Zeitung Heute : Relevant bleiben

Das Kunstgewerbemuseum hat eine Kostümsammlung gekauft, die mit dem Londoner V&A mithalten kann

Susanna Nieder

Gehört Mode ins Museum? In New York und Bilbao sprengte die Armani-Ausstellung, die soeben in der Neuen Nationalgalerie eröffnet wurde, sämtliche Besucherzahlenrekorde. Im Vergleich zu London, Paris, New York und Mailand gilt Berlin in Modedingen allerdings als spröde. „Den Hermannplatz, Eins zu Eins im Museum rekonstruiert, könnten Sie hier sofort als Kunst verkaufen“, sagt Angela Schönberger, Direktorin des Kunstgewerbemuseums und ehemalige Leiterin des Internationalen Designzentrums idz. Die Mode dagegen muss um Anerkennung kämpfen.

Als „Lackmustest für die Mode“ hat Peter-Klaus Schuster, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, die Armani-Ausstellung bezeichnet. Mit Sicherheit hofft er auf reges Publikumsinteresse, denn die große Entscheidung ist bereits gefallen: Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat Anfang dieses Jahres mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder für das Kunstgewerbemuseum die weltweit größte Privatsammlung von Mode des 18. bis 20. Jahrhunderts gekauft.

Der kleinere Teil der Sammlung, die aus fast 700 Damen-, Herren- und Kinderkostümen und 800 Accessoires aus drei Jahrhunderten besteht, umfasst Kostüme des 18. Jahrhunderts aus den Beständen des Schweizer Händlers Wolfgang Ruf. Der Löwenanteil stammt aus dem Besitz des in London lebenden Martin Kamer. Seit den sechziger Jahren hat er Haute Couture des 19. und 20. Jahrhunderts gesammelt. „Große Kennerschaft und einen außergewöhnlich guten Geschmack“ bescheinigt ihm Angela Schönberger. Die Sammlung sei über die Jahrzehnte nicht einfach erweitert, sondern durch klugen An- und Verkauf verbessert und auf ein hohes Niveau gebracht worden.

Es wird in Berlin also in Zukunft möglich sein, Mode – und damit ein wichtiges Stück Kulturgeschichte – anhand konkreter Beispiele zu studieren: vom ersten Couturier Frederick Worth über Paul Poiret, der noch vor Coco Chanel korsettlose Kleider entwarf, Chanel selbst, die Schöpferin der legeren Damenkleidung und des kleinen Schwarzen, über weitere große Namen wie Madeleine Vionnet, Mariano Fortuny, Christóbal Balenciaga bis hin zu den Erneuerern der sechziger Jahre Yves Saint Laurent, Paco Rabanne, Rudi Gernreich, Mary Quant und dem König der protzigen Achtziger, Gianni Versace. Armani fehlt noch im Programm, aber das kann sich bis Ende 2004, wenn die Sammlung der Öffentlichkeit zum ersten Mal vorgestellt wird, noch ändern.

Räumlichkeiten, in denen ein solcher Schatz ausgestellt werden kann, ergeben sich durch eine weitere Umgestaltung im Kunstgewerbemuseum: Ab Mai 2004 wird das Schloss Köpenick die Möbelbestände aus Renaissance, Barock und Rokoko beherbergen. So entsteht Platz für Kostümausstellungen, die aufgrund der Empfindlichkeit der Textilien mindestens alle sechs Monate wechseln müssen. Für große Schauen stehen die Sonderausstellungsflächen der Gemäldegalerie zur Verfügung, wo 1994 die Versace-Ausstellung gezeigt wurde.

Mit dem Ankauf der Modesammlung Kamer/Ruf, über deren Preis man sich bei den Staatlichen Museen nicht äußern will, wurde ein deutlicher thematischer Akzent gesetzt. Innerhalb der internationalen Museenlandschaft, in der Berlin in Sachen Mode bisher bedeutungslos war, rückt das Kunstgewerbemuseum damit laut Schönberger in eine Liga mit dem Londoner Victoria & Albert Museum. Dieses nutzt seine Kapazitäten für Aufsehen erregende Ausstellungen wie die Versace-Retro 2002 und „Radical Fashion“ 2001, eine Zusammenschau internationaler Mode. Den ersten Schritt in diese Richtung haben die Staatlichen Museen mit der Armani-Ausstellung getan.

„Mode liegt in der Luft“, sagt Angela Schönberger. Das Thema, bei den 68ern verpönt und im Deutschland der achtziger Jahre irrelevant, hat seit den neunziger Jahren ständig an Bedeutung gewonnen, auch in Berlin. Seit Januar sorgt die junge Modemesse Bread and Butter überaus erfolgreich dafür, dass Händler aus aller Welt hier den Stil umsetzen, für den das heutige Berlin steht, nämlich Streetwear.

Die Stadt hat fünf Modeschulen und bereits zwei Modesammlungen: den Fundus von Marlene Dietrich im Filmmuseum, im Stadtmuseum Kleider, die in der großen Zeit des „Berliner Chic“ entstanden sind. Vielleicht wäre es günstiger, die Mode unter einem Dach zu versammeln. Dass eine international bedeutende Kostümsammlung, ergänzt durch die Bücher, Fotos und Modezeichnungen der Lipperheideschen Kostümbibliothek am Kulturforum, den Schwerpunkt Mode in Berlin weiter ausbaut, ist in jedem Fall zeitgemäß und konsequent. „Wir müssen relevant bleiben“, sagte Thomas Krens, Chef der Guggenheim Museen, bei der Eröffnung der Armani-Ausstellung. „Dazu gehören neben den schönen Künsten auch Mode und Industriedesign.“

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