Zeitung Heute : Reise der Woche: Von allen Geistern Verlassen

Sigrid Merkl

John Fisfis ist ein wenig verärgert. Seit Avgonyma unter Denkmalschutz steht, dürfe man dort ohne Genehmigung keinen Stein mehr verrücken. Und dass, obwohl das chiotische Dorf hoch oben in den Bergen über der Inselhauptstadt bis vor wenigen Jahren dem Verfall preisgegeben und fast nicht mehr bewohnbar war. In Reiseführern wird Avgonyma als Geisterdorf bezeichnet. Umso erstaunlicher ist, dass sich auf dem Grill der Taverne ein schwer beladener Fleischspieß über dem Feuer dreht und verführerisch duftet. Von einer einzigen Ausnahme abgesehen, sind alle Steinhäuser frisch restauriert. Hinter Lattenzäunen wachsen in kleinen Gärten Olivenbäume, und in aufgemauerten Pflanztrögen, die zum Teil mit dem Felsen verschmelzen, wuchern Blumen. Mit der ursprünglichen Dorfgemeinschaft hat das alles nicht mehr viel zu tun. Chioten aus der Inselhauptstadt verbringen in Avgonyma ihre Ferien, und einige wenige Dorfbewohner, die das ganze Jahr über dort leben, vermieten die idyllischen Unterkünfte an Touristen. Die Grundstückspreise sind rasch gestiegen.

John Fisfis hat neu gebaut. In Avgonyma, natürlich, denn von wo wäre der Blick über das Meer bis hin zum diesig verschwommenen Horizont schöner. Auf der Aussichtsplattform ragt ein junger Eukalyptusbaum in die Höhe. Seine Blätter flattern wie graugrüne Wimpel. Gemüsebeete und terrassierte Anbauflächen breiten sich über den Abhang, den keine der sonst auf Chios recht zahlreichen Straßen zerschneidet. So wirken Dorf, Platz, Gärten und Felder wie friedliche Zwischenstationen auf dem Weg zwischen Mensch und Natur. Weit draußen verschluckt der Himmel das Meer. Oder umgekehrt? So genau lässt sich das gar nicht sagen. Jedenfalls entsteht dabei ein sehr blaues Leuchten, das aufatmen lässt, und die Luft ist gut.

Voller Gleichmut zuckt John Fisfis die Schultern. Dabei hebt und senkt sich sein Bäuchlein, über das sich ein Flanellhemd spannt. Er schwitzt und wirkt sehr zufrieden, so als würde ihm ein Stückchen Himmelreich gehören. Dort hat er sich eingerichtet, dort fühlt er sich wohl, das braucht er nicht ständig zu hinterfragen. Bemerkenswert eindeutig scheint seine Existenz, wenn er die Schubkarre über das Geröll des mittelalterlichen Kastells von Anávatos hievt. Gesäumt von Steinhäusern, die wie Schwalbennester am nackten Felsen kleben, thronen die Ruinen der einstigen Befestigungsanlage über dem Tal. Sie sind nur von Nordosten her zugänglich, denn rings herum gähnt der Abgrund. 1822, als die Türken den griechischen Aufstand niederschlugen, sollen sich Frauen und Kinder dort in die Tiefe gestürzt haben - aus Angst, dem Feind in die Hände zu fallen.

Die originalgetreue Wiederherstellung des Kastells von Anávatos überwachen Fachleute aus Athen. Selbst für den Mörtel wird wie früher grobkörniger, mit kleinen Steinen vermengter Sand verwendet. Nach seiner Rückkehr aus den Vereinigten Staaten hat John Fisfis in Anávatos Arbeit gefunden. Sommersprossen sprenkeln sein braunes Gesicht. Es wirkt arglos, so als habe er seine Heimat überhaupt nie verlassen. In New York haben sie ihn John Fish-Fish genannt, aber das scheint ihn wenig zu stören. Er erzählt es, als sei der Name ein Markenzeichen. Auch in den Dörfern ist Johns Geschichte bekannt, und wenn ein Gast in der Taverne Englisch spricht, dann muss er, der "Amerikaner", übersetzen.

John, der eigentlich Yiannis heißt, ist kein Einzelfall. Viele Auswanderer kehren zurück, zumal in der zweiten Generation. Eleni etwa, 28 Jahre, waschechte Amerikanerin und derzeit enger mit der Heimat ihrer Eltern, Chios, verbunden als mit ihrer Geburtsstadt Chicago oder dem Land, in dem sie aufgewachsen ist. Seit rund einem Jahr arbeitet Eleni bei der staatlichen Erschließungsgesellschaft ENA. Für Chios würde sie gern ein einziges, alles umschreibendes Schlagwort finden, aber die Insel sträubt sich. Chios hat mindestens drei Gesichter: das südliche, das nördliche, und noch ein weiteres, das irgendwo dazwischen liegt.

Für den Reichtum der Insel war der Süden mit seinen sanften Hügeln entscheidend, denn dort und zwar weltweit nur dort wächst das äußerlich eher unscheinbare Mastixbäumchen. Seine Rinde sondert ein transparentes und für kosmetische sowie pharmazeutische Zwecke vielseitig verwendbares Harz ab, das schon in der Antike als Zahnpflegemittel verwendet wurde. Jahrhundertelang in den Harems begehrt, wird Mastix-Kaugummi noch heute vor allem in die arabischen Staaten exportiert - und teuer bezahlt. Kein Wunder also, dass der Massentourismus an Chios vorüber zog. Man hatte ihn einfach nicht nötig.

Einige Mastixdörfer haben ihren mittelalterlich wehrhaften Charakter bewahrt. Mesta etwa, anmutig eingebettet zwischen Hügeln gelegen. Die äußeren Häuser dienten einst als Wall, und dort, wo heute größere Fenster im Mauerwerk klaffen, wurden sie nachträglich angelegt. Das Gassengewirr fügt sich zum verwunschenen Labyrinth, in dem man leicht die Orientierung verliert. Sackgassen enden im Nichts, und verfallene Innenhöfe finden sich einträchtig neben bewohnten Gemäuern. Mesta besteht nicht aus einzelnen Häusern, sondern aus einem zusammenhängenden Baukörper, der wie aus einer Hand entworfen wirkt und lediglich einen Zweck erfüllte: das Mastixdorf und seine Bevölkerung vor Überfällen durch Piraten und Türken zu schützen.

Mit ihrem ornamentalen Schmuck, den sogenannten Xystá, sind die Fassaden der Häuser von Pyrgí besonders reizvoll gestaltet. Das Hell-Dunkel der Ornamente kontrastiert mit den leuchtend roten Tomaten, die traubenförmig aufgereiht an den Balkonen baumeln. In Vessa haben einige Deutsche Häuser gekauft. Angst vor Überfremdung habe man nicht, sagt George Kaloutas, der Präfekt: "Viele Chioten fahren zur See und deshalb ist die Bevölkerung nicht engstirnig." Tatsächlich stammen einige der bekanntesten Reeder, darunter Chandris, von Chios oder der Nachbarinsel Inoússes ab, die ebenfalls zum Verwaltungsbezirk gehört.

Die verworrene Geschichte der Insel lässt sich am besten in Chios Stadt erkunden. Sie liegt in der östlichen Inselmitte und wird von den Einheimischen Chora genannt. Gegründet um 1000 vor Christus von den Ioniern, deren formschöne Hinterlassenschaften im frisch renovierten Archäologischen Museum ausgestellt sind, war Chios oft Spielball zwischen den Mächten, darunter das Römische Reich und Byzanz. 1346 besetzten genuesische Kaufleute die Insel. Sie gründeten die Maona, eine Handelsgesellschaft, und wurden vom byzantinischen Kaiser geduldet. Im Kampos, einer Ebene im Rücken der Inselhauptstadt, ließen sie sich inmitten weitläufiger Zitrusplantagen luxuriöse Landsitze errichten, die zum Teil noch erhalten sind. Erst 1566 wurden die genuesischen Adelsfamilien von den Osmanen verdrängt.

Während sich in Chora, der Inselhauptstadt, an der Mole ein schickes Café an das nächste reiht, herrscht in den nördlichen Dörfern das bäuerliche Leben vor. Schroffe Bergketten prägen die Landschaft. Wild zerklüftete Mondlandschaften wechseln mit lieblichen Tälern. In Volissós wurden Steinhäuser mit Terrasse zu behaglichen Unterkünften für Touristen ausgebaut. Sie erinnern zum Teil an Höhlen, denn hier und da dient der nackte Fels als Wand. Die anspruchsvolle Ausstattung im Landhausstil zeugt vom geschmacklichen Fingerspitzengefühl der Chioten. Des Überlebenskampfes in den Bergen müde und von verheerenden Waldbränden demotiviert, wanderten in den vergangenen Jahrzehnten junge Dorfbewohner zu Dutzenden nach Kanada und in die Vereinigten Staaten aus.

Von fern her betrachtet wirkt Volissós noch immer reglos, und niemand würde vermuten, dass sich hinter den Natursteinmauern, die sich von den Bergen kaum abheben, neues Leben regt. Aber im Dorf, das auf qualitativ hochwertigen Tourismus setzt, hat sich das Blatt gewendet. Die Einheimischen zeigen Urlaubern, wie sich Spezialitäten der chiotischen Küche zubereiten lassen, und bei Wanderungen gibt es botanische Raritäten zu entdecken. Nicht nur Chioten investieren in die Steinhäuser von Volissós, sondern auch Griechen anderer Landesteile. Sie schätzen gerade die Abgeschiedenheit und den authentischen Charme des Bergdorfes. Souvenirläden sucht man vergebens, und statt eines Supermarktes sorgen unter anderem die Fischer für das leibliche Wohl. Zwei Mal pro Woche verkaufen sie in Volissós ihren Fang. Das passende Weißbrot bietet Bäcker Yiannis Kouroupis an, und das seit 50 Jahren.

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