Reisefreiheit für Kubaner : Hinter dem Horizont geht's weiter

Seit Mitte Januar dürfen die Kubaner reisen. Doch der Ansturm auf die Passbüros blieb aus. Nur wenige können sich die neue Reisefreiheit leisten. Und für Ärzte gelten die Regeln nicht. Sie müssen sich andere Wege suchen.

Immer am Rand lang. Der Traum vom Reisen ist für viele Kubaner an der Uferpromenade vorbei. Weiter geht es für sie nicht. Foto: Alex Webb/Magnum
Immer am Rand lang. Der Traum vom Reisen ist für viele Kubaner an der Uferpromenade vorbei. Weiter geht es für sie nicht....Foto: ©Alex Webb / Magnum Photos / Age

Erst vor ein paar Monaten war er schon wieder beinahe draußen. Reidel B., den seine Freunde Baxi nennen, war zu einem Mann gegangen, der einen Internetanschluss besitzt, einen illegalen. Baxi wollte wissen, wie viel ein Flugticket in die USA kostet. Er fand es nicht heraus. Eine halbe Stunde dauerte es, bis sich die erste Internetseite öffnete, dann brach die Verbindung ab.

Sehr viel erfolgreicher waren seine drei Fluchtversuche zuvor mit dem Boot auch nicht.

Baxi erzählt davon, während er seine Hand in den weißen Sand eines karibischen Strandes gräbt, wie man ihn von Postkarten kennt. Hier, in Cienfuegos, im Süden Kubas, ist das Meer genauso weit wie überall. Nur, dass es von hier aus tatsächlich noch ein wenig weiter bis in die Welt ist, die Kubaner wie Baxi sich als das Paradies vorstellen. Als etwas Üppiges und Buntes, als das Gegenteil dessen, was sie umgibt.

Der Strand ist Baxis Treffpunkt, hier begegnet der 40-Jährige nach der Arbeit seinen Freunden. Die Sonne hat tiefe Falten in sein Gesicht gezeichnet, sie lassen ihn älter erscheinen. Unter Palmen entwirft er seine verwegenen Pläne und trinkt Rum aus der Flasche. Seine Hände, die mechanisch in den Sand greifen, tun dies aus Gewohnheit und um überhaupt etwas zu haben, das sie bewegen können. Gerade wieder werden seine Gedanken ganz konkret. Er will in die USA. Obwohl er ein Profi in Sachen Abhauen ist, weiß er nicht genau, wie er es diesmal anstellen soll. Wütend schleudert er die Ladung Sand, die er gerade in die Hand genommen hat, in das türkisfarbene Wasser vor ihm. Klar ist: mit einem Boot und ohne Reisepass. Unklar ist: mit welchem Boot. Gerade überlegt er deshalb, wo und wie er am besten an eines herankommen soll. Geld, um es zu kaufen, hat er nicht.

Noch vor ein paar Wochen glaubte Baxi, dass er sich solche Gedanken gar nicht mehr machen müsste. Im Oktober 2012 hatte Staatschef Raúl Castro den Kubanern die Reisefreiheit versprochen. Am 14. Januar trat tatsächlich ein neues Reisegesetz in Kraft. Seitdem brauchen die Kubaner keine Ausreisegenehmigung mehr, jene so genannte Tarjeta Blanca, ein Dokument, auf das sie mindestens ein Jahr warten mussten, für das sie viel Geld zahlten, das am Ende die wenigsten bekamen und das deshalb die wenigsten beantragten. Nun verlangt der Staat kein Einladungsschreiben mehr aus dem Ausland, und die Kubaner dürfen 24 statt wie bisher zwölf Monate fortbleiben. Erst wenn sie dann nicht zurückkehren, konfisziert der Staat ihren Besitz.

Als Mitte Januar das neue Reisegesetz in Kraft trat, schrieb der „Spiegel“: „Kubaner genießen nach 50 Jahren wieder Reisefreiheit.“ Und die „Süddeutsche Zeitung“ meinte, „die Reisefreiheit ist ein weiterer wichtiger Schritt im Demokratisierungsprozess in Kuba“.

Baxi sagt jetzt, nur ein paar Wochen nach Einführung des Gesetzes: „Es hat sich nichts geändert.“ Er blickt weiterhin aufs Meer. „Es kommen die gleichen Leute raus wie immer: Reiche und Funktionäre.“ Auch das macht ihn heute so wütend.

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