Zeitung Heute : Reise der Woche: Jagd auf den Teufel, Segnung der Tiere

Günter Schenk

Über Sa Pobla thront der Teufel. Auf dem Rathaus hat er sich breit gemacht, hoch oben über dem Landstädtchen im Norden Mallorcas. Unten in den Gassen toben seine Helfer, ein gutes Dutzend grimmiger Höllenfürsten. Maskiert allesamt und mit großen Hörnern auf dem Kopf. Mit Dreizack und Besen jagen sie eine Hundertschaft lärmender Kinder. Kreuz und quer, von einer Kneipe zur anderen, wo sich die Beelzebuben ein Bierchen gönnen. Einen Vino Tinto lässt sich der Alte am Tresen schmecken, einen kräftigen Roten. Weiß ist sein Bart, braun die lange Mönchskutte, die ihn als frommen Mann ausweist. Als Helden eines Festes, das die Mallorquiner so ausgelassen feiern wie die Rheinländer ihren Karneval.

Antonius heißt der Heilige, den die Kinder hier Jahr für Jahr so sehnlich erwarten wie bei uns die Kleinen den Nikolaus. Und auch hinter den Teufeln sind sie gerne her. "Dimonis" nennen sie die Einheimischen, Dämonen. Die Versuchungen des Heiligen sollen sie verkörpern, denn ohne das Böse würde das Gute nicht auffallen.

Sa Pobla gehört zu den Hochburgen spanischer Antoniusverehrung. "Seit 1365", erzählt der Bürgermeister, "feiern wir die Revetla de Sant Antoni Abad." "Ununterbrochen", fügt er augenzwinkernd hinzu, so als sei das Fest ein besonderer Markenartikel. 1357 hatte Bischof Antoni Colell die erste Antonius geweihte Kirche in dem Städtchen gegründet, das wie immer Mitte Januar nach Aal und Knoblauch riecht. "Espinagada" heißt der Gaumenschmaus, der dem Heiligen zu Ehren auf den Tisch kommt. Eine Art Gemüsepastete, gefüllt mit Aal.

"San Anton", weiß Rolf Neuhaus, Autor eines spanischen Festführers, "wird vielfach gerade dort begangen, wo der Karneval keine Tradition hat, als Ersatz sozusagen." Und wie der Karneval ist auch das Antoniusfest oft Anlass für Spott und Satire. Für gesellschaftliche Seitenhiebe, die in bissigen Texten Niederschlag finden. Vor allem aber auch in figuralen Bildern, die viele Freudenfeuer zieren. "Foguerons artistics" nennen die Einheimischen diese Kunstwerke, in deren Mittelpunkt Antonius und der Teufel stehen, der Einsiedler und sein Versucher.

"Zum Fest", freut sich José, "lassen wir Dampf ab." In Manacor, einer der größten Städte der Insel, hat er mitten auf eine belebte Kreuzung einen Scheiterhaufen gesetzt. Gekrönt von einem Teufel, der mit Netzen heimischen Singvögeln nachstellt, zum Unmut des heiligen Mannes in der Klause gegenüber. Eine Anklage gegen tausendfachen Vogelmord. Ein paar Ecken weiter gehen die Mallorquiner mit den Deutschen ins Gericht, machen die Bürger gegen den Ausverkauf ihres Landes Front. Als Fettsack mit Geldkoffer und Handy gewinnt ein deutscher Makler Kontur. Gegen ihn haben sich Teufel und Gottesmann verbündet. "Nicht zu verkaufen", halten sie dem Eindringling entgegen, ein großes Schild in deutscher Sprache. Es sind die Ängste vieler Insulaner, die hier Gestalt gewinnen. Die Furcht vor Überfremdung, die unheilige Allianzen schweißt.

"Schließen Sie bitte gut ab", mahnt uns die Wirtin in Artá. "Gleich beginnt das Chaos." Heute kümmert sich die Tochter um die Gäste. Die Mutter ist feiern gegangen. Zunächst in der Kirche, wo sich alles bei der abendlichen Vesper drängt. Doch dann sind auch hier die Teufel los, Burschen mit schwarz-roten Fratzen. Skelette markieren ihren Körper, Zeichen des Todes. Da tut es gut, sich um die großen und kleinen Feuer zu scharen, die abends zu Dutzenden brennen. Tamburin und Trommel geben den Takt am Feuer an. Die Alten singen Lieder. Man isst und trinkt. Auch Deutsche sind in Artá mit von der Partie. Keine Ballermänner, aber viele, die auf der Insel überwintern, deren Fincas im Hinterland stehen. Für viele wird es ein Abend der Erinnerungen, an Lagerfeuer und jugendliche Sorglosigkeit.

Am Morgen erinnern nur noch graue Aschehaufen an die lange Nacht. Doch kurz nach neun Uhr sind die Mallorquiner zum großen Opfergang wieder auf den Beinen. In Festtagstracht und bester Laune, die der rote Landwein befördert, den die Bauern kostenlos ausschenken. Dazu gibt es Antoniusbrot, nach traditionellen Rezepten gebacken. Im Mittelpunkt aber stehen die Tiere. Irgendwann naht dann die wilde Jagd, wird der Festzug zum Pferderennen. Zur nicht ungefährlichen Galoppade durch die engen Gassen. Es ist der Vorlauf zum Auftritt des Heiligen, der auf einem Esel Einzug hält. Zwei Teufel attackieren ihn mit großen Stangen, versuchen ihn aus der Stadt zu drängen. Antonius aber hält allen Anfechtungen stand, jagt die Versucher schließlich aus den Mauern.

"Sitz!" Francescos Befehl ist nicht zu überhören. Francesco ist Spanier, sein Hund aber hört auf deutsche Kommandos. Das Tier ist unruhig, denn vor der alten Klosterkiche in Muro drängen sich die Vierbeiner. Hunde vor allem, zum Festtag frisch gestriegelt. Andere haben Katzen mitgebracht, auch die herausgeputzt. In Käfigen sitzen Vögel, Hamster und Kaninchen äugen aus Einkaufskörben. Riesige Schafherden stehen in den Seitenstraßen, Pferde, Esel, Ziegen und ein paar Schweine. Warten wie alle auf den kirchlichen Segen, dem ein großer Umzug vorausgeht.

Ein Spritzer Weihwasser verheißt Gesundheit und langes Leben. Ein Gütesiegel des Stadtpfarrers, dem viele auf der Insel vertrauen, die Jahr für Jahr nach Muro kommen. Mit Tausenden von Vierbeinern, die stundenlang durch die Stadt defilieren. Vorbei an endlosen Stuhlreihen, auf denen die Bürger in dicken Mänteln und Decken sitzen. Natürlich sind auch in Muro die Helden des Festes dabei, der Heilige und die Teufel. Dämonen, die hier freilich eher in die Sciene-Fiction-Werkstätten Hollywoods gehören als ins mallorquinische Hinterland. Antonius kommt auf einem Festwagen, "Kamelle" werfend wie die Karnevalsprinzen im Rheinland. Zum Schluss erscheint die Schuljugend. Die Mädchen in bunten Kleidern und Blumen im Haar. Fröstelnd bieten sie dem Winter die Stirn, der mit kräftigen Winden der Sonne trotzt. Nur die Mimosen, welche die Kinder ausgesuchten Gästen überreichen, erinnern an den Frühling, der mit Antonius auch auf Mallorca Einzug hält.

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