Zeitung Heute : Reise der Woche: Kakteen im eisigen Wind

Juliane Mittelstaedt

Der Toyota atmet schwer. In seiner blechernen Lunge rasselt und keucht es, dann ist Stille. Ein Hund pinkelt ungerührt an den Hinterreifen des Geländewagens. Der Motor ist über Nacht eingefroren und auch jetzt, wo der Tag angebrochen ist und die Kälte langsam zurückweicht, will er nicht in Gang kommen. "Dios mío!", schimpft die herbeizitierte Indigena, ihre vielen übereinander gezogenen Röcke fliegen wütend raschelnd durch die Luft. Sie eilt zwischen Herd und Auto hin und her und hievt einen zerbeulten Teekessel nach dem anderen zu Fahrer Juan hinauf. Der thront auf der Stoßstange und schüttet schwungvoll das heiße Wasser über den Kühler, dass es nur so zischt und knackt. Der Toyota regt sich nur leise. Juan zündet also eine Fackel an und hält sie direkt an den Motor. Die mittlerweile versammelte Zuschauerschar weicht zurück. Nach anderthalb Stunden brummt der Geländewagen vor sich hin. Hora boliviana - immer ein bisschen später als vorgesehen.

Rucksäcke, Gasbrenner, Reservekanister und Proviant werden aufgeladen, eine blaue Plastikplane darüber verschnürt. Dann springt Juan hinter das Steuerrad, hupt drei Mal laut. Das Zeichen zum Aufbruch. Endlich. Das verschlafene Wüstendorf Uyuni ist wenig anheimelnd. Bitterkalte Winde fegen über das zwischen den mächtigen 6000ern der westlichen und östlichen Kordilleren aufgeworfene Hochplateau. Durchschnittliche Höhe: 3800 Meter. Die Stadt, deren Name auf Aymara soviel wie "Platz der Lasttiere" bedeutet, ähnelt diesem mehr als einem touristischen Hot Spot: Alles ist grau, die Häuser, die verkrüppelten Büsche, selbst die Menschen. Über den hochgestapelten Äpfeln und Orangen auf dem Markt, die überall, aber nicht hier wachsen, liegt ebenfalls ein trüber Schleier.

Wer nach Uyuni kommt, der will weiter: nach Südwesten, in das karge Niemandsland zwischen Chile, Argentinien und Bolivien. Mitte der achtziger Jahre gab es noch so gut wie keinen Tourismus in Boliviens wildem Südwesten. Wer die Gegend bereisen wollte, der musste entweder auf eigene Faust lospilgern oder unverschämt viele Bolivianos für einen Mietwagen mit Fahrer hinblättern. Heute gibt es alles inklusive: Fahrt, Essen, Unterkunft. Abenteuer und Autopanne nicht zu vergessen. Zwanzig kleine Agenturbüros drängen sich entlang der Avenida Ferroviaria und umwerben die kleine, aber stetig wachsende Touristenschar. Der Wettbewerb ist groß und die Autos werden betrieben bis sie auseinanderfallen. Kaum haben die Fahrer eine Pause, schrauben sie am Motor, verschwinden unter dem Wagen oder versuchen, die unzähligen Schrammen wegzupolieren und Beulen auszubessern.

Man ahnt es schon bei der Ankunft: Diese Tour wird weder bequem noch entspannend. Aber wer Natur ohne Palmen und Strand sucht, der wird reichlich belohnt: mit bunten Lagunen und schroffen Vulkanen, Geysiren, Thermalquellen und der unirdischsten Landschaft diesseits des Mondes. Der Toyota ruckelt und schaukelt über den Feldweg, der zum zwanzig Kilometer entfernten Salar de Uyuni führt. Über Jahrtausende hat sich salzhaltiges Schmelzwasser aus den umliegenden Bergen hier abgelagert und ein blendend weißes Nichts erschaffen, das sich über eine Fläche siebzehn Mal so groß wie der Bodensee ausbreitet.

Mit Eispickeln im Salzdorf

Der schmale Streifen Schneeweiß am Horizont rückt immer näher. Dahinter verschmelzen Himmel und Erde zu einer Einheit, der Horizont löst sich auf, in der Ferne schweben die Berge. Helligkeit und Salz beißen in den Augen, dass sie tränen. An der Einfahrt zum Salar liegt Colchani, das Zentrum der Salzgewinnung. Arbeiter schlagen mit Eispickeln das Salz los und kehren es kegelförmig zusammen. Lastwagen kreuzen wie Schiffe auf den Weiten des Salars, sie holen das Salz ab und bringen es in den Ort, wo es getrocknet und abgepackt wird. Früher war die Salzgewinnung ein gutes Geschäft, doch wer braucht heute noch 19 000 Tonnen pro Jahr davon? Tausende von fertig abgepackten Beuteln stapeln sich in den Hütten. Sonst hat sich im Salzdorf Colchani seit dem Beginn des Salzabbaus im Jahre 1612 fast nichts geändert. Das Salz frisst sich in die Gesichter der Männer und löst die Gummireifen ihrer Lastwagen und Fahrräder auf.

Colchani hinter uns, davor nur knallblauer Himmel. Der spiegelt sich in der dünn mit Wasser bedeckten meterdicken Salzoberfläche des Sees. Darunter verlaufen Wasserströme, die an manchen Stellen nach oben drängen und fantastische Muster in die Kruste zeichnen. Juan beschleunigt auf hundert Stundenkilometer und der Toyota fliegt über die weiße Ebene. Sechseckige Salzwaben knacken unter den Reifen. Das Salz prasselt an die Heckscheibe. Es gibt keine Orientierungspunkte mehr. Keine anderen Autos sind zu sehen, keine Begrenzung der Salzwüste. Die einzigen Spuren sind die, die wir hinter uns lassen. Die Salzkristalle funkeln und glitzern im Sonnenlicht, man könnte ewig so weiter über die Ebene rasen.

Plötzlich formt sich der Horizont, spitze Schatten ragen in den Himmel, ein Eiland mitten im weißen Meer. Eine Fata Morgana? Immer näher kommen wir und die Schatten nehmen Gestalt an: Es sind riesige Kakteen. Die Isla del Pescado wirkt zunächst wie ein buckliger Hügel, nach zehn Minuten ist der höchste Punkt erklettert. Oben angelangt, wanken und taumeln wir im eisigen Wind. Die Augen suchen den Horizont, doch da ist nichts, woran sie sich festklammern könnten. Mit jedem Atemzug saugen wir die brennend scharfe Intensität dieser einsamen und unwirklichen Landschaft auf. Wie kann hier überhaupt etwas wachsen? Am größten Exemplar der Riesenkakteen hängt ein verblichenes Holzschild: "1200 Jahre alt", steht darauf. Pro Jahr legen die uralten Gewächse gerade mal einen Zentimeter an Größe zu.

Und als ob diese Oase an sich nicht schon Wunder genug wäre, sonnt sich ganz oben auf den Felsen noch ein mümmelndes Murmeltier, ein Viscacha. Unten tritt Juan schon ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Er will den Salar noch vor der Dämmerung verlassen, denn es gibt nur wenige Zufahrten, auf denen man die Grenze vom Salar zum Festland sicher passieren kann und die sind schwer zu finden, wenn es dunkel ist.

Kakteen im eisigen Wind

Wir übernachten in San Cristóbal, einem kleinen Dorf mit niedrigen Militärbaracken und Lehmhäusern, in der Mitte prangt eine alte Franziskanerkirche. Die Unterkünfte sind einfach und der Strom verschwindet am frühen Abend ohne morgens wieder aufzutauchen. Juan ist Mädchen für alles, er fährt, organisiert, erzählt und kocht. Die Kochkunst der verschiedenen Fahrer variiert, die Zutaten nicht: Suppe, Hühnchen, Kartoffeln, Reis.

Am nächsten Tag ist es noch dunkel, als wir den Wagen bepacken. Im Morgengrauen quält sich der Toyota über vermeintliche Wege, ab und zu auch durch einen Fluss, oft im Schritttempo. Die schrille Panflötenmusik aus dem Kassettenrecorder zerrt im Takt der Schlaglöcher an den Nerven aller Insassen. Die Eier unter dem Rücksitz hüpfen derweil über den Boden. Nach dem bandscheibenverschleißenden Ritt über Kieswege, die man als Laie nicht als Wege erkennen würde, knirscht nur noch roter Sand unter den Reifen. Sand soweit das Auge reicht. Hinter dem Wagen hängt eine dichte Staubwolke in der Luft. Endlose Weite. Riesige Lavabrocken liegen verstreut auf der Ebene, sehen aus wie überdimensionale Dinosaurierknochen. Bei Ausbrüchen der umliegenden Vulkane wurden sie kilometerweit durch die Luft geschleudert, dann gruben sie sich hier im Desierto de Siloli in den Boden.

Zwischen den tonnenschweren Brocken ragt ein riesiger Baum in die Höhe. Der schmale Stamm trägt steinerne Äste, jahrtausendelang haben Wind und Wetter den Klotz geschliffen und geschmirgelt und so einen bizarren Baum inmitten der Wüste wachsen lassen. Stundenlang flirrt draußen die Einöde vorbei. Die vorbeiziehende Landschaft versinkt in einer Symphonie aus Siena und Ocker, Rostrot und Dunkelbraun. Vielleicht haben wir über Nacht die Erde verlassen und sind auf dem Mars gestrandet? Als die Sonne untergeht, beginnt der Sand zu glühen und zu brennen, doch die Dunkelheit erstickt ihr Feuer. Über Stock und Stein holpern wir durch die Nacht, sollten eigentlich schon längst im Warmen sitzen, doch unser Quartier ist belegt. Wir sind nicht die einzigen Reisenden.

So liefern sich Juan und die anderen Fahrer ein waghalsiges Wettrennen zur nächsten Unterkunft, die drei Stunden entfernt liegt. Die Aussicht, im Auto schlafen zu müssen, lässt uns schweigen, die Kälte kriecht schon jetzt empfindlich durch die dicken Alpakapullover und unter den Ohrenmützen hindurch in die Knochen. Wir haben Glück: Es sind noch Plätze frei. Kein Strom, kein Wasser. Als Toilettenspülung stehen Fässer mit Wasser bereit. Keine Silbe darüber, wie das bei minus 20 Grad Celsius und dicker Eisschicht am Morgen funktioniert.

Wir wälzen uns in den schmalen Doppelstockbetten umher, wissen nicht, ob wir schlafen oder wach sind, die Träume vermischen sich mit dem Schnarchen und Röcheln der Schlafenden. Der verwirrenden Wirkung von mehr als 4000 Meter Höhe kann man sich als Flachlandmensch nicht entziehen. Von draußen blitzen die Sterne hinter den Eisblumen und locken hinaus. Scharfer Wind fegt über das Hochland und beißt durch alle Kleidungsschichten, zerrt mit Zähnen und Klauen. Millionen von Sternen tanzen hell am schwarzen Nachthimmel und baden die Bergspitzen in fahles Licht.

Es ist absolut still, jedes Geräusch ist eingefroren. Die Gegend hat sich aller menschlichen Einflussversuche schon seit jeher entzogen, selbst die Inka und die nachfolgenden Spanier versuchten nie, die lebensfeindliche Region zu kolonisieren. Heute harren hier nur wenige Militärangehörige, Minenarbeiter und Bauern aus - wer es sich aussuchen kann, der geht. Fernab jeglicher Zivilisation sind es nur die indigenen Aymara, die schon seit Menschengedenken mit ihren Lamaherden über die karge Ebene ziehen und der widerwilligen Natur ihren Lebensunterhalt abtrotzen. Die Gegend ist die ärmste und einsamste Region des Landes und zudem noch die wohl kälteste - "harto frio" sagen die Bolivianer.

Der Anblick am nächsten Morgen entschädigt für die unruhige Nacht: Das Wasser der nahen Lagune funkelt und schillert, als hätte jemand grüne Tinte hineingeschüttet. Blei, Schwefel, Arsen und Kupfer lassen die Oberfläche in allen Farbtönen von türkis bis hellgrün schimmern, sobald der Wind das Wasser aufwirbelt. Eine weiße Salzkruste schlängelt sich um das Ufer. Die Höhe lässt die Farben so viel intensiver leuchten, als man es je zuvor gesehen hat. Hinter der Laguna verde schiebt sich der Vulkan Licancabur 5960 Meter zwischen Himmel und Erde. Irgendwo dahinter liegt Argentinien.

Drei Fahrstunden weiter im Naturreservat Eduardo Avaroa färben Algen und Plankton einen See feuerrot. Hier protzt die Natur mit ihrem Farbreichtum: Pinkfarbene Flamingos stelzen durch die flache Laguna colorada und tauchen ihr Gefieder in die knallbunte Brühe. Sie sind scheu und wenn man sich ihnen nähert, dann stiebt ein ganzer Schwarm wie eine rosa Wolke in die Luft.

Die Fahrt geht weiter. Juan folgt den Reifenspuren im Sand, es kommen neue hinzu, andere biegen ab, ein wirres Muster, das sich über die Ebene erstreckt. Eine der schmalen Spuren führt zu einer Gruppe von drei geduckten Lehmhäusern, die so plötzlich mitten im Nichts auftauchen. Sie sind mit Steppengras gedeckt, darunter eine Tür, zwei winzige Fenster und ein gewölbter Giebel. Ein Steinwall umgibt das karge Feld, auf dem jetzt nur Staub wächst. Die einzige Pflanze hier in Höhen von fast 5000 Metern ist das moosähnliche Yareta, dass sich an die Felsen klammert und sie wie mit einem grünen Teppich überzieht. Es ist das einzige Grün weit und breit. In der Ferne fährt ein Mann mit dem Fahrrad über die zerklüftete Erde. Auf dem Lenker sitzt ein kleiner Junge, er winkt. Der nächste Ort ist dreißig Kilometer entfernt. Der Toyota überholt die beiden, eine Sandwolke hüllt sie ein, dann sind sie verschwunden.

Für Stunden sind sie die letzten Lebewesen, denen wir begegnen, nur ein paar Vicunas kreuzen noch den Weg. Die wilden und seltenen Verwandten der domestizierten Lamas konnten durch strenge Schutzmaßnahmen gerade noch vor dem Aussterben bewahrt werden. Die Straße führt am Sol de Manana, einem Geysirfeld, vorbei. Hier kocht und faucht die Erde, blubbert und zischt eine heiß-trübe Brühe in die Luft. Der schweflige Fäulnisgeruch klammert sich noch an uns fest, als wir die "Schlammvulkane" schon nicht mehr sehen.

Der Toyota quält sich schnaufend über einen schmalen, geschlungenen Pfad die Berge hinauf, vorbei an einer stillgelegten Kalkbrennerei. Ruckartig stoppt Juan den Wagen, hinter einer Kurve steht ein aufgebockter Geländewagen. Diagnose: Blattfederbruch. Die erschöpfte Reisegruppe hat sich ins struppige Gras fallen lassen, ihr Italienisch klingt gereizt. Blechernes Hämmern und Klopfen dröhnt unter dem Wagen hervor, die Feder wird durch eine abgeschnittene Plastikflasche und einen Lappen ersetzt. Die Italiener gucken kritisch. Alle steigen wieder ein, weiter geht es. Juan überholt den anderen Wagen, Steine wirbeln hoch, und durch die Staubwolke hinter uns sehen wir gerade noch, dass das zweifelhafte Provisorium schon nach wenigen Metern Ruckelpiste nicht mehr hält. Juan will es nicht sehen und fährt weiter. Der Weg ist noch weit.

Über dem Valle de Rocas hängen bereits lange Schatten als wir ankommen. Es scheint, ein Riese habe hier im Tal der Steine Schlösser und Burgen aufgetürmt, und dann alles in einem plötzlichen Wutanfall wieder zerstört. Riesige Brocken ragen senkrecht in die Luft, andere liegen kreuz und quer. Die Dunkelheit bleibt an jedem Felsvorsprung hängen und zeichnet den Steinen Nase, Augen und Mund ins Gesicht. Ihre Blicke im Nacken machen wir uns auf den Rückweg, schütteln uns den Sand aus der Kleidung und nehmen Abschied von der Einsamkeit.

Das Ende und gleichzeitig der Startpunkt unserer Tour rücken immer näher, mit den fünf Hotels, den zwei Internetcafés und der "Kaktus Bar" erscheint er allen plötzlich als Nabel der Welt. Dann zeichnen sich am Horizont die Vorboten von Uyuni ab: Ausgeschlachtete Eisenbahnwaggons und Dampfloks drängen sich in einer endlosen Reihe aneinander, ausrangiert, vergessen und dazu verdammt bis in alle Ewigkeit auf dem Abstellgleis zu rosten. Wir passieren diesen trostlosen Friedhof des Fortschritts, wo einstmals das Eisenbahnzentrum des Landes blühte. Die toten Loks kehren Uyuni den Rücken, sie blicken Richtung Südwesten. Die Schienen enden einfach im Sand.

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