Zeitung Heute : Reise durch die Zukunft

Schröder in China – ein Familienbesuch

Harald Maass[Peking]

Eisig peitscht der Wind über das festlich dekorierte Baugelände im Pekinger Industriepark. Die jungen Models, wegen ihrer dekorativen Wirkung in China „hua ping“ genannt (Blumenvasen), stehen stocksteif mit hochgezogenen Schultern auf der Bühne. Daimler-Chrysler weiht die Baustelle für ein neues Autowerk ein. Schröder, dem die mandschurische Kälte ins Gesicht bläst, harrt bei den Reden der Unternehmer aus und versucht zu lächeln. Das neue Werk sei ein „Meilenstein in der Geschichte des Unternehmens“, erklärt ein Manager. Dann ist Schröder an der Reihe: Natürlich helfe so eine Großinvestition in China, „auch Arbeitsplätze in Deutschland zu sichern“, betont er. Dann der Spatenstich des Kanzlers. Für die Fotografen und Fernsehteams setzt sich Schröder auch kurz hinter das Lenkrad einer Limousine. Dann rast die Kanzlerkolonne zum nächsten Termin.

Ein Wirtschaftsauftritt reiht sich bei diesem Chinabesuch an den anderen. Gleich nach der Landung in Peking ein Besuch des Lufthansa-Jointventures am Flughafen. Dann die Eröffnungsveranstaltung des China-Büros der Georgmarienhütte, eines mittelständischen Industriebetriebs. Darauf Teilnahme an einer Wirtschaftskonferenz. Am Abend bleibt immerhin Zeit für zwei Kulturveranstaltungen, doch auch dabei geht es eigentlich um Wirtschaft. Das deutsche Architektenbüro Gerkan hat den Zuschlag zum Umbau des Pekinger Nationalmuseums erhalten, und der Kanzler besichtigt ein Modell des Umbaus. Die einzige politische Rede seines Besuches hält Schröder am nächsten Tag auf einer Wirtschaftskonferenz des chinesischen Industrieverbandes.

Dazwischen bleiben die Fahrten. Jedesmal wenn der Kanzler und die knapp hundertköpfige Delegation zu einem neuen Termin rasen, treten chinesische Polizisten in blauen Uniformen in die Straßenkreuzungen und stoppen den dichten Autoverkehr. Die Fahrten durch Peking werden so zu einer surrealen Reise durch Chinas Wirtschaftsboom. Halbfertige Bürotürme, amerikanische Kaffeehausketten und Reklametafeln mit riesigen Handys ziehen am Fenster vorbei.

Als einen „Familienbesuch“ bezeichnet Regierungschef Wen Jiabao die Visite des Kanzlers. Sechs Mal war Schröder in den vergangenen sechs Jahren in der Volksrepublik. Chinas Medien, offenbar auf der verzweifelten Suche nach neuen Geschichten zum Besuch, berichten deshalb über Schröders Privatleben oder das, was sie davon zu wissen glauben. „Keine Kinder in der vierten Ehe. Schröder adoptiert heimlich russisches Kind“, titelte die „Pekinger Morgenpost“ vor Schröders Ankunft. Die „Schanghaier Morgenpost“ fand heraus, dass Schröder einen Halbbruder hat: „Mein Bruder hat keinen Charme. Das nächste Mal wähle ich nicht mehr“, zitiert ihn die Zeitung. Gestern noch mal die „Pekinger Morgenpost“, die sich Sorgen um die finanzielle Absicherung des deutschen Kanzlers macht. „Er muss die Cents zählen und im Zug zweiter Klasse fahren“, berichtete das Blatt seinen Lesern. „Der Grund sind seine drei Scheidungen, und dass er fast alle seine Ersparnisse ausgegeben hat.“

Im offiziellen China ist man dagegen gewohnt höflich und zurückhaltend. Unterschriftenzeremonie in der Großen Halle des Volkes: Aufgereiht mit ihren Delegationen stehen Schröder und sein Amtskollege Wen auf dem roten Teppich. Zwei Delegationsmitglieder in grauen Anzügen setzen sich an den Tisch in der Mitte des Raumes. Helfer bringen Mappen und Stifte. Das erste Wirtschaftsabkommen wird unterzeichnet. Schröder und Wen lächeln, schütteln Hände. Die nächsten beiden Unternehmer treten an den Tisch. Fast eine halbe Stunde geht es so weiter, ehe alle Verträge unterzeichnet sind. „Das war jetzt ein Rekord“, sagt die Übersetzerin erschöpft.

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