Zeitung Heute : Relative Sicherheit

Acht Jahre saß er im Gefängnis, nachdem er sie vergewaltigt hatte – dann saß er plötzlich in ihrem Café. Er hatte Rache geschworen. Ab heute steht er wieder vor Gericht

Marc Neller[Mahlow]

Der Tag, an dem Barbara Kühl ahnte, dass er seine Haftstrafe abgesessen hatte, liegt eineinhalb Jahre zurück. Sie sah ihn, erkannte ihn, war sich dann aber wieder nicht sicher. Inzwischen ist ihr dieser Mann wieder bedrohlich nahe gekommen. So wie er es vor Jahren im Gericht angekündigt hatte.

Ein Sommertag 2004, die Wipfel der Bäume, die den kleinen Badesee von der Durchgangsstraße und der übrigen Welt abschneiden, spleißen die Sonnenstrahlen. Da sucht sich ein Mann einen Sitzplatz auf der Sonnenterrasse von Barbara Kühls Lokal. Sie beobachtet ihn aus den Augenwinkeln, so unauffällig wie möglich. Er muss es sein. Die Art, wie er seine Zigaretten dreht. Seine kräftige Statur. Sein Grinsen. Als sie vor ihm steht, um seine Bestellung aufzunehmen, ist sie sicher; auch wenn er ein langärmliges Hemd trägt und sie nicht sehen kann, ob seine Unterarme tätowiert sind. Die alte Angst kriecht in ihr hoch. Barbara Kühl versucht, sie sich auszureden. Er kann es nicht sein, sagt sie sich, dieser Mann hat perfekte Zähne. Der, der nicht hier sein dürfte, hatte braune Stümpfe.

Eine müde Ausrede war das, für sich selbst. „Ziemlich naiv, oder?“, sagt Barbara Kühl heute. Sie hält die Augen einen Moment lang geschlossen, die Wimpern flattern wie Schmetterlinge, sie stößt verächtlich Luft durch die Nase. Barbara Kühl ist eine energische Frau, 54 Jahre alt, sie wirkt jünger. Sie trägt ihre hennarot gefärbten Haare kurz, ein T-Shirt, Jeansrock. „Ich wollte einfach nicht wahrhaben, dass er zurück war“, sagt sie. Der Mann, der sie vor zehn Jahren vergewaltigte. Der ihr einen Strick um den Hals band, sie 16 Stunden in seiner Gewalt hatte, ihr eine Pistole an den Kopf hielt und der ihr sagte, dass sie sterben müsse. Der Mann, der acht Jahre lang im Gefängnis saß; und der ihr damals nach der Urteilsverkündung gedroht haben soll, dass er sich rächen werde. Nach Ansicht der Polizei und der Staatsanwaltschaft in Potsdam hat er das inzwischen getan.

29. Juli 2005. In den frühen Morgenstunden brennt am Ortsrand der kleinen brandenburgischen Gemeinde Mahlow, 30 Autominuten südlich vom Zentrum Berlins, das Café am See ab. Schnell stellt sich heraus, dass das Feuer gelegt wurde. Barbara Kühl sagt der Polizei, sie kenne nur einen Menschen, der sie genügend gehasst habe, um ihr das anzutun: Josef Platz (Name geändert), 51. Schon wenig später finden die Ermittler der Kriminalpolizei seine Spuren am Tatort. Seit August sitzt Platz in Untersuchungshaft.

Mühsam unterdrückt Barbara Kühl die Tränen, wenn sie von der Brandnacht erzählt. „Als ich das Feuer sah, wusste ich, dass nichts mehr zu retten ist.“

Die Flammen türmten sich in den Nachthimmel. Sie waren dabei, eine in 15 Jahren errichtete Existenz zu vernichten, einen Lebenssinn.

An jenem 29. Juli sieht sie den Feuerwehrmännern beim Löschen zu, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Wissend, dass sie von ihrer Versicherung nicht viel Geld bekommen wird, fährt sie nach Hause. In ihr Haus ist eingebrochen worden, zum zweiten Mal in vier Tagen, die eingeschlagene Glastür war noch nicht wieder repariert. Der Einbrecher hat fast alles mitgenommen, was Barbara Kühl wichtig war: Schmuck, Laptop, ihr Auto. Wieder wird die Kripo Spuren von Josef Platz finden.

„Die Perfidie des Täters ist erschütternd“, sagt Rudi Sonntag, der Sprecher der Potsdamer Polizei. „Es deutet alles darauf hin, dass er es auf die Persönlichkeit seines Opfers abgesehen hatte. Dass er es seelisch vernichten wollte.“ So empfindet es Barbara Kühl auch. Schon wegen der Vorgeschichte.

30. November 1995. Barbara Kühl hat in ihrem Café einiges zu erledigen, sie ist gerade aus dem Urlaub zurück. Platz fliest ihr die Toilette. Er ist einer dieser arbeitslosen Männer, die den Sommer über hier am See angelten, die nach dem Ende des Sommers blieben und im Wald schliefen. Manchmal halfen sie ihr, sie ließ sie auf dem Grundstück ihres Cafés wohnen. Man ist ja sozial, sagt sie. Es ist gegen vier Uhr an jenem Nachmittag, die Dunkelheit hat sich über das kleine Waldstück am See gelegt, als die Wirtin in den Waschraum geht, um Wäsche aus dem Trockner zu holen. Plötzlich steht Josef Platz hinter ihr, dieser kräftige Mann. Sie riecht seinen schlechten Atem. Er legt ihr die Schlinge um den Hals.

„Die Todesangst“, sagt Barbara Kühl, „war und ist das Schlimmste“.

Es fällt ihr schwer, diese Geschichte zu erzählen. Sie stockt. Sie spricht von sich im Schutz der dritten Person, sagt „man“, wenn sie „ich“ meint. Manchmal verschließt sich ihr Gesicht und die Lippen beben. Sie fragt sich, was sie „diesem Menschen“ getan habe. Sie konnte ihn nicht dauerhaft bei sich anstellen, worum er sie bat. War es Rache dafür? Irgendwann sah sie ein, dass sie nicht auf eine Antwort warten sollte. Bis heute gibt es keine, auch der Prozess gab sie nicht. Die Frage aber ist geblieben und mit ihr die Angst.

All die Jahre lenkt sich Barbara Kühl mit Arbeit ab. Sie lässt sich zur Restaurantfachfrau ausbilden. Steckt jeden Cent in das Café, der Sohn soll es mal übernehmen. So, sagt sie, habe sie es geschafft, „langsam die Erinnerungen einzuhüllen“. Eine Wendung, die seltsam poetisch klingt in diesem Zusammenhang. Doch der Kokon, der sich allmählich um ihre Vergangenheit gesponnen hat, zerreißt in jenem Moment, als Platz im Sommer 2004 auf der Sonnenterrasse von Barbara Kühls Café sitzt.

An diesem Tag nistete er sich wieder in ihren Gedanken ein. Sie fühlt sich beobachtet. Sie glaubt, ihn seither einige Male dabei gesehen zu haben, wie er um das Café schleicht. Sie wird den Gedanken nicht mehr los, dass Platz zurückkommen und wahr machen könnte, was er angekündigt hat: sie umzubringen. „Ich habe überlegt, Mahlow zu verlassen“, sagt sie. Sie entscheidet, zu bleiben. Wenn er mich finden will, würde er mich überall finden, denkt sie. Ohnehin glaubt Barbara Kühl, dass sie ihr Café nicht aufgeben könnte. Ein paar Tage nach dem Brand stellt sie Partyzelte, Biertischgarnituren und einen Bierwagen als Ausschank auf das Grundstück, um das Café provisorisch weiter zu betreiben. Inzwischen lässt sie es wieder aufbauen. Im Februar will sie wiedereröffnen. Es soll auch ein Zeichen sein, für sie und für ihn. Es soll heißen, dass sie sich nicht unterkriegen lässt.

Im Moment sitzt Platz ein, heute beginnt der Prozess vor dem Berliner Landgericht. Womöglich wird Platz verurteilt, doch das alleine wird Barbara Kühl nicht mehr beruhigen. „Was, wenn er wieder nur ein paar Jahre kriegt?“, fragt sie. Sie senkt ihre Lider. „Er ist eine Bedrohung.“ Ihr Gesicht wird hart und ausdruckslos wie ein Fels, als sie diesen Satz ausspricht. Sie will tapfer sein. Sie versucht ein Lächeln, es knirscht.

Sie ahnt wohl, dass sie ihre Zukunft nur bedingt selbst in der Hand hat. Die Richter entscheiden mit. Sollten sie Platz schuldig sprechen, droht ihm Sicherungsverwahrung, das eigentliche Lebenslänglich. Denn das Gericht wird nicht nur über die Brandstiftung urteilen, sondern auch darüber, ob Platz zwei Tage danach eine 15-jährige Berlinerin vergewaltigt hat. Beide Fälle werden in einem Verfahren verhandelt.

Vielleicht wird dieser Prozess einen neuerlichen Aufschub für Barbara Kühl bringen. Vielleicht bringt er ihr aber auch ein Leben ohne Angst.

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