Zeitung Heute : Reise in die Weltliteratur: Buddenbrookhaus in Lübeck nach Renovierung neu eröffnet

Franz Lerchenmüller

"Die starken und elastischen Tapeten zeigten umfangreiche Landschaften, Idylle im Geschmack des 18. Jahrhunderts, mit fröhlichen Winzern, emsigen Ackersleuten, nett bebänderten Schäferinnen, die reinliche Lämmer am Rande spiegelnden Wassers im Schoße hielten oder sich mit zärtlichen Schäfern küssten ..." - genau. Genauso muss es sein. Genauso ist es. Alles da, hinter der 20 Meter breiten Glaswand, auch der "gelbe Überzug der weiß lackierten Möbel und die gelbseidenen Gardinen vor den beiden Fenstern", alles perfekt, alles, wie es im Buche steht. Im Buch der Bücher der Hansestadt Lübeck: "Buddenbrooks".

Das Landschaftszimmer, in dem Konsul Buddenbrook gleich zu Beginn des Romans seiner Enkelin Tony den Katechismus abhört, ist Realität geworden, und auch das daneben liegende "Götterzimmer", in dem die Herrschaften gleich die "heiße Kräutersuppe nebst geröstetem Brot" löffeln werden, ist zum Leben erwacht, wie sein Schöpfer es wollte: "Über dem massigen Büffet hing ein umfangreiches Gemälde, ein italienischer Golf, dessen blaudunstiger Ton in dieser Beleuchtung außerordentlich wirksam war. Mächtige, steiflehnige Sofas in rotem Damast standen an den Wänden." Im Hintergrund klappert eine Pferdekutsche übers Kopfsteinpflaster, Vögel zwitschern, eine Glocke läutet, und auch die Fenster gehen zur Marienkirche hinaus, wie es sich gehört. Freilich sitzt niemand mehr hier, ein paar der Sessel tragen Schonbezüge, gerade so, als wäre die Geschichte zu Ende gegangen, als hätte die Familie das Anwesen verkauft und eben erst geräumt.

Mit antiquarischen Möbeln, neu bemalten Stoffen und Originalgeräuschen aus dem Deutschen Rundfunkarchiv in Berlin hat das "Heinrich und Thomas Mann-Zentrum" die wichtigsten Schauplätze des Romans neu aufgebaut. Eine "literarische Inszenierung" nennt das Hans Wißkirchen, der Leiter des Hauses: Nicht um die Rekonstruktion historischer Räumlichkeiten geht es, sondern um die Vergegenständlichung einer Romankulisse. Und das in jenem Bürgerhaus, in dem die Großeltern Mann von 1842 bis 1890 wohnten, dem vielfachen Schauplatz der Hanseatensaga, von dem freilich nur noch die spätbarocke Fassade erhalten ist.

Von Grund auf umgebaut, hat das Buddenbrookhaus jetzt wieder seine hellgrauen Flügeltüren geöffnet - in einem Jahr mit großer symbolischer Bedeutung: Vor 125 Jahren wurde Thomas Mann in Lübeck geboren, 25 Jahre später schloss er "Buddenbrooks" ab, vor 50 Jahren schließlich starb sein Bruder Heinrich.

An drei "romanrelevanten" Punkten in der Stadt stehen Computerterminals. So können Besucher bereits am Bahnhof auf dem Schirm verfolgen, wie Thomas Mann 1955 nach der Verleihung der Ehrenbürgerwürde aus dem Zug winkt. Im Rathaus, wo Vater Mann beziehungsweise Senator Buddenbrook zum Wohl der Hansestadt sich redlich mühte, ist Grundlegendes über Politik und Wirtschaft des 19. Jahrhunderts zu erfahren. In Travemünde wiederum erinnern Fotos, Texte und dokumentarische Filmsequenzen an das Badeleben, den Bau des Casinos oder den Seetempel, Zeugnisse jener Zeit, als es noch mondän zuging an der Ostsee.

Kernpunkt aber bleibt das neu gestaltete Buddenbrookhaus. Hinter dem Museumshop, der sämtliche Bücher aller schriftstellernden Angehörigen der Mann-Familie vorhält, ist im Erdgeschoss eine neue Dauerausstellung eröffnet: "Die Manns - eine Schriftstellerfamilie". Endlich werden auch Klaus, Erika oder Golo Mann angemessen gewürdigt. Der erste Stock ist ganz den "Buddenbrooks" gewidmet. Der Fußboden ist mit Stein ausgelegt, grauem Schiefer aus Brasilien, eine Hommage an Julia Mann, die bekanntlich von dort stammt. Mitten auf der Etage thront ein hölzerner Kubus: das Archiv, mit vier Computerarbeitsplätzen. Sehschlitze gestatten einen Blick ins Innere, auf besonders wertvolle Stücke wie etwa das Gästebuch des Hotels in Palestrina, wo Heinrich und Thomas 1897 wohnten und Thomas mit den "Buddenbrooks" begann. Die eine Seite des weiten Raums befasst sich mit der Entstehungsgeschichte des Romans, gegenüber dreht sich alles um seine Rezeption. Immerhin wurde "Buddenbrooks" in mehr als 40 Sprachen übersetzt und hat eine deutsche Gesamtauflage von zweieinhalb Millionen. Requisiten wie Hannos Schaukelpferd erinnern an bestimmte Verfilmungen.

Thomas Mann fühlte sich stets einer "doppelten Optik" verpflichtet: Seine Bücher sollten unterhalten, eine möglichst große Zahl von Lesern und Leserinnen ansprechen - und trotzdem zugleich eine geistige Herausforderung darstellen für die kleinere Menge derer, die bereit waren, sich wirklich daran abzuarbeiten. Genau diesen Spagat versuchen die Macher der Lübecker Ausstellung: Lübeck-Touristen, die kommen, weil "Mann einfach dazugehört", soll ein Gespür dafür vermittelt werden, wie ein Stück Weltliteratur aus dem damaligen Leben entstand.

Manns also für jedermann. Zumal der interessierte Besucher selbstredend an einem literarischen Spaziergang durch die Stadt oder einer Fahrradtour in die Vororte teilnimmt, in den Antiquariaten nach wertvollen Erstausgaben stöbert, und abends schließlich in einem der Restaurants das traditionelle Buddenbrook-Menü ordert: Seezungenröllchen. Glasierter Schinken. Plettenpudding. So dass er am Ende, nach getanem Tagwerk sein Haupt wohlig müde ins weiche Hotelkissen betten und mit dem alten Lebrecht Kröger zutiefst zufrieden stöhnen kann: "Merci. Merci, es war allerliebst."

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