Zeitung Heute : Reise in die innere Finsternis

Bad vermüllt, nichts zustande gebracht, Chaos. So beschreibt Veronika W. ihr Leben, sie wurde wegen Mordes an ihrem Sohn verurteilt

Verena Mayer

Als die Angeklagte das letzte Mal beschloss, ein neues Leben zu beginnen, nahm sie Taschentücher, Lippenstift und Schlüssel mit. Ihren Sohn ließ sie allein in der Wohnung. „Er war ein liebes Kind, er machte nie Probleme“, sagt Veronika W. Sie kehrte nicht mehr nach Hause zurück. Wochen später fand die Feuerwehr den Jungen tot in seinem Zimmer, eingeklemmt zwischen Sessel und Bett. Der zwei Jahre alte Alisan-Turan war verdurstet. Seine Mutter wurde am Mittwoch vom Berliner Landgericht wegen Mordes verurteilt.

Veronika W. ist eine pummelige Frau mit blassem Gesicht. Sie ist 24 Jahre alt, aber die Brille und das streng zurückgekämmte Haar lassen sie älter aussehen. Aufrecht sitzt sie zwischen ihren beiden Verteidigern, sie wirkt sehr kontrolliert. Die Urteilsverkündung verfolgt sie regungslos, nur ihre Blicke wandern unruhig hin und her, das gibt ihr etwas Lauerndes, so, als würde sie gleich einen Satz machen wie ein Tier auf der Flucht. „Schicksalshaft ergeben“ nennt sie der psychiatrische Gutachter, aber er sagt auch, dass Veronika W. „unruhig und getrieben“ sei.

Ständige Wechsel zwischen Hinnehmen und Wegwollen bestimmen ihr Leben, seitdem sie ein Kind war. Aufgewachsen ist sie in einem Dorf am Ural, in einer Familie mit Tanten und Großmüttern. Anfang der 90er lernte ihre Mutter einen deutschen Schweißer kennen, der gerade in Russland arbeitete. Sie beschloss, mit ihm nach Deutschland zu gehen. Die Familie wurde auseinander gerissen, Veronika, gerade zehn geworden, musste mit nach Deutschland, ihre Schwester blieb in Russland. Der leibliche Vater spielte für Veronika W. keine Rolle mehr, mit dem Stiefvater verstand sie sich nicht. Sie kam in eine Schule in der Nähe von Erkner. Erst lief es gut, sie lernte schnell Deutsch und hatte gute Noten. Doch mit 14 kam sie mit Drogen in Berührung. Sie hatte einen Freund, der dealte, später wurde sie vor Gericht als Mittäterin verurteilt.

Sehr früh begann sie, mit Männern zu schlafen, die um einiges älter waren als sie. Mit 17 wurde sie schwanger. Sie wusste lange nicht, was mit ihr los war, keiner hatte ihr gesagt, was ein Zyklus ist. Zu Hause wurde über solche Dinge ebenso wenig gesprochen wie über alles andere. Die Mutter zwang sie, das Kind zur Adoption freizugeben. Veronika W. ließ es geschehen, so wie sie alles mit sich geschehen ließ. Auf Wunsch ihrer Eltern begann sie eine Lehre als Raumausstatterin. Doch am zweiten Tag schmiss sie die Ausbildung und fuhr nach Berlin. Es war nicht das letzte Mal, dass sie ausriss. Bis sie 18 war, haben ihre Eltern 15 Vermisstenanzeigen aufgegeben.

„Ich hatte kein Ziel“, sagt Veronika W. Sie klingt meist sehr sachlich, fast streng, Veronika W. spricht über sich wie über eine fremde Person. „Abtauchen in Unbefindlichkeit“, sagt der psychiatrische Sachverständige dazu. Veronika W. hört ihm regungslos zu. „Weiß nicht“, sei bei der Begutachtung ihre häufigste Antwort auf Fragen gewesen, sagt der Sachverständige.

In Berlin ging Veronika W. auf den Strich. „Ich weiß nicht warum, ich hatte Geldnot.“ Sie wohnte mal hier, mal da, nachts stand sie an der Kurfürstenstraße in Berlin-Tiergarten. Anderen Prostituierten fiel sie durch ihr sicheres Auftreten auf, dadurch, dass sie eigentlich alles hätte arbeiten können. Aber man habe sie auch „leicht verscheuchen“ können, wie ein Bekannter erzählte, und dann habe sie tagelang auf der Couch gelegen, im abgedunkelten Zimmer, gleichgültig. Sie rauchte jetzt regelmäßig Haschisch, wenn auch nicht so viel wie in den Wochen, bevor sie ihren Sohn verließ.

Veronika W. steht bereits zum zweiten Mal vor Gericht. Im Februar des vergangenen Jahres war sie zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Doch der Bundesgerichtshof hat das Urteil aufgehoben, die Richter bemängelten, dass die Frage der Schuldfähigkeit nicht ausreichend geprüft worden sei. Ein neuer Gutachter wurde bestellt, er sollte klären, inwieweit Veronika W. steuerungsfähig war, als sie die Tat beging. Dies kann eine Strafe mildern.

1999 wurde Veronika W. abermals schwanger, von einem Mann, den sie auf dem Strich kennen gelernt hatte. Wieder bemerkte sie ihren Zustand erst, als sie Schmerzen hatte und es viel zu spät war. Doch diesmal wollte sie ein anderes Leben führen. Sie nahm an einem Mutter-Kind-Projekt teil, das Jugendamt wurde auf sie aufmerksam. Auch öffnete sie sich einer Betreuerin und verriet ihr den Namen des Kindsvaters. Veronika W. bekam eine Wohnung, mit dem Baby gab es keine Probleme. „Liebevoll“ war das Wort, das die meisten Zeugen im ersten Prozess verwendeten, wenn es um Veronika W.s Verhältnis zu ihrem Sohn Alisan-Turan ging. Auch gab es wieder Kontakt zu den Eltern, der Stiefvater half beim Renovieren. Das ging zwei Jahre so. Im März 2001 endete die Betreuung. Plötzlich sei der Druck weggewesen, keiner habe ihr mehr gesagt, wie sie ihr Leben organisieren soll. Veronika W. selbst konnte es am allerwenigsten sagen. Sie begann, sich abzuschotten. Der Vater ihres Kindes schlug vor, sie könnten nach Westdeutschland gehen und dort arbeiten. Aber das war offenbar unter Drogen nur so dahingesagt, wenig später ließ er sie sitzen. Veronika W. vernachlässigte die Wohnung, als die Feuerwehr sie später aufbrach, lagen in den Zimmern hunderte schmutziger Windeln herum. Veronika rauchte bald acht bis neun Joints am Tag. Um wieder hochzukommen, nahm sie dann Kokain. Die Wohnung verließ sie nur mehr nachts, um auf den Strich zu gehen. Ihren Alltag beschreibt sie so: „Bad vermüllt, nichts zustande gebracht, immer Chaos.“

Im Herbst 2001 begann das, was ihr Verteidiger eine lange Reise in die innere Finsternis nennt. Veronika W. war ständig erkältet, sie nahm mehr als 15 Kilo ab. Wenn sie nachts von der Straße kam, schlief sie höchstens drei bis vier Stunden, dann musste sie sich um das Kind kümmern. Sie saß herum und tat nichts, dann wieder ging etwas mit ihr durch. Sie wurde aggressiv, einmal schlug sie die Balkontür kaputt. Von einer „Depression, gemischt mit Aktionismus“ spricht der Gutachter. Am 27. November raffte sich Veronika W. noch einmal auf. Sie zog ihren Leopardenfellmantel an und packte in ihre Handtasche, was sie für den Abend brauchte. Dann verließ sie die Wohnung, zum letzten Mal. Ihr Sohn ist wahrscheinlich nach drei Tagen Durst und Krämpfen ins Koma gefallen. Im Kinderzimmer war es stockdunkel, als er starb, Veronika W. hatte in den letzten Wochen nicht einmal mehr die Jalousien hochgezogen. Gefunden wurde seine Leiche am 5. Januar. Die Nachbarn hatten die Polizei gerufen, weil es aus der Wohnung stank.

Sie kann noch immer nicht sagen, warum sie das getan hat. Veronika W. habe bis heute keinen Zugang zu ihrer Tat und auch keinen Zugang zu sich selbst, sagt der psychiatrische Sachverständige. Es ist, als lebte Veronika W. zwei Leben, ein formal-funktionierendes und ein zerrissenes. Wenn es gut lief, konnte sie beide Seiten „hinter einer maskenhaften Fassade“ vereinen, wie der Gutachter sagt. Doch sehr oft ging alles durcheinander, und dann wusste Veronika W. gar nichts mehr. Sie, die so sehr daran gewöhnt worden war, die Dinge laufen zu lassen, wenn sie keinen Einfluss darauf hatte, sah in solchen Momenten nur mehr eine Möglichkeit: wegzugehen. Wochenlang zog sie durch die Gegend. Sie wohnte bei Freunden, lieh sich Kleider, kellnerte in Cafés. Sie ging auf Partys und schlief mit Männern. Wenn sie jemand auf das Kind ansprach, sagte sie, es sei bei der Mutter. Ob sie denn gar nicht an ihren Sohn habe denken müssen, wurde sie im ersten Prozess gefragt. Doch, sehr oft sogar, antwortete Veronika W. damals. Aber dann habe sie sich hingesetzt und mit Drogen zugedröhnt. „Ich hatte solche Angst vor dem Nachdenken.“

Der psychiatrische Sachverständige kommt zu dem Urteil, dass Veronika W. in ihrer Steuerungsfähigkeit erheblich eingeschränkt war, als sie ihre Wohnung in Wilmersdorf verließ. Sie leide an einer Persönlichkeitsstörung, der exzessive Drogenkonsum und eine schwere Depression hätten das Übrige getan. Die Richter urteilen dementsprechend, das Strafmaß wird von lebenslang herabgesetzt auf 13 Jahre. Veronika W. hört zu, ohne sich zu rühren. Dann nimmt sie das Urteil an, so wie sie bisher alles angenommen hat.

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