Zeitung Heute : Reise der Woche: Nilbarsch bei Nefertari

Franz Lerchenmüller

Hercule Poirot ist nicht an Bord. Dabei ist dies doch wahrlich das passende Ambiente für Agatha Christies Meisterdetektiv: Auf der dunkelbraunen Teaktäfelung und den grün-gelben Polstermöbeln spielt die Nachmittagssonne, weißgekleidete Kellner reichen Tee und Blätterteiggebäck, ein junges Pärchen, sie mit Kopftuch, legt eine Runde Domino, und draußen, hinter den fünf Breitwandfens-tern der Lounge der "Oberoi Philae", läuft ein nicht endender Film - Palmen mit zerzausten Schöpfen werden abgelöst von Männern in hellblauen Gewändern an ockerfarbenen Hausmauern, die wiederum ersetzt werden durch grasbewachsene Inseln oder lange Schilfstreifen am Ufer, der ideale Landeplatz für Kinder in Weidenkörbchen, man erinnert sich.

Ohne Zweifel wäre die Reise von Assuan nach Luxor auch für einen lebenslustigen Genießer wie Monsieur Poirot ein Vergnügen. Andererseits würde das Superhirn sich möglicherweise langweilen: Einen "Tod auf dem Nil" haben wir an Bord nicht zu beklagen. Der einzige Anschlag auf die körperliche Unversehrtheit der Passagiere ist der Tatbestand der permanenten Überfütterung. Aber Kalbsgulasch mit Okra, Nilbarsch in Tomaten, Mangocharlotte und Limonenmousse sind, selbst in großen Mengen und

bester Qualität gereicht, nun einmal nicht justiziabel - da ist kein Opfer, das sich nicht freudig fügen würde. Ob ihn diese andere knifflige Aufgabe, der "Fall Ägypten", reizen würde, sei dahingestellt.

Die Fakten: Nach dem 11. September 2001 fiel der Tourismus in Ägypten quasi aus dem Stand von Hundert auf Null. Über Nacht brach die wichtigste Einnahmequelle des Landes weg. 40 Prozent der Charterflüge wurden gestrichen. Die unberechenbare touris-tische Karawane hatte wieder einmal umdisponiert - ein Desaster wie nach dem Attentat von Luxor 1997. Die Regierung handelte, machte 33 Millionen Euro locker und zahlt den Gesellschaften, die weiterfliegen, bis zu 200 Euro Subvention für jeden leeren Sitz. Das funktioniert, wenn auch zögerlich.

Die Strecke von Assuan nach Luxor ist 200 Kilometer lang. Die Reise an Bord der eher gediegenen als aufregend luxuriösen Eleganz der "Oberoi Philae" dauert vier Tage und wird zu einem bildungsgesättigten Verwöhntrip in die Geschichte Alt-Ägyptens.

In Assuan ist der Nil nicht nur ein breiter ruhiger Strom, sondern, am ersten Katarakt, auch ein Gewirr von Wasserarmen zwischen Inseln und Steinblöcken. Mittendrin erhebt sich der Philae-Tempel. Erbaut wurde er in der griechischen Periode Ägyptens, etwa vom 3. Jahrhundert vor Christus an - und steht doch erst seit 22 Jahren am jetzigen Platz: Wie zwei Dutzend andere historische Kleinode wurde er beim Bau des Assuan-Staudamms einfach abgebrochen und in acht Jahren hier neu errichtet - was kein Laie je erkennen würde. Im Tempel von Kom Ombo, drei Stunden flussabwärts und etwa aus der gleichen Zeit, gab einst ein Steinkalender den Priestern vor, welche Arbeiten wann zu verrichten waren. Andere Reliefs zeigen medizinisches Gerät, dessen genauen Gebrauch bei der Mumifizierung die Reiseleiterin ihren Zuhörern mit viel Freude fürs Detail ausmalt. Die Pylone des Horus-Tempels von Edfu wiederum, die gewaltigen Steintore, schimmern im Licht des nächsten Morgens rötlich und scheinen schräg nach hinten wegzukippen. So klein ist der Mensch, so unbedeutend unter dem eingemeißelten Pharao, der hoch droben Feinde schlägt und beutelt - offenbar ein Lieblingsmotiv vieler Könige.

Jede der riesigen Anlagen wartet mit Einzigartigkeiten auf, mit besonderen Geschichten, einem speziellen Licht. Und ganz allmählich schält sich, dank der erzählerischen Geschicklichkeit der Reiseleiterin, aus der Unübersichtlichkeit von fünftausend Jahren Vergangenheit eine Struktur heraus, gliedert sich die Zeit in Altes, Mittleres, Neues Reich und eine Griechisch-Römische Periode. Schritt für Schritt, Opfer-Relief für Opfer-Relief entschlüsselt sich, wie diese Religion mit ihren subtilen Vorstellungen von einem Leben im Jenseits die Menschen fast dreitausend Jahre lang zu fesseln vermochte - und welche beiden Fragen die Könige durch die Jahrtausende am meisten umtrieben: Womit übertrumpfe ich, bautechnisch gesehen, meine Vorgänger? Und wie stelle ich mich mit den Göttern gut?

Alle diese Orte sind Pilgerstätten des modernen Tourismus. Doch wo vor Monaten noch das Leben brodelte, herrscht jetzt wenig Aufregung: Drei, vier Busse stehen einsam auf den Parkplätzen herum. Reisegruppen verlieren sich im Halbdunkel der Säulenhallen, nur selten geraten sich die Führer mit ihren Erklärungen in die Quere. An den Ufern liegen die Kreuzfahrtschiffe in Dreierreihen vertäut, kein Einsatz für "Nile Beauty", "Nile Star" und die meisten anderen der rund 300 Nilkreuzer. Und fast scheint es, als sei in den Basaren schon so etwas wie Resignation eingekehrt, angesichts der vergleichsweise milden Belästigung, der die Touristen ausgesetzt sind.

Dies ist die Stunde der Individualisten: Wer, ohne gleich rüde weitergeschubst zu werden, in Ruhe am Obelisk der Hatshepsut den 3500 Jahren nachfühlen will, die zwischen den formenden Schlägen des Steinhauers damals und der Berührung mit der eigenen Hand liegen, hat jetzt beste Chancen. Und er kann sich dabei, allen irrealen Ängsten zum Trotz, ziemlich sicher fühlen: Überall an den Touristenorten sind Polizisten in schwarzer Uniform mit Maschinenpistolen postiert, finden sorgfältige Taschen- und Leibesvisitationen statt, stehen Kaugummi kauende junge Männer ganz unauffällig herum, in Anzügen, die sich genauso unauffällig beulen.

Zwischen den Ausflügen ins Gestern geht das heutige Leben an Bord weiter: Abends verwandelt sich die Lounge in eine Disko, Manager und Oberkellner übernehmen die Animation. Ägyptische Pärchen auf Hochzeitsreise, schwarzäugige Kinder und gesetzte Geschäftsführer wetteifern mit Schreibern aus Deutschland um den Sieg im Flaschenweitergeben und machen beim Bauchtanz eine mehr oder weniger unglückliche Figur. Und zur Mahallabiyya auf dem Büffet, sahnigem Michreis mit Nüssen und Rosinen, fidelt der Stehgeiger, was die Saiten hergeben.

Am glücklichsten aber gestalten sich die Stunden auf dem eigenen Balkon: Fortgetragen vom Strom, dessen Farbe zwischen Flaschengrün und Jadeblau wechselt, zieht der verspiegelte, vor sechs Jahren gebaute Raddampfer an Kohl- und Kleefeldern vorbei. Wir blicken auf Zuckerrohr und Zucchini, sehen Kinder, die Unkraut jäten und Esel, die im Schatten dösen.

In der Steuerkabine thront im hellgrauen, knöchellangen Gewand Rais Achmed hinter seinen Griffen - das Schiff wird durch Propeller gesteuert. Das Echolot ist ausgeschaltet, Karten sind nicht zu sehen - wie will der Mann da Kurs halten? Der braungebrannte Nubier lächelt fein: Die Kapitäne des Nil sind auf dem Fluss großgeworden. Sie kennen ihn "by heart", auswendig, aus Erfahrung, wissen, wie sich Grund und Strömung im Sommer und Winter verändern - und fahren "by heart" drauflos.

Abends aber zieht ein honigfarbener Mond über dem schwarzen Strom auf, und noch später blinken durch die kalte Nacht die Sterne des Orion, dessen Bild die Pyramiden auf der Erde angeblich nachstellen. "Bodenlos romantisch", murmelt eine feinsinnige Dame. Bodenlos romantisch.

In Luxor endet die Reise - ein Finale furioso in mehreren Sätzen. Sie endet im pathetischen Kitsch der "Sound & Light-Show" des Karnak-Tempels, der dem Gigantismus der Anlage, an der die Könige mehr als 2000 Jahre bauten, durchaus angemessen scheint. Endet in der in den Himmel wachsenden Säulenhalle von Ramses II. und Sethos I., deren Boden einst mit Goldstaub bedeckt gewesen sein soll, und in der vom Umfang her der Kölner Dom Platz finden würde. Endet vor der einst drei Kilometer langen Allee der Sphinxe vor dem Luxor-Tempel und vor der Säule, in der sich der ansonsten unbekannt gebliebene "Carlo Vidua Italiano 1820" in größter Sorgfalt verewigt hat. Endet schließlich im Tal der Königinnen, im Grab der Nefertari.

Und dort sind sie noch einmal versammelt, die wichtigsten der über hundert Götter, die die Reisenden den Nil hinunter begleitet haben: Da ist Thot, der weise Schreiber mit dem Ibiskopf, der ein andermal auch als Pavian auftritt. Osiris, der schwarze Totengott, steckt in seinem Mumienleib. Ra trägt seinen Widderkopf mit der Sonnenscheibe dazwischen. Maat, die Geflügelte, vertritt die kosmische Ordnung, Anubis, der Schakal, bewacht die tote Königin und Horus tritt diesmal ohne Falkenkopf, aber im Leopardenfell auf. Mitten durch diese Breitwandschau der Götter-Prominenz schreitet Nefertari, die Schöne, die vielgeliebte Gattin Ramses II., schreitet im weißen durchsichtigen Gewand, dann wieder im enganliegenden langen Rock, trägt rote Bänder, goldenen Halsschmuck, wechselnden Kopfputz, geht barfuß oder in weißen Sandalen - eine prächtige Modenschau aus dem 13. Jahrhundert vor Christus hat sich hier erhalten.

Der Nebel lichtet sich, der "Fall Ägypten" geht seiner Aufklärung entgegen: Es gibt, so das klare Resümee, unendlich viel zu erleben im Land. Und dies derzeit bedenkenlos. Morgen fliegen wir nach Kairo und Memphis. Reisen noch ein Stück weiter zurück in die Zeit. Zu den Pyramiden von Giseh aus dem alten Reich. Den Masabas von Saqqara. Dem Statuenfriedhof von Memphis. Dorthin, wo vor rund 5000 Jahren alles begann. Auch dort soll es jetzt sehr viel Platz geben.

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