Zeitung Heute : Reise der Woche: Wo Natur und Mythen sich verbinden

Dirk Wegner

Die Fahrt scheint endlos. Genauso wie das flache Land zu beiden Seiten der Straße. Sobald die kleingewachsenen Eukalypten und Büsche die Sicht freigeben, fasziniert die Weite. Im fernen Dunst stößt die rote Erde an einen tief herunter gezogenen blauen Himmel. Am Horizont flimmert über der schwarzen Asphaltspur des Stuart Highway die heiße Luft. Schon die Morgensonne heizt dem "Never never", dem australischen Outback, gehörig ein.

Bei Sonnenaufgang hatte Mike unsere Koffer auf dem Dach des Landcruisers verschnürt. Ohrring, tätowierter Oberarm, Kaki-Hemd, kurze Hosen, freundliches Grinsen. Crocodile Dundee Nummer zwei. Lächelnd schiebt er die Hutkrempe ins Genick und begrüßt seine "Mates" aus Germany mit Handschlag. Also Freunde, auf zur Outback-Odyssee. So verspricht es jedenfalls der Name seines Tour-Unternehmens. Doch mit einer Irrfahrt rechnet keiner, denn von Darwin führt lediglich ein Weg nach Südosten. Als Mike den geteerten Track erreicht, gibt er Gas.

Jetzt huscht Spinnifexgras vorbei, dazwischen stehen meterhohe Termitenhäuser. 1,3 Millionen Quadratkilometer ist das staubtrockene Northern Territory groß. Heimat für knapp 160 000 Menschen. Kein Wunder, dass Mike in der leblosen Landschaft bei den wenigen entgegenkommenden Fahrzeugen die Hand zum Gruß hebt. Ein Zeichen menschlicher Regung angesichts einer bewegungslosen Umgebung, die keine Zeit kennt.

Erst nach einem Stopp am Straßenrand und einigen Schritten hinein in dieses rote Nichts wird der gigantische Stillstand spürbar. Doch was sich für europäische Augen als stoischer Fels oder still glitzernder Salzsee präsentiert, führt in der Mythologie der australischen Ureinwohner sein eigenes Leben. Fast die Hälfte des Northern Territory sei inzwischen wieder im Besitz der Aborigines, erzählt Mike. Ein wichtiger Schritt, denn nur auf traditionellem Stammesland sei es den Menschen möglich, im Einklang mit den Gesetzen ihrer Religion zu leben.

Zurück im Auto kurbelt er das Fenster herunter und hält den Arm in den heißen Fahrtwind. "Da draußen lebten in der so genannten Traumzeit die schöpferischen Ahnen der Aborigines. Die konnten zugleich Mensch und Tier sein. Auf ihrer Wanderschaft schufen sie die ganze sichtbare Welt, von den Sternen bis hinab zu den Insekten."

Ein zweigeschossiger, mit Rindern beladener Truck donnert vorbei und wirbelt den Duft frischen Kuhmists herein. "Doch bevor diese Welt entstand", fährt Mike fort, "existierte sie nur als Energie, als Traum dieser Ahnen. Die Aborigines glauben, dass diese Energie bis heute in allem als Teil einer kosmischen Schöpfungskraft enthalten ist. Sie lesen aus den Formen der Landschaft ihr Traumzeitgesetz ab, das besagt, sie müssen die Harmonie dieser Welt bewahren. Für die Aborigines gehört ohnehin alles zu einer Familie: Mutter Erde, Cousin Krokodil, Großvater GoannaÉ"

Auch auf den zweiten Blick gibt sich die vorbeihuschende Landschaft nicht als Urlaubsidyll zu erkennen. Achtzig Prozent der Eukalypten sind hohl, von Termiten aufgefressen. Karger Boden und Buschfeuer tun ein Übriges. Doch die Dimensionen der Natur haben im Outback etwas Gewaltiges, ragen über bekannte Erfahrungen hinaus. Dieser weite Himmel, der nachts ein gigantisches Sternenzelt aufspannt, und die endlos rote Erde, der glühende Boden, der am Horizont gelegentlich mit Buschfeuerflammen verschmilzt. In dieser Hitze sorgen nur die glasklaren Rockpools in den wenigen Nationalpark-Oasen für Erfrischung.

Ein großer grauer Stein schiebt sich am Straßenrand vor die Sonne. Wir passieren die Grenze des Kakadu Nationalparks. "Welterbe" steht in den Findling gemeißelt. Auf der Unesco-Liste rangiert er sowohl als Kultur- als auch als Naturdenkmal. Hundert mal zweihundert Kilometer groß. Diese Natur als Denkmal vererben? Klingt generös, doch angesichts des zeitlosen Landes auch komisch. Langsam bekommt das bislang gleichförmige rostrote Bild neue Konturen. Der Busch wird grüner, wertvoller.

In der Minenstadt Jabiru klettern wir ins Flugzeug. Ein Versuch, von irgendeinem archimedischen Punkt am Himmel zu entdecken, warum der Park als Naturerbe geadelt wurde. Aus der Vogelperspektive verschmelzen Bäume, Felsen und Feuchtgebiete am Fuß des steil aufragenden Arnhem-Plateaus zu farbenprächtigen und abstrakten Mustern. Der East Alligator River windet sich wie eine Riesenschlange hindurch. Es müssen aufregend bunte Träume gewesen sein, aus denen die spirituellen Ahnen diese Formen- und Farbenvielfalt schufen. Im Vergleich zum roten Nichts ist Kakadu die materialisierte Form eines Schöpfungsrauschs.

Mit dem Zyklus der Jahreszeiten wechselt im Park auch die Herrschaft der Elemente: Im Dezember explodiert unter den Monsun-Blitzlichtern des Himmels die Erde in sattem Grün. Im Juni, wenn viele Flüsse trocken liegen, stehen Rauchsäulen über dem gelben Gras. Die Ranger brennen den Busch ab, denn der nächste Vegetationsschub braucht Platz. Trotzdem gibt sich das Land dann friedlicher und vielerorts zugänglicher.

In diesem Buschland liegt regungslos ein riesiges Krokodil und reißt das Maul auf. Wenig später halten wir zwischen seinen Zähnen und laden die Koffer aus. Über uns wölbt sich ein Monster-Rachen, glücklicherweise aus Stahlbeton. Beruhigt schlendern wir in den Hals hinein und füllen an der Rezeption des Gagudju Crocodile Hotels die Anmeldung aus. Das Reptil bietet Wohnkomfort: Wo das Herz sitzt, plätschert der Pool, geschlafen wird seitwärts, zwischen den Rippen sozusagen. Das Gagudju-Volk, dem Land und Hotel gehören, bestand auf dieser ungewöhnliche Hotelform. Sie soll daran erinneren, dass Kakadu nicht nur ein Park ist, sondern vor allem Aboriginal-Land, Heimat der Ureinwohner.

Und zur hier heimischen Familie gehört eben auch das Krokodil.

Am nächsten Morgen suchen wir die lebenden Artgenossen. Die Sonne steht noch tief. Nur einige Mücken frühstücken schon. Als das Boot den Steg in Yellow Waters verlässt, verstummt das Surren der Quälgeister. Rote Lotosblüten treiben vorbei, kleine Jesus-Vögel hüpfen schwerelos über die Blätter von Wasserlilien. In der Ferne grasen Wasserbüffel im Matsch. Mit dem Morgendunst liegt noch eine friedliche Ruhe über dem Sumpfland des South Alligator River.

Doch bald stoßen dunkle Höcker durch die Wasseroberfläche. Das erste Salzwasserkrokodil taucht auf. Das zweite liegt mit aufgerissenem Maul regungslos am Ufer und wartet darauf, dass ein neuer Kreislauf aus Fressen und Gefressenwerden beginnt. In dieser üppigen Natur sind Schönheit und Schrecken gleichberechtigt. Auch der Mensch ist Teil der Nahrungskette.

Am folgenden Tag steht ein Landausflug auf dem Programm: Jahrtausende alten Zeichnungen der Ureinwohner in den Felsgalerien bei Ubirr. Eine halbe Stunde Autofahrt und ein kurzer Fußmarsch, dann betreten wir schattige Nischen, etliche Grade kühler als die sengende Umgebung. Rundgesessene Felsen bezeugen, dass sich hier schon seit langer Zeit Menschen getroffen haben. Handabdrücke, Donnermänner, Blitzgeister und verschiedene Tiere schmücken die Wände. Sogar vor den angriffslustigen Fressmaschinen draußen im Sumpf warnen die mythischen Bilder.

Durch aufeinander getürmtes Gestein schlängelt sich der Weg auf den höchsten Felsen wo die Anstrengung mit einer traumhaften Aussicht belohnt wird. Der Blick über die Ebene wird zur spirituellen Erfahrung. Der Fremde ahnt intuitiv, warum sich die Menschen gerade hier Jahrtausende lang trafen, warum sie gerade diese verzaubernde Natur als Rahmen für ihre eigenen Kunstwerke auswählten. Und auch warum die Ureinwohner diese Schönheit bewahren wollen.

Wer etwas von dieser spirituellen Dimension verstehen will, dürfe nicht überall vorbeihuschen, so der Rat des Gagadju-Volkes, sondern müsse "slowly, slowly" denken. Die Suche nach der Seele Uraustraliens brauche vor allem eines - Zeit. Doch das bleibt für den Durchreisenden meist sein ganz persönlicher Traum, denn Zeit hat er oft nur portioniert im Gepäck.

Am nächsten Morgen suchen wir Krokodile im Nationalpark, der korrekt "Gagadju" heißen müsste. Denn Kakadus gibt es hier nicht. Die Sonne steht noch tief. Nur einige Mücken frühstücken schon. Als das Boot den Steg in Yellow Waters verlässt, verstummt das Surren der Quälgeister. Rote Lotosblüten treiben vorbei, kleine Jesus-Vögel hüpfen schwerelos über die Wasserlilien. In der Ferne grasen Wasserbüffel im Matsch. Mit dem Morgendunst liegt noch Ruhe über dem Sumpfland des South Alligator River.

Doch bald stoßen dunkle Höcker durch die Wasseroberfläche. Das erste Salzwasserkrokodil taucht auf. Das zweite liegt mit aufgerissenem Maul regungslos am Ufer und wartet darauf, dass ein neuer Kreislauf aus Fressen und Gefressenwerden beginnt. In dieser üppigen Natur sind Schönheit und Schrecken gleichberechtigt. Auch der Mensch ist Teil der Nahrungskette.

Am folgenden Tag steht ein Landausflug auf dem Programm: Jahrtausende alte Zeichnungen der Ureinwohner in den Felsgalerien bei Ubirr. Eine halbe Stunde Autofahrt und ein kurzer Fußmarsch, dann betreten wir schattige Nischen, etliche Grade kühler als die sengende Umgebung. Rundgesessene Felsen bezeugen, dass sich hier schon seit langer Zeit Menschen getroffen haben. Handabdrücke, Donnermänner, Blitzgeister und verschiedene Tiere schmücken die Wände. Sogar vor den angriffslustigen Fressmaschinen draußen im Sumpf warnen die mythischen Bilder.

Durch aufeinander getürmtes Gestein schlängelt sich der Weg auf den höchsten Felsen wo die Anstrengung mit einer traumhaften Aussicht belohnt wird. Der Blick über die Ebene wird zur spirituellen Erfahrung. Der Fremde spürt, warum sich die Menschen gerade hier Jahrtausende lang trafen, warum sie gerade diese verzaubernde Natur als Rahmen für ihre eigenen Kunstwerke auswählten. Und auch warum die Ureinwohner diese Schönheit bewahren wollen.

Wer etwas von dieser spirituellen Dimension verstehen will, dürfe nicht überall vorbeihuschen, so der Rat des Gagadju-Volkes, sondern müsse "slowly, slowly" denken. Die Suche nach der Seele Uraustraliens brauche vor allem eines - Zeit. Doch das bleibt für den eiligen Durchreisenden meist sein ganz persönlicher Traum.

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