Zeitung Heute : Reise der Woche: Urlaub mit dem Hammer

Volker Kipke

Noch ein paar kräftige Hammerschläge, und endlich ist sie heraus: Saccocoma pectinata. Zwar nicht mal daumenlang; ein Stachelhäuter. Aber immerhin 140 Millionen Jahre alt. Ein bisschen mehr Glück, und aus dem Stein wäre das reizvolle Gerippe eines Rundpanzerkrebses zum Vorschein gekommen; oder gar das proppere Bruststück eines Langschwanzflugsauriers, ebenfalls aus der Jura-Epoche. Reiche Ausbeute an solcherlei Getier verspricht jener Kalkbergzug, der sich vom Schwarzwald im großen Bogen bis zur Fränkischen Schweiz hinzieht.

Die fantastische Zeitreise durch Deutschland kann aber auch 380 Millionen Jahre zurückführen; Korallen von damals finden sich zum Beispiel in der Eifel. Im Hunsrück sammeln Touristen (und Profis) funkelnde Mineralien: Amethyst, Jaspis und andere Schmucksteine. Das exotischste unter allen geologischen Phänomenen ist allerdings eine Kirche. Die von Nördlingen. Sie wurde aus Steinen erbaut, die durch den Einschlag eines Himmelskörpers vor 15 Millionen Jahren entstanden. So wäre sie, witzeln die Leute, die einzige, die ihre Beziehung zum Himmel wissenschaftlich nachweisen könne.

Tuff und Schluff

Besonders in der Eifel ist die Geologie touristisch vorzüglich aufbereitet. Dieses erdgeschichtlich zwar uralte Gebiet hat ja auch Spektakuläres aus - in geologischen Zeiträumen betrachtet - allerjüngsten Tagen zu bieten: Vor 11000 Jahren brachen dort zum letzten Mal Vulkane aus. Siebzig "Maare" entstanden, Kraterseen. Im Laacher See steigen heute noch als Nachklapp Blubbern auf. Forscher horchen bis 400 Kilometer tief in die Erde hinein: Wann kommen die nächsten Eruptionen? Sehr bald! Jedoch wiederum geologisch gerechnet. Die Zeit bis dahin können Urlauber nutzen, sich in Geoparks und Geozentren und auf Geopfaden in die Entstehung der Landschaft einführen zu lassen. Fast täglich finden um Daun oder Gerolstein Führungen zu Fuß und per Rad zum Thema statt, Vorträge ergänzen das Programm. Beispielsweise gibt es monatlich eine Führung, deren Titel andernorts bestimmt nicht als tourismustauglich erachtet würde: "Umweltgeowissenschaftliche Vielfalt und Zeitzeugnisse". Dabei kommt man übrigens auch zur Bertradaburg, wo Karl der Große geboren worden sein soll. Manchmal werden nebenbei auch die Spuren der Römer oder die Hinterlassenschaften des Bergbaus erforscht. Routen sind ausgewiesen, auf denen der Besucher drei Stunden oder auch vier Tage lang ohne Führer, aber informiert durch Schrifttafeln und Broschüren über versteinerte Schwammriffe und Tuff und Schluff durch die Eifel wandern kann. Stolpert er mal, könnte eine der vulkanischen Bomben schuld sein, die die Feuerberge reichlich übers Gelände schütteten. Die aufregendsten Fossilien sind in örtlichen Museen zu sehen: ein schwangeres Urpferd und die älteste Honigbiene der Welt, die vor 45 Millionen Jahren lebten. (Auskunft: Eifel-Tourismus, Kalvarienbergstraße 1, 54595 Prüm; Telefonnummer: 065 51 / 965 60.)

Etwas weiter südlich, wo heute die Nahe an den Hunsrück-Hügeln nagt, entstanden bei Vulkanausbrüchen Mineralien, die nicht nur der Geo-Interessenten Herz erfreuen. Zwar beteuern Bewohner, man bräuchte dort nur über die Äcker zu tippeln (speziell nach dem Pflügen) und würde dabei schon fündig, aber sicherer ist es, mit der Schubkarre in die Mine Steinkaulenberg bei Idar Oberstein einzufahren, sich vom Schürfmeister so genannten Abraum zuteilen zu lassen und dann, draußen vor dem Stollen, den Haufen mit dem Hammer zu bearbeiten. Drei Stunden sind dafür bei dem Programm "Edelsteine selber? schürfen" angesetzt. Was der Tourist an Achaten und Bergkristallen und Jaspis entdeckt, kann er mitnehmen zum Steinschleif-Kursus (vier oder sieben Tage). Bei einem zusätzlichen Seminar mag er auch noch lernen, die guten Stücke in Gold und Silber zu fassen. Jegliche Anregung bekommt er im Edelsteinmuseum, das - in Vitrinen von insgesamt 280 Metern Länge - von abenteurlichem Glitzern und Funkeln erfüllt ist. (Tourist-Information, Georg-Mausstraße 2, 55743 Idar-Oberstein; Telefon: 067 81 / 644 21.)

Schlote und Zähne

Obwohl auch die Schwäbische Alb von Vulkanen gelöchert wurde - 350 Schlote -, sind die Schätze hier meist anderer Art. Ammoniten und Belemniten findet man in Mengen; Zähne von Urhaien können zur Ausbeute des Fossilienjägers gehören; Raritäten wie etwa Fischsaurier werden gelegentlich geborgen. Es gibt zahlreiche Steinbrüche, aus denen sich Urlauber die Urviecher holen können - "in vielen können sie es nicht nur, sie dürfen es sogar", sagt ein Touristiker aus der Gegend. Auch in dieser Landschaft zwischen Aalen und Tuttlingen zeigen etliche Museen kostbare Knochen, beispielsweise von einem drei Meter langen Meereskrokodil. "Saurier zum Anfassen" verspricht eine der Pauschalen, bei einem anderen kann man eine Woche lang in der "Erlebniswelt Geologie" stöbern, geführte Wanderungen und Hammerschwingen inklusive. (Touristik Schwäbische Alb, Marktplatz 1, 72574 Bad Urach; Telefon: 071 25 / 94 81 06.)

Noch berühmter für seine Fossilien ist die Fortsetzung der Alb nach Osten: wo sich die Altmühl durch den Bergzug bricht, der nun Fränkische Alb heißt, und wo der erste Archaeopteryx gefunden wurde (1861). Der Ort Solnhofen kann sich die Unverfrorenheit leisten, ausschließlich die in der Gemeinde übernachtenden Touristen in einen ergiebigen Steinbruch hinein zu lassen. So ergatterte denn bisher mancher ein schönes Stück Skelett für die heimische Vitrine auf illegale Weise. Jetzt aber wurden bei Eichstätt neben schon länger bestehenden weitere Klopfstellen eröffnet. Das Altmühltal hat einen entschiedenen Vorteil: Der "Plattenkalk" in diesem Bereich lässt sich so mühelos spalten und ausweiden, dass man hinterher nicht unbedingt an Muskelkater leidet. Dicht an dicht stehen hier die Museen mit Riesenechsen und Quastenflossern. (Zentrale Tourist-Information Naturpark Altmühltal, Notre Dame 1, 85072 Eichstätt, Telefonnummer 084 21 / 987 60).

Wo die Juraformationen enden, beginnt das Thüringer Schiefergebirge. "Blaues Gold" nannte man hier das Material für Dachdeckung und Schreibtafeln. Jetzt gibt es einen dreißig Kilometer langen Schiefer-Lehrpfad von Probstzella zum Schiefermuseum in Ludwigstadt (Bayern), er führt vorbei an den riesigen Tagebauen von Lehesten, die nun als Besucherbergwerk "Schieferpark" heißen. (Naturpark Thüringer Schiefergebirge/Obere Saale, Wurzbacher Straße 16, 07338 Leutenberg; Telefon: 03 67 34 / 230 90.)

Was eine überirdische Kraft anrichtete, ist in der Umgebung von Nördlingen zu besichtigen. Die Leute in der Gegend sprechen liebevoll von "unserer Katastrophe" und meinen den Einschlag eines Meteoriten. Bis nach Süd-Brandenburg wurden Bröckchen des Gesteins geschleudert, das bei der enormen Hitzeentwicklung entstand. Das Explosionsloch - 25 Kilometer Durchmesser - hat sich in den 15 Millionen Jahren seit damals zwar aufgefüllt, "Nördlinger Ries" heißt die Landschaft. Und der Besucher entdeckt in dem Kessel noch manche weitere Spur des Naturereignisses, wenn er sich zuvor im großartigen "Rieskrater-Museum" in Nördlingen kundig macht. (Touristikverband Ries, Marktplatz 2, 86720 Nördlingen; Telefon:

090 81 / 43 80.)

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