Zeitung Heute : „Religion löst kein Gähnen mehr aus“

Der Soziologe Hans Joas über die Faszination des Papstes für Nichtgläubige – und die Bedeutung einer guten Provokation

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Sterben und Tod des Papstes ziehen viele Menschen in den Bann, die mit Glauben und Kirche nichts anfangen können. Wie ist das zu erklären, Herr Joas?

Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich zutrifft. Die Öffentlichkeit und die Medien geben dem Sterben und dem Tod des Papstes zwar jetzt einen sehr breiten Raum. Aber es ist keineswegs so, dass alle Menschen, die das Geschehen mitbekommen, diese Gefühle der Erschütterung teilen. Viele wenden sich auch kopfschüttelnd oder leicht ressentimentgeladen ab.

Welche Bedeutung hat das öffentliche Sterben des Papstes?

Viele Menschen haben dies so empfunden, dass der Papst hier in außerordentlicher Übereinstimmung mit seiner Lehre gehandelt hat: Leiden und Sterben dürfen nicht tabuisiert werden. Der Sterbende hat sich nicht für sein Leiden zu entschuldigen. Der Leidende muss sich nicht vor den Blicken der anderen verbergen. Das hat der Papst vorgelebt und das haben auch viele kirchenferne Menschen als eine „gute Provokation“ wahrgenommen gegenüber einem gesellschaftlichen Kult des Gesunden, der Jugend und der Schönheit. Das hat vielen Menschen zu denken gegeben. Und sie fragen sich, woher nimmt jemand diese Kraft. Damit kommt auch der Glaube ins Spiel als eine Kraft zur Bewältigung von Leid und Todesangst.

Welche Rolle hat denn der Zeitpunkt des Papsttodes gespielt?

Wenn Johannes Paul II. früher gestorben wäre, beispielsweise in den 90er Jahren, wäre er wohl nicht ähnlich intensiv und einhellig bewundert worden wie heute. Sein Pontifikat hatte auch Phasen, in denen seine besonders anstößigen Lehren von der Empfängnisverhütung, Frauenpriestertum oder Homosexualität stärker im Zentrum der Aufmerksamkeit gestanden haben.

Welche Rolle spielt der Faktor Religion für die Reaktion der Öffentlichkeit?

Der Papst war nicht nur der Visionär einer christlichen Re-Evangelisierung. Er hat auch immer den Gedanken verteidigt, dass jeder Mensch ganz allgemein einen Transzendenzbezug braucht – und dies hat ihn zu einer Würdigung aller Religionen geführt. Davon war er in seinem Innersten überzeugt – denken Sie an das Treffen mit den anderen Religionsführern in Assisi. Das war keine Reaktion auf eine Zeitstimmung. Parallel dazu hat sich die dominante Stimmung gegenüber Religion in den meisten westlichen Ländern verändert.

Inwiefern?

Es gibt ein wesentlich höheres Wissensinteresse an Religion. Das Thema löst kein Gähnen mehr aus. Die Medien sind voll mit glaubensbezogenen Themen. Hand in Hand damit geht eine zunehmende gesellschaftliche Skepsis, ob der Abbruch religiöser Traditionen wirklich ein eindeutiger Fortschritt ist oder möglicherweise auch ein Verlust. In diese Situation hinein hat der Papst die Überzeugung verfochten, dass den Menschen ohne Bezug zu Gott etwas fehlt, und dies in einer imponierenden Weise in Bildern, Handlungen und Bewegungen umgesetzt.

Hans Joas ist Soziologe und Direktor des Max-Weber-Kollegs für kultur- und sozialwissenschaftliche Fragen in Erfurt. Er ist Autor des Buches „Braucht der Mensch Religion?“.

Die Fragen stellte Martin Gehlen.

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