Zeitung Heute : Reise der Woche: Knallrote Pilze und bunte Büsche

Stefanie Bisping

Hermann Löns, der Heidedichter, wusste Bescheid: "Im Spätherbst, als das rosenrote Seidenkleid der Heide immer mehr verschoss, wurden die Stadtleute ihr untreu ... Sie wussten nicht, wie schön die Heide spät im Herbst ist, wenn ihr bräunliches Kleid mit silbernen Perlchen bestickt ist, wenn die Moorhalmbüschel wie helle Flammen leuchten, die Brunkelstauden feuerrot glühen und die Hängebirken wie goldene Springbrunnen auf die dunklen Jungföhren herabrieseln." So steht es in seinen Heidegeschichten zu lesen. In der Sammlung "Mein buntes Buch: Beobachtungen in der Natur" schreibt Löns sich in einen regelrechten Farbrausch: "Die Leute meinen, tot und leer und farblos sei es dann dort. Sie wissen nichts von den knallroten Pilzen, die im seidengrünen Moose prahlen, von den blanken Beeren an den bunten Brombeerbüschen, von den goldgelben Faulbaumsträuchern und den glühroten Espen vor den düsteren Fichten, von den mit purpurnem Riedgrase besäumten, blau blitzenden Torfgruben und von dem lustigen Leben, das zwitschernd und trillernd, pfeifend und kreischend über all die bunte Pracht hinwegzieht."

Das kann doch alles gar nicht sein, argwöhnt man da. Doch es lässt sich leicht überprüfen, denn weit ist es nicht zum Ort des Geschehens. Bispingen, ein zentraler Ausgangsort für Erkundungen des ältesten und größten deutschen Naturschutzgebietes, liegt günstig gleich an der Autobahn. Das klingt zunächst nicht allzu idyllisch, und die Schilder, die nach der Abfahrt auf das Feriensilo CenterParc und auf eine Kartbahn der gefürchteten Schumacher-Brüder hinweisen, können auch nicht das sein, was Hermann Löns im Sinn hatte, als er von der Herrlichkeit der herbstlichen Heidelandschaft schwärmte.

Doch sie ist noch da, und das nicht weit. Nur zwei Durchfahrtsstraßen queren den Naturschutzpark, und wer in einem der Hotels innerhalb seiner Grenzen übernachtet, muss schon bei der Buchung sein Autokennzeichen benennen, um den Wagen zwecks An- und Abreise dorthin lenken zu dürfen. Und die an einer der Verkehrsadern gelegenen Orte Ober- und Niederhaverbeck sehen schon ziemlich nach Lönsscher Idylle aus: mit großen Bauernhöfen hinter alten Bäumen und Gasthäusern mit gewaltigen Giebeln, so heimelig, dass man den Duft von Heidschnuckenbraten und Buchweizenkuchen, der aus ihren Küchen dringen muss, fast schon zu riechen glaubt.

Doch zunächst gilt es wohl, die Natur im Urzustand und so lebendig wie möglich zu fassen zu bekommen. Das ist schnell gemacht. Gleich neben der Straße führt ein ganzes Netz von Wanderwegen in allen Himmelsrichtungen in die Heide. Kurze, mittlere, tagelange Strecken - es ist alles da. Dass die Heide jetzt nicht blüht, hat dabei immerhin den Vorteil, dass keine Reisebusse in die Landschaft entladen werden. Vielmehr ist es ruhig, fast still. Ein paar Radfahrer sind unterwegs, Spaziergänger, auf den Hauptwegen auch die eine oder andere Pferdekutsche, die erschöpfte Wanderer transportiert. Und wie von Löns versprochen entfaltet die Landschaft schnell laubduftend herbstliche Atmosphäre: gleich hinter der nächsten Biegung, wo plötzlich niemand mehr zu sehen und außer Vogelrufen auch nichts zu hören ist.

Der sandige Weg führt durch ein kleines Tal, und wenn die blasse Sonne hinter Wolken verschwindet, wirken Moorlandschaft, Himmel und Sträucher schnell allesamt so grau, dass sogar Geistergeschichten aus der Heide ganz plötzlich einen Funken Glaubwürdigkeit entwickeln. Könnte doch gut sein, dass früher, als Pfade als solche noch nicht erkennbar waren, sich hier Menschen verirrten, in Unwetter gerieten, womöglich umkamen, vom Blitz erschlagen oder in Folge von Auszehrung, und dann niemals Ruhe fanden. Von jenseitigen Heidebewohnern weiß auch Löns zu berichten: von reichen Zwergen mit Entenfüßen, die ihr Gold zum Sonnen am Ufer eines Sees ohne Grund auslegen und die es aus unerfindlichen Gründen nicht leiden können, wenn Leute pfeifend durch die Gegend laufen. Doch die Landschaft birgt auch ganz reale Abgründe, die beweisen, dass romantisch verklärte Heide-Idylle vor allem in der Vorstellung argloser Wanderer existiert. Die eher dunklen Seiten erschöpfen sich nicht in ruhmsüchtigen ehemaligen Heide-Königinnen; dazu zählen auch echte Tragödien wie jene um die beiden Förster, die von Wilddieben umgebracht wurden, und an die ein Findling in den Wäldern der "Raubkammer" erinnert. Tröstlich ist da nur, dass das Verbrechen schon lang zurückliegt - 1866 geschah es, und es gibt Grund zu der Annahme, dass es heute in der Lüneburger Heide insgesamt recht friedlich zugeht.

In Wilsede sieht die Welt denn auch aus, wie sie soll. Mitten im Naturschutzgebiet liegt das Bilderbuchdorf, das seinem musealen Charakter zum Trotz von echten Menschen bewohnt wird. Sie leben in großen, reetgedeckten Höfen, deren hohe Giebel an der Spitze zwei Pferdeköpfe zieren. Was die für diese Gegend typischen, wie Steckenpferde einander gegenüber gestellten Holzsilhouetten zu bedeuten haben, weiß niemand genau; die Spekulationen über ihren Ursprung reichen von der Funktion zur Abwehr von Missgeschick bis zu germanischer Symbolik für Krieg und Unterwerfung. Wie auch immer: Sie zeugen von der langen Geschichte dieser Landschaft und passen gut in den Sprengel, der statt Autos nur Pferdewagen kennt und statt Straßen von alten Bäumen bewachte Wege.

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