Zeitung Heute : Reisen in die Nekropolis

Ägyptologen erkunden die Totenstadt von Dahschur

Gesche Westphal

Ägyptenbesucher bringen den glattwändigen Pyramidenbau vor allem mit dem berühmten König Cheops in Verbindung. Dabei hat er eigentlich nur eine Familientradition fortgesetzt: Bereits sein Vater Snofru ließ sich einen solchen Prachtbau als Ruhestätte errichten. Er hatte seinerzeit die innovative Bautechnik entwickeln lassen, die den früheren Stufenbau ablösen sollte. Allerdings gelang die neue Bauform nicht auf Anhieb: Dass die Ägypter die Technik nicht sogleich beherrschten, zeigt die „Knickpyramide“ in Dahschur, rund dreißig Kilometer südlich von Kairo. Der weiche Tonschiefer des Untergrunds gab unter der Last des mächtigen Bauwerks nach; es musste in einem flacheren Neigungswinkel abgeschlossen werden.

Für eine königliche Bestattung war die unvollkommene Pyramide selbstverständlich nicht fein genug. Snofru gab eine weitere Pyramide in Auftrag, nach der Farbe des Steinmaterials „Rote Pyramide“ genannt, die technisch einwandfrei gelang und auch den königlichen Ansprüchen genügte. Sie ist nach den Pyramiden des Cheops und Chefren in Giza der drittgrößte Pyramidenbau des pharaonischen Ägyptens.

In einem DFG-finanzierten Projekt graben Wissenschaftler zurzeit die Gräber der Toten aus, die sich um die Pyramiden des Königs Snofru in einer so genannten Residenznekropole verteilen. Leiter des Projekts ist der 46-jährige Stephan Seidlmayer, neuberufener Professor für Ägyptologie an der Freien Universität. Von 1994 bis 1998 war er Heisenberg-Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft, danach für die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW) tätig. Mit der Professur an der Freien Universität ist auch die Leitung des Projektes „Altägyptisches Wörterbuch“ der BBAW verbunden.

Auf den Spuren des Pioniers

Berlin kann auf eine lange ägyptologische Tradition zurückblicken: Schon im Jahr 1842 leistete der Berliner Karl Richard Lepsius mit der Königlich Preußischen Expedition wichtige Basisarbeit für das Fach. Auf dieser Expedition forschte, entdeckte und kartographierte die Gruppe um Lepsius von Alexandria bis in den Zentralsudan hinein. Davon zehren Wissenschaftler noch heute. So basiert Seidlmayers Kartenarbeit in Dahschur auf den Arbeiten von Lepsius. Nach der topographischen Erfassung des sechs Quadratkilometer großen Geländes nimmt er sich nun die chronologische Bebauung der Residenznekropole vor, die Einblicke in die damalige Gesellschaftsstruktur geben könnte: Die Ägypter legten die Gräber nach dem sozialen Status ihrer Bewohner auf dem Gelände an.

Im Grab des Hofmusikers

Auch die Größe und Ausstattung der Gräber lassen Rückschlüsse auf ihre Besitzer zu. Manchmal lässt sich durch Grabfundstücke Näheres rekonstruieren, wie im Falle des „Ipi“, der in einem 26 Meter langen Mastaba-Grab beerdigt war (Mastaba ist arabisch für ‚Bank’ und beschreibt den rechteckigen, blockförmigen Oberbau der Grabanlage). Zwei Statuen, die in seinem Grab lagen, legen nahe, dass er Hofmusiker war, der zu rituellen Zeremonien bei Hofe Flöte spielte.

Das Grabungsprojekt läuft seit zweieinhalb Jahren. Schon jetzt ist klar, dass hier genug Arbeit für die nächsten Jahrzehnte liegt, denn die meisten der Totenstätten sind noch nicht ausgegraben. „Ägypten hat so viele archäologische Schätze wie kaum ein anderes Land“, schwärmt Seidlmayer. Daher kann sich auch der Nachwuchs sicher sein, dass es noch viel zu entdecken gibt.

Zurzeit sind rund einhundertfünfzig Studierende für das Fach an der Freien Universität eingeschrieben, die von zwei Professoren und einer akademischen Mitarbeiterin betreut werden. Viele Tugenden, die im Universitätsbetrieb erst allmählich umgesetzt werden, sind seit eh und je wichtige Bestandteile des Faches Ägyptologie: Flexibilität und Internationalität. Eine Konferenz wird durch die geringe Zahl der Wissenschaftler zwangsläufig zu einem internationalen Ereignis. Die Studierenden kommen aus ganz Europa, um in Berlin zu studieren. „Die archäologisch-altertumswissenschaftlichen Fächer machen mit wenig Geld und viel Einsatz tolle Sachen. Sie sind ein Schatz, der die FU in Deutschland einzigartig macht“, sagt Seidlmayer im Hinblick auf die Leistungen der so genannten kleinen Fächer.

Das Institut im Internet:

www.fu-berlin.de /aegyptologie/

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