Religionsunterricht : Glaube, Lehre, Hoffnung

Islamkunde vom Staat, nicht vom Moscheeverein – Professor Kalisch bildet als Erster Pädagogen dafür aus

Ariane Bemmer[Münster]

Es war aus Höflichkeit, dass der Hamburger Junge anfing, im Koran zu lesen. Der Vater eines türkischen Freundes hatte ihm das Buch geschenkt, weil er sich so freute, dass der Deutsche die türkische Sprache lernte. Das war Anfang der 80er Jahre. Der Hamburger Junge hieß Sven, aber seine Augen waren schmaler als bei den anderen und sie standen schräger. Die Vorfahren seiner Mutter stammten aus der Mongolei, der Sohn wurde gehänselt deswegen.

Der Ausgegrenzte freundete sich an mit den anderen Ausgegrenzten, den Türken, die in den Hochhaussiedlungen im Süden Hamburgs wohnten, nicht weit von da, wo Sven groß wurde. Sein eigener Vater mochte das nicht, wieso spielte der Junge bloß immer mit Türken? Als eines Tages der Schweinebraten auf dem Tisch stand, sagte der Junge: Ich kann das nicht essen, ich bin jetzt Moslem. Der Vater war schockiert. Diese Gastarbeiterreligion, hat er zu dem Sohn gesagt, damit verbaust du dir doch deine Zukunft.

Es ist ein Mittwoch im Januar 2005, als Professor Muhammad Kalisch während seiner Vorlesung im Fürstenberghaus der Universität Münster in kleinen Buchstaben 15 Worte an die Tafel schreibt. 14 arabische und ein deutsches: Rechtslücke. Es geht um Änderungen im islamischen Recht. 30 Studenten sitzen über die Plätze verteilt. Einige von ihnen werden im nächsten Sommersemester an dem Studiengang für Islamlehrer teilnehmen. Das Fach ist neu – und das Fach ist eine Revolution. Jahrzehnte nachdem Muslime anfingen, zum Bevölkerungsbild Deutschlands zu gehören, wird es für ihre Kinder in drei Jahren erstmals staatlich geprüfte Religionslehrer geben.

Muhammad Kalisch, habilitierter Islamwissenschaftler und Jurist, leitet das Projekt, er bildet die künftigen Islamlehrer aus. Professor Muhammad Kalisch, 38 Jahre alt, ist Sven. Das Vorhaben hat ihn zu einem bekannten Mann gemacht. Es waren schon Minister in Münster, um sich den Neuen anzusehen. Die Angst des Vaters war unbegründet.

Im Islam ist Gott der Gesetzgeber, sagt Professor Kalisch seinen Studenten, wie der Bundestag in Deutschland. Kalisch bewegt sich nicht viel, mal steht er hinter dem Pult, mal daneben, der beige Pullover sitzt verdreht auf dem schwarzen Hemd, der Strickbund hat den Kragen vergraben. Dieser göttliche Gesetzgeber mache Veränderungen im islamischen Recht so schwierig, sagt Kalisch, denn anders als der Bundestag sei Gott so selten anwesend. Ein paar Studenten kichern.

Seit seinem 16. Lebensjahr ist Sven Kalisch Muslim, seitdem nennt er sich Muhammad. Das Konvertieren ging ganz schnell: Er sprach das Glaubensbekenntnis vor zwei türkischen Freunden. Es wäre auch ohne Zeugen gültig gewesen.

Bisher wird Islamunterricht an deutschen Schulen meist von Moscheevereinen veranstaltet, denen die Behörden oft misstrauen. Weil die Vereine undurchsichtig sind, weil man die Sprache der Muslime nicht versteht, weil man nicht weiß, was da wirklich passiert, wo das Geld herkommt.

Die Vorlesung ist vorbei, Kalisch zieht seine Wetterjacke über dem Bauch zusammen und geht die paar Meter vom Vorlesungsgebäude bis zum rotgeklinkerten Eckhaus an der Aegidiistraße. Da bezieht gerade das „Centrum für religiöse Studien der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster“ neue Räume, oben im dritten Stock des Hauses sitzen die Islamwissenschaftler. Es riecht im ganzen Haus nach Farbe, viele Räume sind leer, Eimer mit Acryl-Dichtungsmasse stehen im Treppenhaus. Kalisch hat ein großes, schmuckloses Büro. Ein Eckschreibtisch mit Computer und Drucker steht vor dem Fenster, an der einen Wand ein brauner Regalschrank, an der anderen ein kleiner Tisch, drei Stühle, für Besucher. „Ich bin ein spartanischer Mensch“, sagt Kalisch. Was anders ist: Seine Sekretärin trägt ein Kopftuch und auf seinem Schreibtischstuhl liegt ein zusammengerollter Betteppich.

Seit einem Jahr ist Kalisch jetzt in Münster, seit einem halben hat er die Professorenstelle, er hält schon jetzt drei Vorlesungen die Woche und gibt ein Seminar. In diesem Frühjahr zieht seine Frau mit den beiden Kindern aus Hamburg nach. Kalisch gefällt es in der kleinen Stadt, die mit ihrer restaurierten Altstadt aussieht wie gemalt. „Ich muss nicht in einer Großstadt wohnen“, sagt er. Auch in Hamburg habe er eher dörflich gewohnt: Bramfeld, Poppenbüttel, ruhige Einfamilienhausgegenden.

Kalisch ist vom Glauben Muslim und vom Temperament Norddeutscher, er kennt sich aus im Islam, in der christlichen Kultur und mit den gegenseitigen Vorurteilen. Er ist unverdächtig, agitieren zu wollen. Er sei ja sozusagen aus historischem Interesse beim Islam gelandet, sagt er. „Ich war nicht auf Sinnsuche.“ Für die Deutschen ist er ein idealer Ansprechpartner bei Fragen zu der Religion, die heute fast automatisch zusammen mit Terrorismus gedacht wird.

Auch von den Muslimen in Deutschland werde er akzeptiert, sagt Kalisch. Das ist wichtig. Es gibt einen Beirat für die Lehrerausbildung, in dem Vertreter aller großen islamischen Verbände in Deutschland sitzen. Gegen die Verbände kann man keinen Islamunterricht aufziehen, wenn die Einwände haben, könnten sie dafür sorgen, dass die Schüler ausbleiben. Ein Mitspracherecht haben sie trotzdem nicht. Die Aufsicht über den Unterricht hat der deutsche Staat. Aber wäre es nicht besser, ein Türke oder Araber hätte die Stelle von Kalisch bekommen? Oh nein, davon will man in der Universitätsverwaltung nichts hören. Nationalität oder Herkunft würden in Berufungsverfahren für Professoren selbstverständlich in keinster Weise berücksichtigt.

Kalisch sagt, er finde es schön, wenn die Leute „mit uns statt über uns“ reden, wenn es um Islam geht. Dass die Fragen manchmal schlicht sind, der allgegenwärtige Generalverdacht, die Pauschalisierungen, darunter leide er nicht persönlich, das störe ihn intellektuell. Er sei ja kein Sensibelchen, sagt er, aber: „Ich bin bestimmt der einzige Professor in Deutschland, der ständig gefragt wird, wie er zum Grundgesetz steht.“

Der staatliche Islamunterricht wird auf deutsch stattfinden. Die Kinder sollen da etwas lernen und sie sollen das Gelernte auch weitergeben können. Die meisten wüssten erschreckend wenig über den Koran, sagt Kalisch. Die wissen, dass Muslime kein Schweinefleisch essen und keinen Alkohol trinken. „Der Islamunterricht wird keine Heimatkundeergänzung“, sagt Kalisch. Religion habe weder etwas mit Ethnie zu tun, noch dürfe sie ein Integrationshindernis sein. Eine Vorstellung: dass Moslems aus Afghanistan, Marokko und der Türkei gemeinsam auf Deutsch beten.

Ein schönes Bild – aber warum bleibt ein Unbehagen? Ist am Ende die Religiosität selbst schon verdächtig in der materiell orientierten Welt der Mehrheitsgesellschaft? Kalisch sagt, dass offenbar besonders der Fastenmonat Ramadan die Nichtmuslime provoziere. Auch Bekannte bespöttelten diesen Ritus, hielten ihm mitten am Tag ein Stück Kuchen hin, komm, iss doch. Warum? Vielleicht, weil der Glaube da sichtbar wird. Die unreligiöse Mehrheit kann so etwas verunsichern. Das Misstrauen, das kopftuchtragende Frauen täglich erleben, bemerken beim Fasten auch Männer.

Münster scheint ein guter Ort für das islamische Lehrerprojekt. Die Stadt ist fest gefügt im katholischen Glauben. Sie kann Andersgläubige aushalten, ohne ins Wanken zu geraten, sie hat vor vielen Jahren Glaubensterror selbst erlebt. 1534 nahm eine Gruppe von Untergangspropheten die Stadt in Besitz, man nannte sie die Wiedertäufer. Sie sahen sich als wahre Gemeinde Christi, sie wollten ihren eigenen Gottesstaat errichten und von der Reformation nichts wissen. Sie zerstörten Altäre und Bücher, folterten ihre Gegner und führten im Namen des Alten Testaments die Vielweiberei ein. Ein Jahr lang herrschten die Wiedertäufer in Münster, bis es gelang, die Stadt zu befreien. Als Kalisch am Mittag über die Rechtslücke im islamischen Recht doziert hat, schlugen die Domglocken auf der anderen Seite des Domplatzes zwölf Uhr und es wirkte ganz passend.

Kalisch hat in Hamburg studiert, er hat dort auch Vorträge gehalten, unter anderem am Islamischen Zentrum, das den Mullahs in Iran nahe steht, die es mit den Menschenrechten nicht sehr genau nehmen. Er sagt, er sei ja nicht beim iranischen Staat beschäftigt gewesen, man habe ihm nicht reingeredet, er habe den Dialog gesucht. Er erinnert an Jürgen Habermas, den kritischen Philosophen, der 2002 auf Vortragsreise im Iran war.

Und wie stehen Sie zum Kopftuch, Herr Professor? Kalisch hat seinen Stuhl am Besuchertisch so gedreht, dass er den Kopf an die Wand lehnen kann. Er gähnt. Er redet seit elf Uhr morgens fast ununterbrochen, er hat nicht zu Mittag gegessen und zu trinken hat er auch nichts. Durchs Fenster sieht man den Himmel über Münster dunkel werden. Kalisch sagt, er sei für das Kopftuchtragen, weil der Koran es vorschreibt, aber wenn die Frauen es nicht tragen wollen, dann eben nicht. „Damit kann ich leben“, sagt er.

Seine Frau trägt keins. Sie ist berufstätig und wollte keinen Ärger im Büro haben. Dafür könnte man sich als Mehrheitsgesellschaft auch schämen. Aber man fragt weiter: Und wie ist das mit dem islamischen Erbrecht, nach dem nur männliche Nachfahren etwas erben können? Kalisch sagt, das Erbrecht sei sehr traditionalistisch, und dass sich da etwas ändern müsse. Er beugt sich vor und sagt, wenn der äußere Wortlaut des Koran und die Vernunft kollidierten, sei für ihn die Vernunft vorrangig. Dass das keine Mehrheitsmeinung ist, weiß er wohl.

Man denkt, dass es bestimmt nicht leicht ist, ein deutscher Muslim zu sein. Man fragt sich, wie man überhaupt dazu kommt, Kalischs Gesinnung abzufragen und ob so ein Gespräch mit christlichen Professoren denkbar wäre. Was sagen Sie als Christ zum Terror der katholisch geprägten IRA?

Im nächsten Semester geht es für 30 künftige Islamlehrer los. Vielleicht werden auch Kalischs eigene Kinder in den Genuss der neuen Lehrer kommen. Sie sind heute sieben und fünf Jahre alt, ein Mädchen, ein Junge. Sie sollen ein religiöses Bewusstsein bekommen, aber auch ein kritisches. Kalisch sagt: Man muss über alles reden können. Was macht er, wenn seine Tochter später in Miniröckchen rumläuft? Man wird mit ihr reden, sie zu überzeugen versuchen oder nachgeben müssen. Was, wenn sie eine Burka will? Ebenso. Was, wenn sie sich damit ihre Zukunftschancen verbaut? Da lacht Muhammad Sven Kalisch. Diese Frage braucht man ihm nicht zu stellen.

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