Religionsunterricht : Berlin, heidnische Stadt

Der Statistik nach gehört die Mehrheit der Berliner keiner christlichen Kirche an - und darauf berufen sich die Gegner des konfessionellen Religionsunterrichts. Doch die Demokratie lebt von Menschen, die ihr öffentliches Engagement auf ihr christliches, muslimisches oder jüdisches Bekenntnis stützen.

Ein Kommentar Tissy Bruns

Warum wird die Teilnahme des Sohnes am Kochkurs auf dem ordentlichen Zeugnis bescheinigt, die Note für den Religionsunterricht aber nur auf einem Extrablatt? Das, antworten im Jahr 2000 Lehrerin und Eltern der Neuberlinerin im Chor, das war in Berlin schon immer so. Berlin verändert sich doch! Pro Reli hat es geschafft, dass über den Religionsunterricht öffentlich gestritten wird.

Heidnische Stadt, urteilte in den 1920er Jahren Konrad Adenauer. Heute, will es scheinen, gibt ihm die Statistik recht. Die Mehrheit der Berliner gehört keiner christlichen Kirche an. Darauf berufen sich die Gegner des Begehrens von Pro Reli, konfessionellen Religionsunterricht als gleichberechtigtes Wahlfach neben Ethik in den öffentlichen Schulen zu unterrichten. Heidnisch aber ist Berlin auch heute nicht, es ist, im Gegenteil, zu einer Multi-Bekenntnisstadt geworden, in der Muslime ihre Moscheen aus den Hinterhöfen ins Stadtbild rücken, die jüdische Gemeinde konfliktreich wächst, evangelische und katholische Kirche nunmehr Seit’ an Seit’ kämpfen und die Jugendweihe der Freidenker ihren festen Platz hat.

Berlin ist aber auch die Stadt, die vor den seelischen Anstrengungen und sozialen Konflikten dieser Multikulturalität lange die Augen verschlossen hat. Bis heute kann man sagen, dass diese Herausforderungen die gut situierten Erwachsenen kaum, alle Heranwachsenden jedoch massiv berühren. Dass Gewalt, Schulversagen oder der Rückzug auf überkommene Traditionen der Herkunftsländer zu den Kehrseiten der Multikulturalität gehören, hat sich herumgesprochen. Aber Lehrer, Eltern oder Bezirksbürgermeister kennen auch die vielen kleinen Zeichen. Warum wird für dunkelhaarige Nichtmigranten zeitweilig das Kreuz am Hals zur Mode? So zeigt der junge Berliner, dass er kein Türke ist. Was bewegt den 14-jährigen Muslim, der in der Schule den Teppich zum Gebet ausrollt, und welche Gefühle toben seine Mitschüler aus, die sich darüber lustig machen? Vielleicht ihre Wut über die Abschätzigkeit, mit der irgendein anderer junger Muslim seine erste Freundin bedacht hat. Diese Spannungen haben viele Ursachen. Aber immer auch diese: Weder der junge Muslim noch seine säkularisierten Mitschüler deutscher Herkunft kennen die Wurzeln und Quellen wirklich, auf denen ihre Kultur beruht – und die der Gesellschaft, in der sie zusammen leben.

Sie hat sich herausgebildet im langen Kampf um die Trennung von Staat und Kirche. Dass den christlichen Kirchen die Anmaßung über den Menschen streitig gemacht worden ist, war der Ausgangspunkt für Aufklärung, Emanzipation und Demokratie. Mit der Trennung der weltlichen und geistlichen Sphäre erkennt die säkulare Macht aber auch eine Grenze für sich selbst an. Sie findet in der garantierten Religionsfreiheit ihren Ausdruck.

Berlin, die Hauptstadt, spielt eine unbegründete Sonderrolle in Deutschland. Das Grundgesetz sieht Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach vor. Was Religiosität, was Glauben sein kann, darf der demokratische Staat nicht lehren wollen. Doch die Demokratie lebt auch von Menschen, die ihr öffentliches Engagement auf ihr christliches, muslimisches, jüdisches Bekenntnis stützen. Die Glaubensgemeinschaften gehören in die Schulen, erst recht, wenn sie zu Minderheiten werden.

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