Zeitung Heute : Reise der Woche: Wo Insel-Duelle noch Spaß machen

Volker Klinkmüller

Die Karte war wunderschön bunt gemalt. Die Umrisse der Inseln waren mit grünem Kugelschreiber gezeichnet und kleine blaue Buntstiftwellen kräuselten sich auf dem Meer ... Dann fiel mir an einer Gruppe kleinerer Inseln ein schwarzes Zeichen auf. Ein X. Ich schaute genauer hin. In winzigen Lettern stand darunter das Wort Strand." Große Neugier erfasst Rucksacktourist Richard, als ihm im Bangkoker Globetrotter-Viertel Khaosarn-Road eine geheimnisvolle Landkarte zugespielt wird. Unter abenteuerlichen Umständen kann der junge Engländer das eingezeichnete, vermeintliche Paradies, das an einer von Felsen eingerahmten Lagune liegt, aufspüren. Obwohl der knackige Traveller von Superstar Leonardo DiCaprio gespielt wurde und die Verfilmung des Romans "The Beach" von Alex Garland in einem Naturschutzgebiet medienwirksame Proteste ausgelöst hat, ist der Traveller-Streifen in den deutschen Kinos gefloppt. Doch die Sehnsucht und Suche nach tropischen Paradiesen geht weiter - genau so, wie sich der Süden Thailands weiterhin als Tummelplatz von Filmemachern aus aller Welt präsentiert.

Es sind vor allem spektakuläre Naturlandschaften wie die von Krabi, die immer wieder Hollywood-Regisseure und Werbefilmer anlockt. Denn in dieser Nachbarprovinz Phukets vereinen sich 120 Kilometer Küste und 130 Inseln zu einer zumindest teilweise atemberaubenden Meereslandschaft: Eine Welt aus Sandstränden, Lagunen, Korallengärten, Mangroven-Sümpfen, Höhlen und steil in den Himmel ragenden, dschungelüberwucherten Felstürmen, wie es sie sonst nur in der Halong Bucht von Vietnam oder bei Guilin in China gibt. Auch der 1995 gedrehte Abenteuer-Streifen "Die Piratenbraut" (Cutthroat Island), der vorletzte James-Bond-Film "Tomorrow never dies" oder deutsche Serien wie "Das Traumschiff", "Klinik unter Palmen" oder "Verschollen in Thailand" haben dazu beigetragen, den Strom der Touristen in diesen Winkel der Welt anschwellen zu lassen. Und häufig schon musste siamesischer Boden - wie zum Beispiel für die Verfilmung von "Heaven and Earth", "Good Morning, Vietnam", "Platoon", "Calypso" oder "The Killing Fields" - die Original-Schauplätze in Kambodscha und Vietnam ersetzen, die wegen ideologischer und bürokratischer Barrieren jahrzehntelang unzugänglich waren.

So ist es mal eine Zeile aus hölzernen Pfahlbauten in einem Reisfeld, dann ein zweistöckiges, unscheinbares Gebäude in der Inselhauptstadt und nun eine langgestreckte Sandbucht mit Blick auf eine tropisch begrünte Insel, an denen Peter die Jeeps seiner "Phuket Discovery Tour" vorbeirollen lässt. "Na - das haben Sie doch sicherlich schon mal gesehen. Kommt es Ihnen nicht bekannt vor?", lässt der holländische Touristenführer seine Gäste rätseln - und hilft ihnen dabei nur allzu gern auf die Sprünge. Denn schließlich handelt es sich hier um Kulissen internationaler Film-Produktionen. Neuerdings zählen zu seiner Tour über Thailands beliebteste Ferieninsel auch fünf Orte, an denen für "The Beach" gedreht worden ist. Gelegentlich sind es aber auch die kleinen Legenden und Anekdoten um Leonardo DiCaprio, nach denen Peter ausgequetscht wird. Wie zum Beispiel dem Schiffsbruch in einem überraschenden Monsun, bei dem der Teenie-Schwarm trotz fünf Meter hoher Wellen richtig "cool" geblieben sein soll und angeblich - ganz wie in der Titanic-Vorlage - noch versuchte, weiblichen Schiffsbrüchigen beizustehen.

Superstars und Spielfilme erzeugen Bilder, die Menschen in Erinnerung bleiben und so spielen sie bei Werbung für Reiseziele eine immer wichtigere Rolle. Nicht zuletzt deshalb boomt Thailands Fremdenverkehrs-Industrie seit Jahren, wird in diesem Jahr etwa zehn Prozent mehr Gäste als im Vorjahr und damit rund neun Millionen Touristen begrüßen können. Doch das mit so genannten Paradiesen gesegnete Land wird zunehmend von Umweltproblemen geplagt. Seit nun auch Krabi einen neuen Flughafen bekommen hat und zum Pauschalreiseziel avanciert ist, wird es im Süden immer enger, so dass die Regierung die insgesamt 22 Küstenprovinzen schon nach neuen, potenziellen Urlaubsstränden durchkämmen ließ. Einer davon ist zum Beispiel die wunderschöne, nur rund 100 Kilometer nördlich der Boominsel Phuket gelegene Küstenregion von Khao Lak und Bang Sak. Dort lockt ein rund 30 Kilometer langer, von Felsen unterbrochener Strand, während sich im Hinterland mehrere Nationalparks mit einer ursprünglichen Natur aus tropenbewaldeten Bergen, herrlichen Wasserfällen und einer erstaunlich intakten Fauna erkunden lassen. Hier stören weder fliegende Händler, noch lästige Jetskis oder lärmende Nachtbars den Badeurlaub.

"Gesäumt wird der Strand von Kasurinas, großen Laubbäumen und vielen Kokospalmen. Nach Norden erlaubt er stundenlange, einsame Strandwanderungen", heißt es im orangfarbenen Süd-Thailand-Handbuch aus dem Stefan-Loose-Verlag von 1996. Damals kam der Reiseführer noch mit zwei Seiten aus, in der neuesten Auflage der bekannten "Südostasien-Bibel" werden die Reize und Unterkünfte der Region schon auf einem guten Dutzend Seiten beschrieben. Gleich mehrere Hotels mit Schwimmbädern (aber absichtlich ohne Fernsehgeräte in den Zimmern) sind im vergangenen Jahr aus dem feinen Sand von Khao Lak gesprießt. Wer es etwas einsamer und romantischer liebt, sollte zum angrenzenden Bang-Sak-Beach weiterziehen - und sich in den "Baumhäusern" des "Similana Resorts" einnisten. Auf Holzpfählen in luftiger Höhe wurden die geschmackvoll im Landesstil eingerichteten Gästebungalows gebaut, als wären sie in die üppige, tropische Vegetation der Gartenanlage hineingewachsen. Unten am Strand ist die Landschaft gespickt mit geheimnisvollen Lagunen und rätselhaften Felsformationen, die der Brandung spektakulär Einhalt gebieten. Wann wird wohl der erste Produzent auf die Idee kommen, in dieser Naturkulisse einen Science-Fiction-Roman von Jules Verne zu verfilmen?

Hartgesottene Fahnder nach abseits gelegenen Zielen flüchten allerdings lieber auf die "neuen Inseln" südlich von Phuket. Wie Christian und Jeanette aus Celle, die sich zur Erkundung der Inselwelt vor Trang gleich mehrere Wochen Zeit genommen haben. "Wir veranstalten hier unten unsere ganz eigene Form des Insel-Duells", schmunzelt das Pärchen in Anspielung auf die gleichnamige Fernsehserie, die ja eigentlich eher dazu angetan war, einem die Freude an einsamen Paradiesen zu verleiden. Die beiden Rucksacktouristen schwärmen von filmreifen, einsamen Stränden auf Koh Kradan, einer romantischen Seezigeuner-Siedlung auf Koh Bulon Lae, der geheimnisvollen Lagune auf Koh Muk oder zahlreichen, namenlosen Inseln, die noch auf keiner Landkarte verzeichnet sind. Als nächstes wollen sie mit Hilfe gecharterter Fischerboote bis in den tiefsten Südwestzipfel Thailands vorstoßen, wo sich - in Form von 51 zumeist unbewohnten Inseln - der Nationalpark von Tarutao aus der glasklaren Andamanen See erhebt. Dieses einst bei Seeräubern und Schmugglern beliebte Versteck ist vor kurzem ebenfalls in das Visier von Hollywood-Produzenten geraten, die hier gern die Novelle "Die Piraten von Tarutao" abdrehen würden.

Doch seit das Pflanzen einiger Palmen und das Verschieben von Sanddünen auf der Insel Koh Phi Phi Lee - dem Hauptdrehort des Traveller-Streifens "The Beach" - so hohe Wellen geschlagen hat, sind Behörden und Einheimische vorsichtig geworden, wollen die Filmemacher gar nur noch auf hoher See oder von der Luft aus filmen lassen! Eigentlich hat das Land ja schon reichlich Erfahrung damit, was ein Kino-Knüller so alles bewirken kann.

Noch heute lebt oder leidet der Tourismus in Süd-Thailand vor allem von - beziehungswese unter - der Legende des James-Bond-Streifens "Der Mann mit dem goldenen Colt", der hier mit Roger Moore und Christopher Lee vor rund 25 Jahren gedreht worden ist. Seitdem ist der berühmte Nagelfelsen "Koh Tapu" ständig so sehr von Tourisenbooten umlagert, dass das thailändische Umweltministerium Risse im Sockel befürchtete und den Tourismus zu den James-Bond-Inseln einschränkte. So sensibel war man bei den Dreharbeiten 1974 allerdings noch nicht: Damals wurde der Kalksteinfelsen sogar mit Sprengstoff bearbeitet, um ihm den letzten Schliff als Filmkulisse zu verleihen.

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