefeilten Bewässerungstechniken eine karge Existenz ab. Wenn die Wasserläufe versiegen oder sich ein anderes Bett suchen, lassen sie ihre Ziegelbauten und Toten zurück. Die Umgebung von San Pedro ist geradezu gespickt mit Überresten des Atacemeno-Volkes, das vom 12. bis 15. Jahrhundert seine Blütezeit erlebte und schließlich unter die Herrschaft der Inkas geriet. Bald darauf kamen die spanischen Eroberer und ließen keinen Stein auf dem anderen. Mit 30 Mann stürmte der Konquistador Francisco Aguirre im Jahr 1540 die Festung Pukara Quitor drei Kilometer nördlich vom heutigen San Pedro und ließ die Inka-Fürsten massakrieren. Die Stätte ihres Sieges weihten die Spanier dem heiligen Petrus.

Das Berauschende an San Pedro nach der monotonen Anreise durch die mit Geröll übersäte "Ebene der Geduld" ist all das Grün. Verlaufen könnte man sich zwischen den hohen Hecken und Adobe-Mauern. Das Bächlein, das den 1000-Seelen-Ort durchfließt, versickert bald nach dem Ortsende im Nirgendwo. Eingekeilt zwischen den Anden und dem Küstengebirge, die alle Wolken abhalten, bekommt San Pedro selten Regen ab.

Reiche Bodenschätze wie im nahe gelegenen Chuquicamata mit der größten Kupfermine der Welt gibt es hier nicht. Doch seit den 80er Jahren ist San Pedro de Atacama zum wichtigsten Ausgangspunkt für Touren im Dreiländereck Chile-Bolivien-Argentinien geworden. Nach wie vor verfügen die meisten Unterkünfte in San Pedro über einfachen Standard. Wer es gediegener möchte, findet Luxus und kann sich im Jacuzzi unter dem Wüstenhimmel räkeln.

Nachmittagstour zum 15 Kilometer entfernten Valle de la Luna. Kein einziger Busch und kein Grashalm wächst in der wohl berückendsten Einöde der gesamten Atacama, die Erosion in ein wild wogendes Meer aus Felsformationen, grotesk verdrehten Felsnadeln und Trümmern verwandelt hat. Zuerst schimmert das Tal des Mondes noch ockergelb, wandelt sich dann langsam zu orange, blutrot und violett, bis die hereinbrechende Nacht den Rausch beendet. Bis das nächste Wunder kommt: der funkelnde Sternenhimmel. Man braucht Muße und viel Zeit, um der Zeitlosigkeit der Atacama näher zu kommen.

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