Zeitung Heute : Reise der Woche: Medina der Menschen von Tripolis

Carola Genske-Rabe

Stammt Zauberschüler Harry Potter aus einer der Vorstädte von Tripolis? Oder hat die Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei zumindest eine afrikanische Dependance in Tripolitanien am Nordrand der Sahara, die Fessano genannt wird? Sollte das zutreffen, dann wäre es vorstellbar, dass es sich bei dem Suk der Medina Ghedima von Tripolis um eine überdimensionale arabische Variante der Winkelgasse handelt. Denn in dieser gleichermaßen archaisch und magisch anmutenden Altstadt der libyschen Hauptstadt gibt es ein unüberschaubares Gewirr schummriger Gassen mit eng beieinander stehenden kleinen Häusern, niedrigen Werkstätten und winzigen Läden, die einem das Gefühl geben, in eine durch und durch fremde Welt geraten zu sein. Hier könnte jederzeit ein Zauberlehrling um die Ecke biegen und in Anbetracht der zahllosen intensiven Eindrücke wäre wohl keiner der wenigen westlichen Besucher sonderlich verwundert. Unzählige Läden präsentieren Waren aus ganz Afrika, Dinge des täglichen Bedarfs: Lebensmittel, Haushaltsgegenstände, Kleidung, Schmuck, afrikanische Kuriositäten aller Art - kurz gesagt alles, was eine libysche Familie je zum Leben braucht, also alles - nur keinen Touristenramsch. Harry Potters Lieblingsladen wäre bestimmt ein kleines Eckgeschäft, wo es Tees, Kräuter und die verschiedensten Duftstoffe, aber auch getrocknete Schlangenhäute, Tierfelle und ausgestopfte Krokodilköpfe in einem irgendwie geordneten Durcheinander zu erwerben gibt. Ein Laden also, der wie geschaffen ist für alle Hexen und Magier dieser Welt. Der Eindruck, nur zweieinhalb Flugstunden entfernt von Europa, in Tripolis völlig fremdes Terrain betreten zu haben, intensiviert sich noch, wenn man einen verschleierten Tuareg ganz selbstverständlich an einer Hauswand lehnen, schöne äthiopische Frauen in den typischen Gewändern ihrer Heimat exotischen Waren anbieten sieht und die alten weiß gekleideten Berberfrauen, die von ihrem Gesicht nur ein Auge unverhüllt lassen, dem westlichen Betrachter schon fast alltäglich erscheinen. Stundenlang kann man durch diese Gassen mit ihrem alten holperigen Kopfsteinpflaster spazieren vorbei an den kleinen heruntergekommenen Häusern, die aus der Zeit der Mauren stammen. Erst auf den zweiten Blick erkennt man die oft wunderschön mit Ornamenten und Intarsien verzierten Eingangstüren, die herrlichen alten filigran und farbenprächtig gestalteteten Mosaiken an den Fassaden. Manchmal ist auch wohl eher zufällig eine alte römische Säule in ein Haus integriert worden. Neben architektonischen Rudimenten der alten Römer haben aber auch die italienischen Kolonialherren vom Anfang des 20. Jahrhunderts dieser arabisch-islamischen Altstadt ihren Stempel aufgedrückt. All dies existiert nebeneinander und kommt so ganz selbstverständlich und unprätentiös daher. Die Schönheit und Einmaligkeit dieser Umgebung erschließt sich dem Besucher nur bei sorgfältigem Betrachten. So befindet sich beispielsweise hinter einer der unauffällig und bescheiden anmutenden Türen der ehemalige Palast von Scheich Yussuf Karamanli, dessen Familie im 18. Jahrhundert Tripolis beherrschte. Heute dient dieses gut erhaltene und zudem liebevoll renovierte Gebäude als Museum, das die Lebenssituation der Mächtigen vor 300 Jahren auf vielfältige Weise dokumentiert. Im Gegensatz zu den Suks in anderen Maghrebstaaten hat sich die Medina Ghedima von Tripolis nicht für Touristen aus aller Welt gefällig "aufgerüscht", dies ist keine arabische Altstadt für Urlaubsreisende, die sich nach dem Sonnenbad am Hotel-Swimmingpool ein orientalisches Souvenir kaufen möchten. Es ist ganz einfach die Medina der Menschen von Tripolis, hier sind die Einheimischen nicht die folkloristische Staffage ihrer selbst erbauten "potemkinschen Dörfer" mit dem Ziel, die sich nach orientalischer Exotik sehnenden Blicke der Touristen zu befriedigen. Hier ist der Fremde derjenige, der freundlich, aber ein wenig erstaunt betrachtet wird, er ist durchaus willkommen, aber der ausländische Gast wird keineswegs sehnsüchtig erwartet. In diesem arabischen Suk wird man nicht von Händlern bedrängt und nahezu ins Geschäft gezerrt. Man darf sich alles in Ruhe anschauen, niemand versucht, einem etwas aufzuschwatzen, es gibt kein Feilschen um Preise. Wenn der westliche Kunde einen - in der Regel niedrigen Preis - nicht zahlen will, dann eben nicht. Höflich distanziert und völlig unbeeindruckt lässt der Ladenbesitzer den potenziellen Kunden wieder ziehen. Und auch die Wahrscheinlichkeit, hier bestohlen zu werden, erscheint relativ gering. Gleichzeitig begegnet einem im Suk eine große Bereitschaft der Menschen, ihr Handwerk und seine Tradition zu erläutern, ohne dass ein Bakschisch erwartet oder gar gefordert wird. So kann man beispielsweise den verschiedenen Webern zuschauen, die an ihren uralten riesigen Webstühlen die traditionellen Seidenstoffe herstellen, die bis heute fast jede junge Braut für ihre Hochzeit haben möchte. Freundlich und zugewandt erklären die Handwerker mit Hilfe einiger Brocken Englisch, Französisch und manchmal sogar Deutsch dem interessierten Betrachter ihre Kunst. In der Kupfergasse wiederum kann man den Kupferschmied bei seiner Arbeit an der offenen Feuerstelle beobachten, wobei man durch das höllisch laute Hämmern der Schmiede, wenn sie die Kupferkessel abschließend in Form klopfen, bald zum Weitergehen animiert wird. Seit etwa sechs oder sieben Jahren ist der Suk in der Medina von Tripolis wieder geöffnet, denn nach der Machtergreifung Gaddafis gab es lange Zeit nur große staatliche Läden. Doch die Libyer sind - wie fast alle Araber - ein Volk der Händler und Kaufleute und inzwischen haben sie ihren Suk wieder. Die meisten Geschäfte und Werkstätten dieses riesigen Areals sind wieder in Betrieb, es gibt nur noch wenige Bereiche innerhalb der Medina, die mit grünen Gittern versperrt sind. Neben dem Handel bestimmt der Islam und seine Rituale - wie in ganz Libyen - das Leben in der Medina von Tripolis. In der Altstadt gibt es mehrere wunderschöne alte Moscheen und wenn der Muezzin zum Gebet ruft, dann kann es schon mal passieren, dass ein Händler in die Moschee eilt und zuvor in die Eingangstür seines Ladenraums zwei zusammengeknotete Seidentücher hängt und sein Geschäft so symbolisch "verschließt".

Auch ist es möglich, dass ein Muezzin den ausländischen Besucher und Nicht-Moslem freundlich per Handzeichen auffordert, in der gebetsfreien Zeit die Moschee zu besichtigen, was sich als einzigartiges Erlebnis erweisen wird. Auch hier sind Gastfreundschaft und unbefangener Stolz, nicht etwa Bakschisch-Erwartungen die Motive.

All dies erscheint nur möglich, weil in Libyen Tourismus im herkömmlichen Sinne bisher kaum existiert. Ab und zu sind in Tripolis kleine Reisegruppen - meist aus Italien kommend - zu sehen, die sich ganz besonders für die Altertümer an der Mittelmeerküste interessieren. Die Orte Sabrata, Oea und Leptis Magna bildeten in der Antike den Drei-Städte-Bund (tri-polis), der dem heutigen Tripolis und der sie umgebenden Region Tripolitanien ihren Namen gab. Die heutige libysche Hauptstadt befindet sich auf dem Gebiet von Oea, während sich eine Autostunde entfernt nach Westen Sabrata erstreckt. Die Phönizier gründeten diesen Handelsstützpunkt, der nach den punischen Kriegen von den Römern übernommen und weiter ausgebaut wurde. Heute stehen die Stätten unter dem Schutz der Unesco.

Allein in der antiken Welt

Durch diese grandiose antike Welt kann man viele Stunden fast allein wandern. Wer sich jemals gemeinsam mit Hundertschaften anderer Touristen durch das Tal der Könige in Oberägypten geschoben, in einem Menschenpulk die Ruinen von Knossos durchschritten hat, kann ermessen, was es bedeutet, an einem solchen Ort kaum einem anderen Menschen zu begegnen. Dies gilt um so mehr für Leptis Magna, das zirka eine Autostunde östlich von Tripolis und ebenfalls direkt am Meer gelegen ist. Auch Leptis Magna wurde vom phönizischen Karthago gegründet und später von den Römern in imposanter Weise architektonisch weiterentwickelt. Es übertrifft Sabrata bei weitem an Größe und Schönheit und gilt als eine der bedeutendsten Ruinen- und Ausgrabungsstätten der gesamten antiken Welt.

Dass diese einmaligen kunsthistorischen Baudenkmäler bisher nur einem so begrenzten Publikum zugänglich sind, mag man einerseits zutiefst bedauern, andererseits lässt einen die Vorstellung erschauern, dass eines Tages Andenkenbuden Sabrata und Leptis Magna verunzieren und die ursprüngliche Atmosphäre der Medina Ghedima von Tripolis durch die Orientierung am Massentourismus beschädigt wird. Denn wenn dies geschieht, ist eines gewiss: Dann ist die Zeit für Harry Potter in Libyen zu Ende, dann wird die arabische Dependance von Hogwarts alsbald ihre Pforten schließen und die Hexen und Zauberer dieser Welt werden sich einen anderen Ort suchen für ihr magisches Tun.

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