Zeitung Heute : Reise der Woche: Mit dem Frachtschiff auf dem Amazonas - Rosa Delfine und Dschungeloper

Uli Weidenbach

Der tropische Regen plätschert schon die ganze Nacht gegen die heruntergelassenen Plastikplanen. Es gibt eigentlich keinen Grund, aufzustehen. Auch der gewaltige Fluss schläft noch tief und fest. Doch unbarmherzig schwingt Doña Teresa die kleine Glocke und drängt die Passagiere zum Frühstück. Obwohl auch an diesem Tag niemand etwas Besonderes vorhat, schälen sich die meisten der etwa 30 Fahrgäste des Frachtschiffes aus ihren Hängematten. Es ist erst 5 Uhr in der Früh - tatsächlich schon Zeit, den langen Tag mit übersüßtem schwarzen Kaffee und steinharten Biskuits zu beginnen? Gestern erst hatte uns ein Schnellboot mit dröhnenden Außenbordmotoren von Iquitos im peruanischen Amazonasbecken zum Dreiländereck Peru-Kolumbien-Brasilien manövriert. War es wirklich erst gestern? An der Grenze erfahren wir im Dschungel aus portugiesisch-spanischen Sprachfetzen, dass in wenigen Stunden ein Frachtschiff stromabwärts nach Manaus, unserem Ziel, aufbrechen wird. Hektische Betriebsamkeit. Wir haben weder brasilianische Landeswährung noch ein Visum in der Tasche. Taxi!" Geld wechseln, Einreisestempel bei der Nationalpolizei besorgen und etwas Reiseproviant einkaufen - für alle Fälle. Die Erzählungen vom Essen an Bord lassen das Schlimmste befürchten. Mit einem freundlichen Bem vindo" heißt uns der Kapitän des Frachters willkommen. Nach kurzem Handeln pendelt sich der Preis für die dreitägige Fahrt bei 30 Reais (rund 35 Mark) ein - inklusive drei Mahlzeiten täglich. Wirklich ein Schnäppchen? Kurz vor dem Ablegen haben sich alle Fahrgäste auf dem offenen Zwischendeck einen Schlafplatz erobert: 30 farbenfrohe Hängematten sind auf den nächtlichen Nahkampf eingestellt. Nicht jedem kann es gelingen, das schwingende Bett möglichst weit von der streng riechenden Dusch-Toilette, nicht über dem Maschinenraum und nicht unmittelbar unter einem hellen Nachtstrahler zu platzieren. Wenige Stunden nach der Abfahrt stoppt die Flusspolizei das Schiff. Schlaftrunken müssen alle Mitfahrer gegen Mitternacht eine gründliche Durchsuchung über sich ergehen lassen. Nach zwei Stunden ist die Aufregung vorbei: weder illegale Passagiere noch Waffen und Drogen an Bord. Gerade hat man wieder den Traum von rosafarbigen Flussdelfinen und Opernhäusern im Regenwald aufgenommen, da stößt einen der Ellenbogen des Nachbarn unsanft zurück in das Konzert aus Platzregen und surrenden Schiffsmotoren. Unwiderruflich ist die Nacht zu Ende, als die Herbergsmutter mit ihrem penetranten Glöckchen lange vor Sonnenaufgang das Frühstück einläutet. Diszipliniert taumeln die meisten der Passagiere schläfrig zum langen Esstisch und nehmen ihren Platz auf den beiden Holzbänken ein. Da die Sitzfläche nicht für alle reicht, wird in mehreren Schichten gegessen. Die erste Runde des sich drei Mal täglich wiederholenden Staffellaufs hat begonnen. Eine bunte Mischung von Leuten bereist den Amazonas: Peruanische und brasilianische Arbeiter und Geschäftsleute, Familien mit Kleinkindern zum Besuch von Verwandten, Missionare auf dem Bekehrungspfad zu ihren Gemeinden sowie ein paar internationale Rucksacktouristen auf der Suche nach Erlebnissen, alternativer Fortbewegung und Abenteuer. Wer sich von der Fahrt auf dem zweitlängsten Fluss der Erde das ultimative Dschungelerlebnis erhofft hat, muss jedoch seine Vorstellungen korrigieren: Der Regenwald ist zwar in Reichweite, doch die Flora und Fauna des wilden Urwalds lässt sich nur auf einer geführten Tour erforschen. Es hat aufgehört zu regnen. Allmählich wird auch der Fluss von der aufgehenden Sonne geweckt. Die in der Morgendämmerung sichtbaren kleinen Fischerboote treiben wohl schon seit Stunden auf dem Wasser. Den ganzen Tag sind das Auswerfen und Einholen der Netze zu beobachten. Seit der Lektüre der Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn in Kinder- und Jugendtagen schwirren diese Bilder vom Flussleben im Kopf umher. Was für uns jedoch Flussromantik verkörpert, bedeutet für die Menschen entlang dem mehr als 6000 Kilometer langen Amazonas harte Arbeit. Und diese wird durch die Wellen unseres Frachtschiffes noch erschwert. In ihren oft unmotorisierten Holzschalen kämpfen die Fischer erst um ihre Balance, dann mit den Fischen. Der ohrenbetäubende Lärm des Schiffshorns reißt die schmökernden Amazonaspilger in ihren Hängematten abrupt aus der fiktiven Welt des Reisebuchs. Das gesamte Dorf hat sich zur Ankunft des "Bananendampfers" an der Anlegestelle versammelt: ein kommunales Großereignis. Ladestege werden mit Holzplanken hergerichtet, der Geräuschpegel steigt, beim Abladen der Fracht ertönen lautstarke Kommandos. Reissäcke und Außenbordmotoren, grüne Bananen und Haushaltsgeräte, Colaflaschen und tiefgefrorene Hühner. Routiniert packen zahlreiche Männerhände an, bilden eine Kette und stapeln die Waren entlang dem Kai. Zwischen ihren Beinen toben barfüßige Kinder herum, denen der Trubel offensichtlich großen Spaß macht. Währenddessen bieten die Frauen des Dorfes den Fahrgästen selbst gemachte Köstlichkeiten aus Mais, Blätterteig und Bananen an. Jeder hat hier seine feste, traditionelle Aufgabe. Als die neue Ladung gerade verstaut wird und die zugestiegenen Fahrgäste ihre Schlafstätten herrichten, sorgen zwei Flussbewohner für Unterhaltung: umhertollende rosa Delfine. Glänzende Augen beobachten von Bord das Treiben, bis die Sirene unsere Abfahrt ankündigt und das drollige Duett verscheucht. Ein solch aufregender Morgen macht Appetit. Das Mittagessen wartet. Erst halb elf, aber seit dem frühmorgendlichen Snack sind immerhin schon fünf Stunden vergangen. Beim Anblick der reichlich gefüllten Töpfe ist die Freude groß, allerdings wird sie während der nächsten drei Tage bis Manaus deutlich abnehmen. Die ständig wiederkehrenden Bohnen, Reis und Huhn zum Mittag- und Abendessen sind einigen schon bald zu eintönig. Abwechslung bietet einzig ein Fläschchen Aji, eine Art Tabasco. Noch am ersten Abend ist zu beobachten, wie Mitreisende über ihre Notrationen herfallen. Zeit für eine kurze Siesta. Ein laues Lüftchen zieht durch das seitlich offene Deck. Hitze und Luftfeuchtigkeit sind geringer als befürchtet. Die Seele baumelt im Takt der pendelnden Hängematte. Der Blick schweift umher. Flussmöwen fliegen im Verbund, heftige Strudel scheinen ein Loch in die gewaltige Strömung zu bohren. Pflanzendecken und Bruchholz treiben vorbei - genauso schwerelos wie die eigenen Gedanken. Unsere Lancha sucht sich eine Fahrrinne in kurzem Abstand zum Ufer. Kleine Siedlungen mit winkenden Menschen verschwinden langsam aus dem Blickfeld. Wasserbüffel, Kühe und Schweine grasen auf den höher gelegenen Weiden. In den Hütten direkt am Amazonas steht hüfthoch das Wasser, die Bewohner lehnen lethargisch in den fensterlosen Öffnungen. Der Amazonas ist aus seinem Bett getreten - wie jedes Jahr nach der Regenzeit. Doch niemals zuvor im 20. Jahrhundert hat es solche Wassermassen gegeben. Mit bewundernswertem Gleichmut erdulden die Menschen den um über 20 Meter (!) erhöhten Wasserpegel. Seit Generationen haben die Einheimischen die Willkür des Flusses als bestimmende Größe für den eigenen Lebensrhythmus akzeptiert. Für sie ist der Schiffsverkehr zwischen Iquitos und Manaus der einzige Kontakt zur Außenwelt - 2500 Kilometer lange Isolation. Eine faszinierende wie beklemmende Vorstellung. Der mächtige Strom, der 20 Prozent des gesamten Süßwassers der Erde trägt, bedeutet für sie alles: Transportweg, Lebensraum, Müllkippe, Kläranlage, Nahrungs- und Trinkwasserquelle. Da überraschen die Gerüchte von Krankheiten nicht. Während wir beschwingt in unserer treibenden Oase entspannen, ist die Hängematte der einzige trockene Fluchtpunkt in den Holzbaracken. Hilflose Ohnmacht. Reis, Bohnen, Huhn. Nach Wunsch auch in anderer Reihenfolge. Abendmahl ohne Meuterei. Der letzte Teil des Staffellaufs nachmittags um halb Fünf. In der Abenddämmerung wird das freie Oberdeck zum Aufenthaltsraum. Die brasilianische Flagge am Heck flattert im milden Abendwind, schon seit 24 Stunden gleiten wir so dahin. Allmählich wird die untergehende Sonne zum Feuerball: Romantische Fluss-Stimmung pur. Und das völlig ohne die so gefürchteten Moskitos. Kartenspieler setzen sich zusammen, andere packen Würfel aus. Die Bar ist geöffnet, ein kühles Bier im Zwielicht erleichtert die Kontaktaufnahme mit den übrigen Reisenden. Sollten die angeregten Gespräche mit den Brasilianern einmal stocken und lächeln allein nicht mehr genügen, muss der nach oben gestreckte Daumen herhalten: Das universelle Zeichen für alles klar", danke" und noch ein Bier". Kommunikation kann so einfach sein. Doch wie macht man ihnen bewusst, dass die leeren Bierdosen nicht in den Amazonas gehören? Jemand zaubert plötzlich eine Gitarre hervor. Eine Mundharmonika taucht auf, dazu ein paar Rasseln und Kochtöpfe als Trommeln - und schon vermischen sich brasilianische Sambarhythmen mit internationalen Klassikern. Eine Flasche Rum macht die Runde, dann eine zweite. Fröhlich ausgelassen wird der Tag verabschiedet. Die Hängematten warten leicht schaukelnd im Abendwind. Die nächsten beiden Tage bis zum Zielort verlaufen ähnlich: zwischen reizvoller Monotonie und erlebnisreicher Ereignislosigkeit. Bis sich aus den Wipfeln des Laubdachs Hochhäuser in den Himmel schrauben. Ein bizarrer Anblick aus der Ferne. Manaus, Zivilisation, Überlebenskampf der anderen Art. Leben am Fluss kann so verschiedenartig sein. Es existiert tatsächlich, unser Opernhaus im Regenwald: das berühmte Teatro Amazonas von Manaus. Wehmut beherrscht die Gedanken an die zurückliegende 70-stündige Reise. Einzig das schmerzende Kreuz erinnert noch an die unruhigen Nächte in der Hängematte. Das militärische Glockengeläut am frühen Morgen - werden wir es vermissen?

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