Zeitung Heute : Reise der Woche: Süße Küsschen von Katharina

Es gibt Orte mit Vergangenheit, die springen einen nicht eben an mit einer Kollektion frisch geschrubbter Denkmäler und strahlender Kulturgüter. Die muss man mit dem Wunsch betreten, das Wesentliche auch dann zu sehen, wenn es schwer beschädigt ist. Zerbst zum Beispiel.

Irgendwo zwischen Spargel und Zwiebeln ist dort Raum für Barock. Nicht viel ist geblieben davon, traurigerweise. Soviel jedoch, dass die Fantasie auf Trab kommt, wenn gerade mal nicht bodenständige Belustigungen wie die traditionell mit einem Wettkrähen eingeleitete "Spargelschäl-WM" oder die alljährliche Wahl der Zerbster Zwiebelkönigin, deren gelobte Knollen hier "Bollen" heißen, im Veranstaltungskalender oben stehen und die Historie auf das Format von Heimatfest und Hahnenkamm herunterschnurren.

Das anhaltinische Städtchen, als Sitz des Elternhauses von Katharina der Großen immerhin vom Luftzug der Weltgeschichte gestreichelt und einst Standort einer fürstlichen Barockresidenz, ist zweifelsohne kein touristischer Selbstläufer. Der Gast muss sich schon Mühe geben.

Also ab durch die Platte. Die droht aus allen Himmelsrichtungen. Inzwischen ist sie wenigstens großflächig eingefärbt, bekam Balkons und andere aufmunternde Anbauten, was den martialischen Eindruck etwas mildert. Das Altstadtviertel war durch Kriegsschäden und spätere DDR-Planung in Mitleidenschaft gezogen und arg dezimiert worden. Erst rund um den freistehenden "Dicken Turm" lässt sich, angesichts der nun sorgsam sanierten Fachwerkhäuser auf der Breite und der letzten originalen Zerbster Gaslaterne im malerischen "Rosenwinkel" erahnen, weshalb Zerbst vor Zeiten die Auszeichnung "mitteldeutsches Rothenburg" errang.

Noch kurz vor Kriegsende heftig attackiert und am 16. April 1945 großenteils eingeäschert, kann die Stadt seitdem kaum noch mit fremdenverkehrstauglichen Trophäen winken. Das städtebaulich attraktive architektonische Ensemble des Mittelalters ist verloren, und der Barock, der sich behauptete, weil die Region 1603 zum selbstständig regierten Fürstentum Anhalt-Zerbst avanciert war, existiert nur noch ansatzweise. Am augenfälligsten in Gestalt der beiden bildschönen Kavaliershäuser in frischem Kanariengelb an der Schlossfreiheit Nummer 10 und 12, die das Standesamt und ein liebenswertes Katharina-Museum mit Porträts der Zarin, Sèvres-Porzellan und Fabergé-Eiern beherbergen.

Der Dreh- und Angelpunkt barocker Prachtentfaltung jedoch: Das Schloss, von dem nur der 1744 angefügte Ostflügel mit seinen mächtigen Umfassungsmauern als Ruine erhalten blieb - bezüglich der Ausstattung übrigens eine der wertvollsten Schöpfungen im Stil des friderizianischen Rokoko -, ziert nurmehr im Ausschnitt einer historischen Ansichtskarte die Werbeprospekte für die Klientel, die in Zerbst nächtigen soll. Bisher holen sich die meisten Besucher nur kurz ein "Katharinenküsschen" ab: ein im Landkreis produzierter Likör mit Sahnehäubchen.

Dem lädierten Bauwerk selbst, das den verwunschenen Schlossgarten beherrscht, erspart man Abbildungen. Es muss im Geiste belebt werden. Seit 1999 ist die Stadt Zerbst im Besitz des repräsentativen Restes der stattlichen Dreiflügelanlage. Investoren, die den linken Flügel wieder aufrichten, wurden jedoch noch nicht gefunden.

Vor allem für die Fasch-Festtage wäre der Trakt ein Riesengewinn. Das Barockmusikfestival findet zu Ehren von Johann Friedrich Fasch und seines Sohnes Carl Friedrich Christian im Zweijahresturnus statt - diesen April zum siebten Mal.

Fasch machte sich als "Hochfürstlicher Anhaltischer Hofkapellmeister zu Zerbst" einen Namen, der auch am sächsischen Hof in Dresden einen superben Klang hatte. 1722 trat er sein Amt bei Johann August von Anhalt-Zerbst an. Ein Jahr spendierte er dem Fürsten ein Geburtstagsgeschenk, das sich hören lassen konnte: Eine 15-sätzige Serenade, uraufgeführt im Schloss. 1681 begonnen, wurde das Gebäude während der bald achtzig Jahre währenden Ausbauarbeiten immer erlesener ausstaffiert. Legende ist das Zedernkabinett für die kostbare Fayencensammlung der Fürstenfamilie.

Katharina, klug und machthungrig, heiratet mit dem Kopf, nicht mit dem Herzen. Fasch hat aus Anlass ihrer Hochzeit mit Großfürst Peter - der Angetraute sei ihr gleichgültig, nicht aber die russische Krone, flötete die Zerbster Prinzessin - abermals eine seiner Serenaden verfasst, ihrer Krönung 1762 allerdings keine Partitur mehr widmen können. Vier Jahre zuvor war er gestorben.

Bis dahin bestellten wechselnde Regenten bei ihm den klingenden Rahmen für ihren Auftritt. Von der Hohen Messe bis hin zur Tanz- und Tafelmusik: Fasch komponierte perfekt. Zerbsts kulturelle Blütezeit verdankt sich wesentlich dem Autodidakten, der eine Weile braucht, bis er musikalisch fest im Sattel sitzt, mit zwanzig noch Gelegenheitsmusiken komponiert, alsdann Opernaufträge erhält und mit einem Mal in Leipzig aussichtsreicher Kandidat für das Amt des Thomaskantors ist.

Stattdessen Zerbst. Von der Residenzstadt an der Nuthe aus beeinflussen Fasch und Sohn, der Begründer der Berliner Sing-Akademie, mit ihren Instrumentalkompositionen zu fürstlichen Feierlichkeiten und kirchenmusikalischen Werken das bürgerliche Konzertleben und bereiten der Musikkultur der Romantik den Weg.

Neben Katharina ist der Komponist der personifizierte Stolz der Stadt. Vor zehn Jahren - in der DDR waren Vereine verpönt -, gründete sich in Zerbst die Internationale Fasch-Gesellschaft e. V. Wurde er auch 1688 bei Weimar geboren, so würdigen ihn die Musikwissenschaft und das Amt für Wirtschaftsförderung: "Sachgebiet Tourismus", unisono als "Zerbster Komponisten".

Dem Herrn Hofkapellmeister verdankt die Kreismusikschule ihren Namen und ein Saal in der ehemaligen fürstlichen Reithalle. In dem architektonisch bedeutenden, idyllisch im Grünen gelegenen und gut erhaltenen Bau mit der Fürstenloge drehte nicht nur Klein-Katharina ihre ersten Runden zu Pferde, auch die Hofkapelle kam auf Touren. Die DDR hatte kurzerhand das größte Nebengebäude des Schlosses mit seiner technisch meisterhaften Deckenkonstruktion zur Mehrzweckhalle bestimmt.

Dass der deutsch-demokratische Dunst, der in ihren Ecken klebt, baldigst verschwindet, das wünschen sich die meisten Zerbster. Anderen schmeckt der Barockkult allerdings nicht. Reithalle und Kavaliershäuser sind Daueropfer von Graffiti-Kringeln. An der rauen Stadtmauer aus Feld- und Backsteinen können sich die Sprayer kaum austoben. Sie ist mehr als vier Kilometer lang und damit eine der wenigen fast vollständig erhaltenen mittelalterlichen Befestigungen. Drei von fünf Stadttoren sind übrig, ein 400 Meter langer Wehrgang wurde restauriert. Bei Stadtführungen - "den Umgang hat man zum Glück schon zu Ostzeiten gepflegt", frohlockt die Gästeführerin -, kann man sich darin ein Bild vom geduckten Mittelalter machen.

Darüber hinaus sind die Zerbster froh über Profanbauten wie die Post und verliebt ins Landratsamt. Haben da doch Gebäude aus der Ära des Historismus und des Jugendstils die Zeitläufe überlebt. Unbeschadeter als etwa die St. Nikolaikirche, in der noch das Gras wächst, aber der zweite Glockenturm jetzt wiederaufgebaut wurde. Oder die 1945 ausgebrannte Hofkirche St. Bartolomäi, deren dreischiffiges Langhaus das Dach einbüßte, und die erst kurz vor der Wende gesichert wurde. Faschs Kapelle spielte häufig im Gotteshaus. Das romantische Gemäuer ist ein prominenter Aufführungsort der Fasch-Festtage. Dabei erhaschen die Gäste einen Schimmer vom alten Glanz der Residenz. Und in dieser Stimmung verfliegt die Trauer über die Bausünden in Zerbst.

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