Zeitung Heute : Reise der Woche: Tanz auf dem Vulkan

Christian Nowak

Der Passatwind prallt gegen den fast 3000 Meter hohen Bergkegel. Üppig breitet sich hier Vegetation aus. Auf der windabgewandten Seite: Trockenheit und Dürre. Am Pico de Fogo erlebt man das Dilemma der Kapverdischen Inseln, eines Archipels mit neun bewohnten Inseln. Fogo, die Insel der Kontraste, ist eine von ihnen. Hier sind auch die Spuren vulkanischer Aktivitäten allgegenwärtig.

Während der rund zweistündigen Fahrt von Fogos Hauptstadt Sao Filipe an der Küste hinauf zur Caldeira werden dramatische Jahrtausende Erdgeschichte zu Augenblicken komprimiert. Im Windschatten des mächtigen Vulkankegels beherrscht sonnenverbranntes Savannengras die Landschaft. Zu beiden Seiten der Straße gehen die Dörfer fast nahtlos ineinander über. Die Menschen nutzen jeden Quadratmeter des trockenen Bodens, ringen ihm in mühseliger Sisyphusarbeit ein paar grüne Halme ab. Doch die meisten Pflanzen vertrocknen, bevor die Ernte eingebracht werden kann. In dieser archaischen Landschaft zu überleben, ist fast aussichtslos.

Mit zunehmender Höhe werden die Dörfer seltener und die Natur lebensfeindlicher. Parasitärkrater überziehen den Berghang wie übergroße Pickel und Relikte der vulkanischen Vergangenheit prägen das Bild der Insel: Erodierte Lavaströme, Ascheberge, Schlackehaufen und Tuffkegel wohin das Auge blickt. Die Reise geht durch eine bizarre Landschaft, geformt von Naturgewalten, die keine Rücksicht auf Pflanzen, Tiere und Menschen nehmen.

Dann verschwindet die Straße in der Caldeira, einem halbkreisförmigen Einsturzkrater mit acht Kilometern Durchmesser. Es sind die Reste eines gewaltigen Urvulkans. Geologen vermuten, dass dieser Vulkan den heutigen Kegel noch um 1000 Meter überragt hat, bis er in einer gewaltigen Katastrophe weggesprengt wurde. Trotz Sonnenschein und strahlend blauem Himmel hat die Szenerie etwas Bedrohliches, bis zum Horizont findet das Auge nur dunkle, scharfkantige Lava.

Dennoch leben mitten im Krater Menschen! Ein paar Dutzend Häuser, die meisten aus Basaltsteinen, zeugen von dem ungebrochenen Optimismus, auch den widrigsten Bedingungen zu trotzen. Mittelpunkt des kleinen Dorfes ist die "Cooperativa". Sie ist Minisupermarkt und Bar und damit Treffpunkt für Einheimische und Touristen, die den Vulkan besteigen wollen. Am Wochenende wird hier fast rund um die Uhr gefeiert und Flasche um Flasche des schweren, fast schwarzen Fogoweines geleert. Die kleine Band spielt schnelle Rhythmen und traurige kapverdische Lieder, zaubert mit Gitarre, Geige und allerlei improvisierten Instrumenten Lebensfreude in die dunkle Stehkneipe.

Schon bald taucht Antonio auf. "Die Hände in den Hosentaschen vergraben, mit einem breiten Grinsen, das seine beeindruckende Zahnlücke enthüllt und der Zigarette im Mundwinkel, ist für ihn alles kein Problem". Auch nicht, Touristen mal eben auf den fast 3000 Meter hohen Pico de Fogo zu führen. Immerhin hat er den höchsten Berg der Kapverden schon 692 Mal bestiegen. Sagt er.

Für uns ist der Aufstieg ein eher schweißtreibendes Vergnügen. Bis zu den Knöcheln versinken die Füße bei jedem Schritt in der losen Asche und rutschen an der 45 Grad steilen Bergflanke ständig zurück. Antonio lächelt geduldig, die Zigarette im Mundwinkel, die Hände in den Hosentaschen. Für ihn scheinen die Gesetze der Schwerkraft nicht zu gelten. Irgendwann treibt der Wind einen Atem raubenden Gestank nach faulen Eiern heran, der den Wechsel von monochromer, schwarzer Einöde zu bunter Farbenpracht ankündigt.

Wo vor fünf Jahren die Lava hervorquoll, ist die Bergflanke noch immer wie eine frische Wunde schrundig zerklüftet. Ätzende und stinkende Schwefelschwaden dringen aus Spalten und Rissen. Mit jedem Schritt wird die Erde heißer, die erstarrte Außenhaut immer dünner. Dämpfe aus Fumarolen und Solfataren schlagen sich auf der dunklen Lava nieder und überziehen das dunkle Gestein mit einem leuchtenden Schwefelteppich. Plötzlich ist Gelb die dominierende Farbe. In allen Schattierungen von zartem Hellgelb über Goldgelb bis hin zu kräftigem Orange reicht die Farbpalette. Um die fauchenden Löcher bilden sich zarte Nadeln kristallinen Schwefels.

Am 2. April 1995 erwachte der Berg nach langer Ruhe urplötzlich wieder zum Leben. Die Bergflanke brach auf und gewaltige Lavamassen ergossen sich in die Caldeira. Die einzige Straße wurde zerstört, das Dorf musste evakuiert werden. Am schlimmsten traf es die Weinkooperative, denn die Lava begrub einen Großteil der Weinstöcke unter sich. Damit war die Lebensgrundlage der meisten Menschen zerstört.

Heute ist der Pico de Fogo wieder ein zahmer Riese. Der schwarze Kegel ragt als gleichschenkliges Dreieck in den Himmel, der Hauptgipfel ist zackig abgerissen. Die Aussicht vom Gipfel ist einzigartig. Zum Greifen nahe sind Santiago und das kleine Brava und auch die anderen Inseln des Archipels sind im fernen Dunst zu erahnen. Mehr als 1000 Meter unter dem Gipfel prallen die Passatwolken gegen den Berg und kriechen dann langsam über den Boden der Caldeira. Sie sorgen dafür, dass der Nordostteil Fogos eine grüne Oase inmitten der Lava bleibt.

Beim Abstieg zu dem kleinen Ort Mosteiros an der Nordküste zeigt der Feuerberg sein mildes Gesicht. Durch die Feuchtigkeit der Passatwolken gedeiht auf dem fruchtbaren Lavaboden eine üppige Vegetation. Zunächst führt der Weg durch erfrischend kühlen, europäisch anmutenden Laubwald, dann durch die nebelverhangene Toskana und endet schließlich zwischen Kaffeesträuchern, Mangos, Orangen und Bananen am Meer. Touristen verirren sich nur selten nach Mosteiros, die meisten bleiben in Sao Filipe auf der anderen Seite der Insel und starten von hier aus die Vulkanbesteigung, für viele ein Höhepunkt ihrer Reise auf dieses Eiland im Atlantik.

Zurück in Sao Filipe erliegen wir dem morbiden Charme der Inselhauptstadt. Von den meisten Häusern blättert die zartgelbe, wasserblaue, blassrosa oder hellgrüne Farbe. Die grob gezimmerten Türen hängen schief in den Angeln, nur die mit Schnitzereien verzierten Balkone trotzen der Zeit. Einst wohnten hier die reichen Kolonialherren Fogos, heute ist die Armut allgegenwärtig. Zwischen Rathaus und Kirche stehen ehemals hochherrschaftliche Häuser leer und sehen einer ungewissen Zukunft entgegen. Auch wenn eine Melancholie des Verfalls über der Stadt liegt, ist den Menschen der unerschütterliche Optimismus und die ansteckende Fröhlichkeit nicht abhanden gekommen. Daran haben auch die Ausbeutung durch die Kolonialherren und die zahlreichen Dürrekatastrophen nichts ändern können. "Wir sind Kapverdeaner und leben am schönsten Ort der Welt", ist ihre Botschaft, so als sei die Geschichte der letzten 500 Jahre spurlos an ihnen abgeprallt.

Die neun Kapverdischen Inseln

Die Kapverdischen Inseln liegen 1500 Kilometer südlich der Kanaren und 500 Kilometer westlich vom grünen Kap (Cabo Verde) Afrikas isoliert im Atlantik. Alle neun bewohnten Inseln sind vulkanischen Ursprungs. Allen gemeinsam ist die Wasserknappheit.

Sal ist eine flache Wüsteninsel mit 365 Tagen Sonnenschein und einem kilometerlangen Strand. Sie gilt als Favorit bei allen, die komfortablen Pauschalurlaub verbringen wollen.

Boavista hat noch viel mehr Sand als Sal, aber nur wenige Touristen verirren sich hierher. Robinsonurlaub zwischen Wanderdünen und Palmenwäldern ist hier garantiert.

Die zerklüfteten Berge von Sao Nicolau sind ideal für abenteuerlustige Wanderer.

Sao Vicentes Anziehungspunkt ist die lebendige Metropole Mindelo, die einst Drehscheibe zwischen Europa, Afrika und Amerika war. Mit etwas Glück erlebt man Cesaria Evora in einer der Kneipen live.

Santo Antao hat sich unter Insidern als ordentliches Trekkingterrain herumgesprochen. Üppige Vegetation und bis zu 2000 Meter hohe Berge bilden die Kulisse für abwechslungsreiche Touren.

Santiago ist anders, afrikanischer. Wandern und Urlaub am Strand unter Palmen lassen sich hier gut kombinieren.

Auf der kleinen Wüsten- und Düneninsel Maio scheinen die Uhren still zu stehen, Touristen verirren sich kaum auf das Eiland.

Fogos Attraktionen sind der Vulkan und das koloniale Flair der Inselhauptstadt.

Brava ist die kleinste Insel des Archipels und mit beeindruckenden Gebirgen, schönen Stränden sowie üppig blühenden Blumen eine weitere Alternative.

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