Zeitung Heute : Reise der Woche: Wo Sturmvögel geistern

Franz Lerchenmüller

Die Geister sind los und bitten zum Tanz. Nebelfetzen wirbeln zwischen zerklüfteten Felszinnen hoch, helle Schatten schießen aus dem Grau, ein formloser Schemen taucht auf und schiebt sich höher und höher und höher. Irgendein Troll scheint das Stück Berg, das der Wanderer eben keuchend bewältigt hat, hinter ihm abzutragen und über ihm wieder anzustückeln. Lacht da jemand? Husten Schafe eigentlich? Können Sturmvögel weinen? Mitternacht über den Vogelfelsen von Látrabjárg, Geisterstunde - nicht schwer jetzt, sich vorzustellen, warum es in Island fast schon zum guten Ton gehört, an Über- und Unterirdische zu glauben. Die bis zu 450 Meter abfallenden Kliffs sind in diffuses Dämmerlicht getaucht, die Luft riecht nach Vogelkot, gesprenkelte Eierschalen und Federn säumen den schlüpfrigen Schafpfad und aus der Tiefe dringt manchmal ein gedämpftes Konzert: millionenfaches Krächzen, Kreischen, Zetern. Am nächsten Tag herrscht Sturm und die Vögel feiern ihn. Während der Zweibeiner beim Fotografieren in die Knie geht, um nicht über die Kante gefegt zu werden, katapultieren sich Möwen, Alke und Trottellummen in den Wind, drehen ab, erwischen eine neue Bö und gleiten wieder hinaus. Ein ununterbrochenes Landen und Abheben auf insgesamt 14 Kilometer Steilküste, Rush-hour seit Tausenden von Jahren. Papageientaucher mit dem indignierten Blick pensionierter Musiklehrerinnen sitzen am Abgrund und lassen Beobachter bis auf einen Meter an sich heran kommen. Sie werden hier nicht gejagt, anders als auf der kleinen Insel Grímsey im Osten etwa, wo die Einwohner ihnen mit langen Keschern nachstellen. Gebraten schmecken sie kräftig nach Wild, eine Blaubeersoße unterstreicht das Aroma. Das Kap kommt in Sicht. Ein Leuchtturm, ein paar gelb angemalte Randsteine, ein Sendemast: Bjargtangar, der westlichste Punkt der Westfjorde, auf 24 Grad 32 Minuten 12 Sekunden Länge, ist zugleich der westlichste Fußbreit europäischen Bodens überhaupt. Dahinter erstreckt sich nur der Atlantik, in 280 Kilometern Entfernung liegt Grönland. Die Westfjorde sind Islands abgelegenste und am wenigsten besiedelte Provinz: eine von Felsrinnen gekerbte Halbinsel, deren Berge sich aneinander reihen wie die Rippen eines Heizkörpers. Schwarzgraue Geröllwüsten wechseln mit braungrünen Tafelbergen, hahnenfußgelbe Wiesen mit Stränden aus schwarzem Sand. Ein rauher, wenig fruchtbarer Vorposten im Meer. Wer hier zurecht kommen wollte, musste alle Chancen nutzen, die die Natur ihm bot. Das Volksmuseum in Hnjótur zeigt, was Alltagsleben in den Westfjorden hieß: alltäglicher Kampf ums Überleben. Da finden sich Fuchsfallen, Vogelschlingen, Walharpunen und Robbengewehre. Torfmesser hängen neben Sägen zum Bearbeiten von Treibholz. Schuhe wurden aus der Haut von Steinbeißern gefertigt, Entfernungen danach gemessen, wie viele Paare bis zum Ziel aufgebraucht sein würden. Es gibt Schlachtmasken für Schafe und Spindeln, Hecheln und Spinnräder zum Verarbeiten der Wolle. Sowie die Seile, an denen Männer sich in die Kliffs abließen, um Vogeleier zu sammeln. Im Fischereimuseum von Bolungarvík trägt der ehemalige Fischer Geir Gudmundson die Arbeitskleidung von einst: einen Anzug aus Schaffell, der mit Robbentran imprägniert wurde, gegürtet von einem Stück Tau. Im Schuppen baumeln Seehase und Heilbutt im Wind, Steinbeißer und Dorsche lagern im Salz - so stellte man "Hardfiskur" und Salzfisch her. Pferdefleisch, womöglich kurz in Rum eingelegt, wurde auf große Haken gespießt und wirkte unwiderstehlich auf Haie. Apropos Haie: Geir zieht ein Plastikschälchen mit kleinen, hellbraunen Würfeln hervor. Heimisches Knabberzeug, Hákarl, fermentierter Grönlandhai, drei Monate vergraben, dann ein halbes Jahr getrocknet. Er riecht ein wenig streng, die Konsistenz ist fasrig und zäh und im Gaumen bleibt ein unverkennbarer Geschmack nach - Pisse. Danke, Geir, keine weitere Kostprobe. Ein unerbittliches Land, ein hartes Dasein. Zum Überleben war jede Art von Beistand willkommen, auch der geheimer Mächte. Geheimnisvolle Runen an den Türstöcken schützten die Bewohner vor Krankheit, Blitzschlag und bösen Nachbarn, spezielle Ratschläge zur Lebenshilfe wurden weitergeflüstert: wer schnell reich werden will, schlüpfe hüftabwärts in die Haut eines Toten und raube einer armen Witwe den letzten Pfennig! Viele Männer standen im Ruf, Zauberer zu sein und wurden vom 17. Jahrhundert an von in Dänemark oder Deutschland "aufgeklärten" Verwaltungsbeamten heftig verfolgt. Allein auf Strandir, dem abgelegensten Küstenabschnitt, wurden vier der zwanzig in ganz Island getöteten Hexen und Zauberer verbrannt. Magnus Rafusson, geschichtskundiger Zimmermann, ist dabei, ein Zauberermuseum zu eröffnen. "Streng historisch" soll es da zugehen, aber in einem Land, das sich so trotzig wie Tourismus fördernd zu seinem Glauben an Elfen bekennt, können Besucher wohl auch ein wenig Hokuspokus erwarten. Glaubt er an Zauberkräfte, verborgenes Volk, Wiedergänger? "Ich würde nie behaupten, dass es sie nicht gibt", sagt Magnusson lächelnd, in einer Mischung aus Aufrichtigkeit, Diplomatie und Ironie. Und keck wippt der blonde Pferdeschwanz. Vielseitig begabte Menschen haben die Westfjorde schon immer hervorgebracht: Sonderlinge wie den Bauern Samúel Jónsson etwa, der 1949 mit 65 Jahren seinen Hof in Brautarholt aufgab und sich ganz auf die Kunst verlegte. Als der Pfarrer von Selárdalur sich weigerte, ein von ihm gemaltes Altarbild aufzuhängen, baute er sich seine eigene Kirche, mit einem Patchworkturm aus Hunderten von Holzstücken. Aus Beton goss er Statuen von Robben und Löwen und gestaltete sein Wohnhaus zu einem Tempel mit Säulen, Balustraden und Erkern um. Oder praxisnahe Theoretiker wie den Nationalhelden Jón Sigurdsson, 1811 in Hravnseyri geboren, der nicht nur in Wort und Schrift für die Unabhängigkeit Islands von den Dänen kämpfte, sondern seine Landsleute auch im richtigen Gebrauch von Fischernetzen, Schafscheren und Maurerkellen unterwies. Nicht zuletzt aber auch Leute, die mit Geld umzugehen wussten. Eine Fotoausstellung im Naturhistorischen Museum von Bolungarvík erzählt die Geschichte vom steten Aufstieg und schnellen Fall des Fischereikönigs Einar Gudfinnsson: Wie ein Bauernjunge, der zunächst nur einen Anteil an einem Fischerboot besaß, in den zwanziger Jahren Fisch aufkaufte, immer mehr Fisch, dann eine Fabrik hinstellte, eine neue Pier bauen ließ, eine Gefrieranlage installierte, schließlich ein Kaufhaus errichtete, in dem es von Jeans über Legokästen, Suppentassen, Fernsehern bis zu Brötchen und Lammkeulen alles zu kaufen gab. Wie dann aber, in den 90er Jahren, die Banken plötzlich viel Geld sehen wollten und die Firma "Einars des Reichen", eine der größten Islands, in kürzester Zeit zusammenbrach. Das Kaufhaus steht noch. Aber viele Fenster sind zugeklebt, Kacheln an der Fassade zerbrochen, zwischen den Gehwegplatten nistet Unkraut. Bolungarvík mit seinen tausend Einwohnern stirbt langsam - und hat möglicherweise den Todesstoß erhalten: Die Verarbeitungskette "Raudi herinn" ist bankrott, mit ihr die letzte Fischfabrik am Ort. Weitere 300 Arbeitsplätze in der Region fallen weg. Die Westfjorde entvölkern sich. Lebten vor zehn Jahren noch 11000 Menschen auf den 8000 Quadratkilometern, sind es heute noch 9000. Der wesentliche Grund: die zunehmende Konzentration in der Fischerei. Um die Auslastung ihrer Fabrikschiffe zu steigern, kaufen die Konzerne die Lizenzen der kleinen Fischer auf, für bis zu 300 Kronen pro Kilo. Wer da eine Quote von 1000 Tonnen Kabeljau anzubieten hat, hat ausgesorgt bis an sein Lebensende. Ihren Fang verarbeiten die Trawler auf See - Fischfabriken an Land werden überflüssig. Wer es sich leisten kann, entflieht der Weltabgeschiedenheit und den langen Wintern. Jugendliche, die studieren, gehen ohnehin nach Reykjavík. Und häufig folgen die Eltern ihnen in die Hauptstadt. Die, die bleiben, fühlen sich von der Regierung im Stich gelassen. Und klammern sich trotzdem zäh an ihr felsiges Land. Manche versuchen es mit Lachs- und Steinbuttzucht, andere setzen auf Computerarbeitsplätze oder drängen darauf, dass staatliche Einrichtungen Außenstellen hier ansiedeln. Und dann ist da noch der Tourismus - mit dem es sich freilich nicht so ganz einfach verhält: Denn die Gruppe der Abenteuerreisenden, die sich nicht von stoßdämpfermordenden Pisten, nebligen Regentagen und schwindelerregenden Bierpreisen abschrecken lassen, ist noch sehr überschaubar. Man muss menschenleere Landschaften mögen, um Gefallen an den Westfjorden zu finden. Landschaften wie Strandir etwa, dessen nördlicher Teil, Hornstrandir, 1952 von den letzten Bewohnern verlassen und später zum Naturschutzgebiet erklärt wurde.

Jon Björnsson aus Isafjördur, wechselnd tätig als Touristenführer, Radiotechniker, Busfahrer, Jugendbetreuer und Schiffsingenieur, kennt und liebt das Land. Von jedem der verlassenen Höfe zwischen Hranfnsfjördur und Reykjafördur weiß er Geschichten zu erzählen: Geschichten von Inzest und Mord, von Frauen, die über Klippen sprangen und Kerlen, die jeden Tag zur besseren Verdauung ein Glas Petroleum soffen, Geschichten von Leuten, die seit 40 oder 90 Jahren tot sind - wo so wenige Menschen sich ein Land teilen, wird der Einzelne nicht so schnell vergessen.

Flüsse kreuzen den Pfad, der nur mit Steinmännchen markiert ist. Es gibt keine Brücken und keine Wahl: Schuhe, Strümpfe und Hose müssen aus-, Wattsandalen übergezogen werden. Dann geht es schrittweise hinein ins hüfthohe, wirbelnde Gletscherwasser, Hand in Hand, falls einer straucheln sollte. Der Gletscher Drangajökull füllt viele Flüsse, es wird ein sehr nasskaltes Sommervergnügen. Bäume wachsen in den Westfjorden nicht. Arktischer Thymian leuchtet violett vor filigranem weißen Moos, durch den Sumpf staksen hochbeinige Schnepfen, in einer Senke blüht Fjandatola, die Blume, die einem den Teufel vom Leibe hält.

In den Buchten stapeln sich, ineinander verhakt, übereinandergeworfen, silbrige Stämme, in manchen Jahren mehr als 3000 Stück an einem Strand. Sie wurden in Sibirien gefällt und von reißenden Flüssen weggeschwemmt, trieben fünf bis zehn Jahre im Meer, bevor sie abgewetzt und aufgefasert an den Strand geworfen wurden. Treibholz ist im waldlosen Island begehrt. Imprägniert vom Salzwasser hält es zudem doppelt so lange wie normales Holz.

Nach acht Stunden Wanderung vom Anlegeplatz in Hrafnsfjördur taucht Reykjafjördur tief unten auf: eine breite Bucht, durchzogen von zwei vielarmigen Flüssen, drei, vier Häuser, ein kleiner Campingplatz. Beim Näherkommen stoßen Seeschwalben auf die Eindringlinge herab, weshalb Ragnar Jakobsson sein Haus auch nie ohne Helm verlässt. Ragnar wurde an diesem Fjord geboren, heute wohnt die Familie nur noch im Sommer hier. Er hat ein paar Ferienwohnungen gebaut, einen Hafen und einen kleinen Flugplatz angelegt, auf einer Landzunge sägt er Treibholz, aus dem er begehrte Boote baut - seinen eigentlichen Ruhm aber hat er sich erworben, als er in jungen Jahren die 500 Meter hohen Vogelfelsen in Nordstrandir durchkletterte. "Ich hatte ja ganz gute Gummistiefel", wehrt er Komplimente ab. Allrounder ohne Allüren.

Manchmal fliegen Gäste ein, um für ein paar Stunden die eigentliche Attraktion Reykjafjördurs zu genießen: das Freibad. 15 Meter lang, fünf Meter breit, gefüllt mit 30 Grad warmem Wasser, so hat es Ragnars Vater 1937 gebaut. Gespeist wird es von einer heißen Quelle. Welch einfacher Luxus: Seufzend ins dampfende Wasser zu gleiten, die wandermüden Glieder zu strecken, sich ganz und gar sinken und die Wärme durch jede einzelne Pore in den Körper eindringen zu lassen! Darüber bläst ein scharfer Nordost, Nebelfetzen wirbeln hoch, helle Schatten schießen aus dem Grau - jetzt kommen sie wieder, die Übersinnlichen. Doch diesmal sind es die Lebensgeister.

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