Zeitung Heute : Rekordbeteiligung beim Bombodrom-Protest

Der Tagesspiegel

Von Claus-Dieter Steyer

Fretzdorf. Auf ihre bundesweite Medienpräsenz zu jedem Osterfest kann sich die Bürgerinitiative „Freie Heide“ verlassen. Seit Jahren zählt ihre Demonstration die meisten Teilnehmer. Am Sonntag folgten wieder rund 5000 Menschen ihrem Aufruf zum Protest gegen die militärische Nutzung der Kyritz-Ruppiner Heide bei Wittstock. „Das ist ein Teilnehmerrekord“, sagt Helmut Schönberg, Bürgermeister des an den Übungsplatz grenzenden Dorfes Schweinrich. Der Umzug hatte in Fretzdorf bei Wittstock begonnen, wo der Vater der CDU-Bundesvorsitzenden Angela Merkel, Pfarrer i. R. Horst Kasner, sprach.

Die Bundeswehr beansprucht das 14 000 Hektar große Gelände zwischen Rheinsberg und Neuruppin für ihre Tiefflugübungen und Bombenabwürfe. Das so genannte Bombodrom war 1992 von den russischen Truppen geräumt worden. Nach einer kurzen Pause folgten die Tornados der Bundeswehr, sehr zum Ärger der meisten Anwohner. Sie befürworten statt dessen eine touristische Entwicklung des Gebiets.

Für Schönberg liegt der Grund für den starken Zulauf bei den inzwischen 75 Protestzügen auf der Hand: „Wir haben ein konkretes Ziel, den endgültigen Rückzug der Bundeswehr.“ Alle Gerichtsentscheidungen seien zu Ungunsten der Armee ausgegangen. „Doch sie hält weiter an dem Gelände fest“, sagte der Mitbegründer der Bürgerinitiative. Der Bundeswehr will mit der Kyritz-Ruppiner Heide die Tiefflugplätze in Niedersachsen und Bayern entlasten. Das Bundesverwaltungsgericht hatte sie vor anderthalb Jahren zu einer ausführlichen Anhörung der betroffenen Gemeinden verpflichtet. Dieses Verfahren hat gerade begonnen.

Wohl aus Mangel an sonstigen Gelegenheiten zum direkten Schlagabtausch mit Bundespolitikern zog der 10. Ostermarsch gegen das Bombodrom viele Menschen von außerhalb an. „Kriegstreiber!“, „Lügner!“ und „Nie wieder Grün!“ skandierten viele, als der prominenteste Redner sprach: Fritz Kuhn, Vorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen. Seine Zustimmung zum Afghanistan-Einsatz von deutschen Truppen haben die Friedensaktivisten offenbar noch nicht verwunden. Im Durcheinander ging Kuhns Botschaft an die Demonstranten fast unter: „Ich halte es für falsch, dass hier ein Bombodrom entsteht“, sagte der Parteichef. „Denn es wäre das Ende für jegliche regionale Entwicklung.“ Tourismus und ein Bombenabwurfplatz würden sich ausschließen. Bündnis 90/Die Grünen unterstützten deshalb die Bürgerinitiative. Besorgt äußerte sich Kuhn über die Eskalation in Nahost. Um einen Waffenstillstand zu erreichen, solle das Existenzrecht Israels und Palästinas durchgesetzt werden. „Israel muss die besetzten Gebiete räumen“, forderte Kuhn.

Wolfgang Ullmann, DDR-Bürgerrechtler, erhielt für seinen Spruch den meisten Beifall: „Wir haben 1989 im Osten eine friedliche Revolution geführt, um eine deutsche demokratische Einheit zu erreichen. Aber nie wollten wir einen Rechtsnachfolger für ein herrenloses Bombodrom suchen.“ Ein freies Volk sollte auf solchen Übungsplätzen frei spazieren können. „Töten darf nicht das letzte Wort in der Geschichte der Menschheit sein“, so Ullmann. Wie bestellt kreisten zu dem Zeitpunkt zwei Adler über der von Feldjägern bewachten Grenze des Übungsplatzes. Zu ihnen stiegen Luftballons mit der Aufschrift „Freier Himmel“ auf. Sie stammten von der vor wenigen Wochen ins Leben gerufenen gleichnamigen Bürgerinitiative aus Mecklenburg. Bei einem Bombenabwurfplatz würde die Seenplatte zwischen der Müritz und Rheinsberg zur Ein- und Ausflugschneise der Jagdflieger.

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