Zeitung Heute : Reise der Woche: Kolonialschatzkammer an der Karibikküste

Hans Dieter Kley

Als Philipp II. von Spanien, Erbe eines Weltreiches, von den Unsummen erfuhr, die der Bau der Festungsanlagen von Cartagena gekostet hatte, soll er seufzend auf einen Balkon des Escorials getreten sein und gesagt haben: "Eigentlich müsste ich die Festungen doch von hier aus sehen können." Nicht Cartagena, die im Altertum von Karthagern gegründete Hafenstadt im Südosten Spaniens war gemeint, sondern Cartagena de las Indias im heutigen Kolumbien. Und während das spanische Cartagena wenig von dem Touristenboom an Spaniens Mittelmeerküste profitiert, ist die reizvollere Schwesterstadt in der Karibik zu einem Unesco-Weltkulturerbe und zum attraktivsten Reiseziel Kolumbiens geworden.

Nähert man sich ihr von See her, sieht man allerdings nicht zuerst San Felipe, die größte, besterhaltene Festung Lateinamerikas, auch nicht die gewaltigen Mauern der Altstadt, die Arsenale, Kirchen, Klöster und Paläste aus der Kolonialzeit, vielmehr die Kräne des neuen Containerhafens, Rauchfahnen einer Erdölraffinerie und die Hochhäuser des Hotel- und Strandviertels Bocagrande. Das neue Terminal für Kreuzfahrtschiffe wird immer öfter von Ozeanriesen angelaufen, die für den nahen Panamakanal zu groß sind. Für die Passagiere, die zu Tausenden an Land strömen und meist nicht länger als ein paar Stunden in Cartagena bleiben, wird ein Einkaufs- und Unterhaltungszentrum geschaffen, "um die Stadt in den Hafen zu bringen". Taxis und Minibusse, die in langen Reihen am Terminal warten, sollen aus der Altstadt verbannt werden. Die Geschäftswelt Cartagenas musste sich bereits umstellen: Ausgerechnet während der Siesta, der Mittagsruhe, überfluten luftig gekleidete, kauflustige Besucher die Gassen, Läden und Tavernen. Wohl dem, der mehr Zeit für diese feucht schwüle Tropenstadt mitbringt und sie in den klimatisch angenehmeren Morgen- und Abendstunden durchstreifen kann.

"Hüten Sie sich vor Taschendieben und Dieben, die Ihnen Wertsachen entreißen könnten", mahnt ein Reiseführer. "Sie sollten weder Schmuck zur Schau tragen, noch größere Bargeldsummen mitführen." Solche Warnungen sind in den meisten Touristenhochburgen Lateinamerikas angebracht. Überdies gilt Kolumbien als Hauptumschlagplatz des Kokainschmuggels, zu dem "Drug planting", das Deponieren heißer Ware in fremder Leute Taschen und Reisegepäck, vor allem auf Flughäfen, gehört. Im bergigen Hinterland, wo der Kokastrauch angebaut wird, rumort die "Violencia", eine politisch motivierte, schwer kontrollierbare Guerrilla-Bewegung, die Kolumbien durch Entführungen und Morde in Verruf gebracht hat.

Aber in Cartagena, so wird gesagt, könne sich der Besucher ziemlich sicher fühlen, dafür sorge "mucho policía", ein starkes Polizeiaufgebot, und zwar nicht nur während der Filmfestspiele im April und internationaler Konferenzen.

Gegründet wurde die Stadt im Jahr 1533 von dem Konquistador Pedro de Heredia. Vor der Ankunft der Spanier hatten hier Indianer vom Stamme der Kariben gelebt; sie hatten die Ankömmlinge mit Giftpfeilen empfangen, doch schließlich wurden sie von spanischen Musketen besiegt. Der von Inseln geschützte Naturhafen Cartagenas hatte den Spaniern als Sammelplatz ihrer Galeonen gedient, hierher brachten sie Negersklaven aus Afrika, und hier stapelten sie das in den Indianerreichen Süd- und Mittelamerikas erbeutete Gold.

Englische, französische und holländische Freibeuter versuchten, ihnen die Schätze streitig zu machen. Mehrfach wurde die Stadt überfallen und ausgeplündert. Zum Schutz Cartagenas entstand San Felipe, dieses gigantische Bauwerk, das selbst in Spanien nicht seinesgleichen hat. Wie ein künstlicher Berg erhebt es sich über dem alten Hafen. Auf den Festungswällen können Taxis und Pferdedroschken bequem auf- und abfahren. Das Innere ist ein genial angelegtes Labyrinth von Schatzkammern, Tunneln, Zisternen und Wohngewölben. San Felipe galt in der Neuen Welt als uneinnehmbar.

Ein Meisterwerk der Festungsbaukunst ist auch die Stadtmauer mit ihren zahlreichen Wachttürmen und Kanonenplattformen. Sie wurde gebaut, nachdem Sir Francis Drake 1586 die Stadt heimgesucht hatte. Im Jahr 1741 erschienen die Briten abermals vor Cartagena, diesmal mit einer Streitmacht von zwanzigtausend Soldaten und dreitausend Kanonen. Der englische Befehlshaber, Sir Edward Vernon, war sich seines Sieges so sicher, dass er eine Bronzeplatte mit sich führte, auf der zu lesen stand: "Spaniens Stolz wurde in den Staub gezwungen. Wahre britische Helden eroberten Cartagena". Der Angriff der Briten aber scheiterte an den Cartagenern und ihrem Festungskommandanten Blas de Lezo. Das Standbild dieses einäugigen, einarmigen, einbeinigen Haudegens erstrahlt nun bei den abendlichen Ton- und Lichtvorführungen am Fuße der Festung.

Ein anderes berühmtes Denkmal zeigt zwei alte Schuhe, es erinnert an den kolumbianischen Dichter Luis Carlos López, der ein melancholisches Poem über Cartagena mit dem Satz beginnen lässt: "Traurige Stadt, gestern Königin der Meere...". Er meinte von seiner Heimatstadt, sie erwecke eine Liebe, wie man sie für ein altes Paar Stiefel hege. Bergsteiger und passionierte Globetrotter werden diese Liebe wohl am ehesten nachempfinden.

Vor dem Rathaus aus dem Jahr 1620 steht ein Denkmal aus kostbarstem Marmor, es gedenkt des Entdeckers Cristoforo Colombo alias Christóbal Colón. Nach ihm wurde Colombia/Kolumbien benannt, das einzige Land Südamerikas, das an zwei Meeren liegt. Dass nicht der ganze Kontinent seinen Namen trägt, halten viele Kolumbianer für ungerecht. Kolumbiens Nationalheld freilich ist Simón Bolívar, der Befreier von spanischer Kolonialherrschaft. Sein Standbild trägt den Ausspruch: "Cartagener, wenn Carácas mir das Leben gab, so gabt ihr mir Ruhm!"

An der Plaza Bolívar, einem der wohl schönsten Plätze Lateinamerikas, steht ein Palast, dessen prächtiges Barockportal an ein königliches Domizil denken lässt. In Wirklichkeit war hier die spanische Inquisition zu Hause, sie hat in Cartagena eine bedeutende Rolle gespielt. Davon zeugen die unter Glas verwahrten Ketzerannalen, die Kerker und Folterkammern wie auch die prunkvollen Wohngemächer. Einen ganz anderen Eindruck erhält man im Kloster San Pedro Claver. In seinen Mauern hat der heilig gesprochene Padre Pedro, ein Vorgänger Albert Schweitzers, gewirkt; seine tätige Nächstenliebe galt den schwarzen Sklaven, die von den Spaniern unter menschenunwürdigen Bedingungen von Afrika nach Cartagena geschafft wurden. Padre Pedro beschränkte sich nicht auf Massentaufen und geistlichen Zuspruch, sondern er sah seine vordringlichste Aufgabe als Arzt.

Der Sklavenhandel hatte seinen Landsmann, den Marquis de Valdehoyos, reich gemacht. Wie viele andere Adelspaläste in Cartagena wurde die prachtvolle, im andalusischen Stil erbaute Residenz des Spaniers restauriert; heute sind in dem Palast das Touristenbüro und das Museo Bolivariano untergebracht. Maurisch-andalusisch wirken auch die Häuser der Altstadt mit ihren kunstvoll gedrechselten Gitterfenstern und Balkons, den strahlend weißen Kalkwänden und schattigen Patios. Cartagena ist ein Abglanz des goldenen Zeitalters der Spanier, einer Ära, die sich durch aufwändige Bauten und erlesenen Geschmack, aber auch durch brutale Ausbeutung und grausame Intoleranz auszeichnete. Nicht nur Cartagena, auch spanische Städte wie Cadiz und Sevilla gelangten in der Zeit der Entdeckungen und Eroberungen zu höchster Blüte. Den Spaniern war Cartagena so wichtig, dass sie einen Kanal zum gut hundert Kilometer entfernten Magdalenenstrom gruben, auf dem Flussschiffe die Schätze aus dem Landesinnern herbei schafften - Gold, Smaragde, Indigo, Gewürze, Kaffee, Tabak, Kakao.

Heute ist Cartagena alles andere als eine Museumsstadt. In seinen engen Straßen wogt ein buntes Völkergemisch. Die dunkle bis hellbraune Hautfarbe dominiert, vor allem in der Altstadt. Die Weißen wohnen vornehmlich draußen in den Villen und Hochhäusern von Bocagrande. Man gibt sich an der Küste farben- und lebensfroher als im Hochland, die Menschen sind freundlich, kontaktfreudig, extrovertiert. Knarrende Lastkähne und Pirogen am Kai der Händler und Fischer tragen fromme Namen, dunkelhäutige Burschen mit Hosen ohne Hosenboden tauchen nach Münzen, Souvenirhändler sind von oben bis unten mit Strohhüten, Sisaltaschen, Lederwaren und Sonnenbrillen behängt. Mit amüsanten Ausdrücken und Gesten werden auch Drogen, Pornohefte, fragwürdige Edelsteine angeboten, werden männliche Besucher auf die Freudenhäuser der Stadt aufmerksam gemacht. Vor den Beichtstühlen der Kathedrale warten Bußfertige. Über Autospiegeln hängen Jesus- und Marienbilder neben Pin-up-Girls, darunter steht: "Du bist die Liebe" und "Immer in meinem Herzen".

Tagsüber bevölkern Scharen von Jugendlichen die Straßen. Viele von ihnen sind arbeitslos. Die fortdauernde Landflucht hat die Armenviertel am Stadtrand in kurzer Zeit vergrößert; Armut und Arbeitslosigkeit sind unter der farbigen Küstenbevölkerung mehr verbreitet als im Hochland, wo der weiße Bevölkerungsanteil größer ist. Dorthin aber zieht es nur noch unerschrockene Antitouristen.

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