Zeitung Heute : Relikte einer blutigen Vergangenheit

Die Reste des Templo Mayor, dem zentralen Heiligtum der Azteken, liegen mitten in der heutigen Mega-Metropole Mexiko-Stadt. Eine merkwürdige Melange

Annabel Wahba

MEXIKO – LAND DER GÖTTER UND GESCHICHTEN

Das Auto brauste über die Plaza de la Constitución, mitten im Zentrum von Mexiko-Stadt. Rechts die Kathedrale, links der Templo Mayor. Der Wagen beschleunigte noch einmal – bis der Fahrer feststellen musste, dass da zwischen den beiden Gebäuden gar keine Straße war. Stattdessen flog der Wagen auf die Ruinen der Aztekenpyramide zu, und als hätten die Götter ihre Hand im Spiel, landete er unbeschädigt auf den Stufen des alten Tempels. Dort lag das Auto wie eine Opfergabe. Die Türen gingen auf, und heraus kam ein torkelnder Polizist. Unverletzt und stockbesoffen.

Dass der Gesetzeshüter zu viel getrunken hatte, schockierte die Mexikaner, die glauben, dass man mit ein paar Tequilas besser Auto fahren kann, nicht besonders. Aber die Archäologen schimpften auf den gesetzlosen Ordnungshüter, der dort landete, wo einst blutige Menschenopfer zelebriert wurden. In gewisser Weise ist dieser Zusammenstoß aber ein passendes Symbol für die Verschmelzung von Tradition und Moderne. Die Mexikaner haben ihr Kulturerbe in den Alltag integriert, das größte Fußballstadion der Welt steht in Mexiko-Stadt und heißt „Estadio Azteca“, es gibt eine Fluggesellschaft, die nach den alten Indianern benannt ist und eine Bank.

Wo der Adler auf dem Kaktus saß

In gewisser Weise waren die Azteken – die auch unter dem Namen Mexica bekannt sind – die Gründer von Mexiko-Stadt. Sie kamen ursprünglich aus dem Norden Mesoamerikas bis in die zentrale Hochebene. Der Sage nach sollen sie zu einer Insel in einem großen See gekommen sein und sahen dort einen Adler, der auf einem Feigenkaktus saß. Dort gründeten sie im Jahr 1325 ihre Hauptstadt Tenochtitlan. Der Adler auf dem Kaktus ist noch heute das Nationalsymbol der Mexikaner. Im 15. Jahrhundert lebten 200 000 Menschen hier, sie war die größte Stadt der Welt, genau wie heute Mexiko-Stadt – mit 20 Millionen Einwohnern.

Die Azteken bauten Brücken von ihrer Insel-Stadt zu den anderen Inseln und zum Festland, sie hatten große Straßen, Kanäle und riesige, bunt bemalte Tempel. Die Spanier müssen gestaunt haben, als sie in diese Stadt kamen, von Vulkanen umgeben und fünf Mal so groß wie Madrid. Als seine Boten ihm Nachricht von den Neuankömmlingen brachten, glaubte der Aztekenkönig Moctezuma zunächst, es sei der Gott Quetzalcoátl, der zurückgekehrt ist. Er war aus dem Osten gekommen und nach dem Osten fortgegangen, er war weiß und bärtig – genau wie die spanischen Eroberer. Mehrere Vorzeichen hatten seine Rückkehr angekündigt. Moctezuma schenkte den Spaniern Goldketten, und das war genau der Grund, weshalb sie in die neue Welt gekommen waren. „Wie hungrige Schweine lechzen sie (die Spanier) nach dem Gold“, heißt in einem Náhuatl-Text aus der Zeit. Als die Spanier in die Hauptstadt kamen, drangen sie in die Schatzkammern ein, räumten sie leer und schmolzen das Gold zu Barren. 1521 eroberten sie Tenochtitlán endgültig. Moctezuma beging Selbstmord.

Die Ruinen des Haupttempels der Azteken, des Templo Mayor, fand man durch Zufall 1978 bei Bauarbeiten auf dem Areal. Der Tempel war längst in Vergessenheit geraten, obwohl er genau da stand, wo auch heute noch der zentrale Platz Mexiko-Stadts liegt. Im Templo Mayor fanden die wichtigsten politischen und religiösen Feiern der Azteken statt, er ist dem Regengott Tláloc und dem Kriegsgott mit dem unaussprechlichen Namen Huitzilopochtli gewidmet.

Gleich am Eingang steht die Reproduktion der Tzompantli, einer Mauer, an der die Schädel der geopferten Gefangenen auf Holzstöcken aneinander gereiht ausgestellt wurden. Menschenopfer waren ein besonderer Höhepunkt in den religiösen Zeremonien. Und es war die größte Ehre, sich von dem Hohepriester vor versammelter Menge das Herz herausschneiden zu lassen. Denn, wer bei einer Opferung stirbt, begleitet nach dem Tod die Sonne auf ihrem Weg, um die Erde. Nach vier Jahren darf er als Schmetterling zurück auf die Erde kommen. Das Herz und das Blut sind Symbole für das Leben, die sich durch die Opferung in kosmische Kraft verwandeln und den Gott der Erde und der Sonne nähren. Ohne Opferungen würde die Welt untergehen, glaubten die Azteken.

Krieg als Einnahmequelle

Um die Götter freudig zu stimmen, haben die Azteken auch gerne Kriegsgefangene geopfert. Krieg war für sie die wichtigste Einnahmequelle – damals war es offensichtlich noch nicht so kostspielig wie heute, ein Land zu erobern. Auf dem Höhepunkt ihres Reichtums hatten sie 370 Dörfer erobert. Die besiegten Völker mussten den Azteken dann Tribut zahlen.

Wenn man nach allem, was man im Templo Mayor über die Azteken gelernt hat, nochmal über den Polizisten und sein Autoopfer nachdenkt, kann man davon ausgehen, dass den Göttern der Polizist selbst lieber gewesen wäre als ein Haufen Blech. Aber der Mann blieb unverletzt, diesmal floss kein Blut über die Tempelstufen.

Eine Besprechung der Ausstellung im Gropius-Bau erscheint morgen im Kulturteil .

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