Zeitung Heute : Reiserecht: Jedem Hotel seinen eigenen Richter

Birgit Zimmermann

Die Sommerreisezeit ist fast vorüber, doch für das Amtsgericht Hannover fängt die Hoch-Zeit jetzt erst richtig an. So mancher unzufriedene Tourist nämlich greift nun zu Stift und Zettel, um alle tatsächlichen und vermeintlichen Mängel des gebuchten Urlaubs aufzulisten. "Einige rechnen dann eine Wertminderung von 180 Prozent aus, die sie vor Gericht erwirken wollen", berichtet der Anwalt des weltgrößten Tourismus-Konzerns Preussag ("TUI", "1-2-Fly" und andere), Alfred Pesch, in Hannover. "Das geht natürlich nicht."

Beim Amtsgericht Hannover landen deutschlandweit die meisten Reiseklagen: "Etwa 2000 pro Jahr, Tendenz steigend", sagt Richter Peter Immen. Das liegt daran, dass die Klagen am Sitz des betreffenden Reiseveranstalters verhandelt werden müssen. Mit Erfolg moniert würden immer wieder Baulärm, Überbuchungen und Verspätungen. Sofern der Gang vors Gericht erfolgreich war, würden die Unternehmen in der Masse der Fälle zu Rückzahlungen von zehn bis 20 Prozent des Gesamtreisepreises verurteilt.

Kurioses sei auch immer wieder dabei, sagt Immen. Er schildert einen Fall, bei dem ein Mann schon auf dem Heimatflughafen einen Schock erlitten haben wollte, der ihm den gesamten Urlaub vergällte: Normalerweise, argumentierte er, hebe ein Flugzeug nach etwa 20 Sekunden Beschleunigung ab. Sein Flieger habe sich jedoch erst nach etwa 40 Sekunden - also am Ende der Startbahn - vom Boden gelöst. Von diesem Schreck habe er sich nicht mehr erholt. Die erhoffte Preisminderung von 50 Prozent gab es dafür jedoch nicht.

Schlecht sah es auch für zwei deutsche Urlauber aus, die in Spanien Ärger mit dem Personal hatten. Die Bediensteten sprachen samt und sonders Spanisch - und, oh Wunder, kein Deutsch. "Dafür gab es natürlich nichts", sagt Immen. Er hat überdies beobachtet, dass die meisten Leute nicht nur mit einem Mangel kommen. "Es ist oft so, dass sie etwas stört - und sie dann noch eine ganze Palette vermeintlicher Ärgernisse anbringen." Gelegentlich listeten Kläger bis zu 40 Mängel auf.

Um die Klageflut besser in den Griff zu bekommen, hat sich das Amtsgericht Hannover in Sachen Reiseklagen zu Beginn des Jahres neu strukturiert. Das Prinzip folgt dem Motto "Jedem Hotel seinen eigenen Richter". In der Praxis sieht das wie folgt aus: Geht zu einem Hotel eine Klage ein, wird sie einem Richter zugewiesen. Alle späteren Klagen zu dem Hotel landen dann ebenfalls bei ihm. "Diese Konzentration hat den Vorteil, dass die Richter die Anlage dann kennen und besser einschätzen können", sagt Immen.

Der Anwalt der "Gegenseite" Pesch begrüßt die neue Struktur beim Amtsgericht. Insgesamt würden die Prozesse dadurch gestrafft. Allerdings achte er peinlich darauf, dass trotzdem jeder Einzelfall angeschaut werde. Das Wissen um bereits vorher festgestellte Mängel dürfe sich nicht auf die jeweils aktuelle Entscheidung auswirken, meint Pesch. Laut Immen gibt es daran keinen Zweifel: Selbst bei 49 Klagen zu einem Hotel würden alle 49 selbstverständlich auch einzeln betrachtet.

Es gibt allerdings immer wieder Klagen, die Richter und Anwälte zum einträchtigen Schmunzeln verleiten. Immen berichtet von einem Pärchen, das Schadenersatz für vertane Urlaubszeit verlangte, nachdem die Hochzeitsreise in Italien regelrecht ins Wasser fiel. Weil nun wechselhaftes Wetter kein Klagegrund ist, holte das Pärchen weiter aus: Eigentlich hätten sie in Spanien flittern wollen, in dem Hotel, in dem sie sich einst kennen gelernt hatten. Da das Hotel aber gerade renoviert wurde, hätten sie verzichtet, seien stattdessen nach Italien gereist und hätten wenig Spaß im Regen gehabt. Zu Hause angekommen brachte selbst die Klage keine bessere Laune. Die Schadenersatzforderung wurde abgelehnt.

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