Renaissance der Industrie : Der Traum von der smarten Stadt

IBM expandiert und übertrifft die Gewinnprognose. Im öffentlichen Sektor sieht man den Zukunftsmarkt.

Anna Corves

Berlin, die größte Industriestadt Deutschlands – lang ist es her. Der erzwungene Strukturwandel nach dem Mauerfall war für viele nicht konkurrenzfähige Betriebe schmerzhaft und kostete zehntausende Arbeitsplätze. Nun aber sind wettbewerbsfähige und innovative Unternehmen herangewachsen. Auch alteingesessene Unternehmen wie Siemens stehen wieder für das industrielle Potenzial. Hinzugekommen sind viele Mittelständler, die teilweise als weltweite Marktführer in ihrem Bereich glänzen. Außerdem haben Konzerne wie Sanofi-Aventis oder Pfizer das Potenzial Berlins mit seiner Nähe zur Politik erkannt und die Stadt zu einem starken Standort für die Pharmatechnologie gemacht.

Man braucht auch ein Stück Mut“, sagt Michael Maier. Das ist seine Antwort auf die Frage, wie es der IT-Konzern IBM selbst in diesem Jahr schafft, die Gewinnprognose nach oben zu korrigieren. „Wir haben uns früh von wenig profitablen Produktpaletten wie dem klassischen PC-Geschäft getrennt.“ Und stattdessen neue Felder wie das Beratungsgeschäft entdeckt. Die Berliner Niederlassung in Marienfelde, die Maier seit vier Jahren leitet, betreut öffentliche Einrichtungen wie Bundes-, Landes- und Kommunalverwaltungen oder Hochschul- und Gesundheitswesen. „Berlin ist eine fantastische Informationsdrehscheibe, ich könnte jeden Abend zu Treffen mit Entscheidungsträgern gehen“, sagt Maier. Die Nähe zu ihnen zeigt sich auch am Sitz der Außenstelle der Niederlassung im Moabiter Spreebogen, in direkter Nachbarschaft zum Bundesinnenministerium.

Sieht Maier den öffentlichen Sektor als Zukunftsmarkt? „Absolut. Zumal es erklärtes Ziel der Regierung ist, die Verwaltung zu modernisieren.“ E-Government lautet ein Stichwort dazu, mehr Verwaltungsvorgänge sollen elektronisch abgewickelt werden können. Dazu braucht es die geeignete Software samt Programmen zur Datensicherheit. Die Nachfrage an IT-Lösungen für Verwaltungen steigt. Das ist nicht nur für den Berliner Standort wichtig. Denn neben der Konkurrenz mit anderen Unternehmen auf dem Markt gibt es auch die innerhalb des internationalen Konzerns: „Wer bekommt den Zuschlag für das nächste Projekt, wo wird ausgebaut.“ Zwar gehöre Deutschland zu den Top-5-Standorten von IBM. „Doch das ist nichts, worauf man sich auch nur eine Sekunde ausruhen kann“, betont Maier und lacht dabei. Der Druck scheint ihm mehr Motivation als Belastung zu sein.

Zumal sich der Standort Berlin im Wettbewerb gut schlägt: Er expandiert. Gerade entsteht hier das erste europäische IBM-Zentrum für „Business Analytics & Optimization“, kurz BAO. Ein ganzes Netz solcher Zentren ist international geplant. Berater, Softwarespezialisten und Mathematiker suchen darin nach innovativen Lösungen, wie aus Rohdaten nützliche Informationen gewonnen werden können. Die Datenmassen, die überall anfallen, müssen intelligent verwaltet und analysiert werden. Nur so können sie bei Entscheidungen helfen. „Bei der Abwrackprämie zum Beispiel kann heute niemand genau ausrechnen, wie groß der Stimulus für die Automobilbranche wirklich war und wie sehr der CO2-Ausstoß reduziert wurde“, sagt Maier. Für solche Fragen soll das BAO Antworten finden, in den Bereichen Hardware, Software und Service.

Maier kam vor 25 Jahren als junger Wirtschaftsinformatiker zu IBM, erzählt er mit dem gemütlich rollenden „R“ des Franken. Eine einzige Bewerbung hatte er nach dem Studium verschickt, die Zusage kam zwei Wochen später. Heute beschäftigt er in der Berliner IBM-Niederlassung rund 1000 Mitarbeiter, durch BAO kommen 200 hinzu. Das neue Zentrum sieht Maier als Schritt zur Erfüllung der Vision von „smarter cities“. „Städte und Regionen müssen attraktiv sein im Wettbewerb um Investoren und Bürger.“ Für die Zukunft schwebt dem 49-Jährigen zum Beispiel vor, den Bürokratiedschungel für Bürger zu lichten. „Bei einer Geburt etwa haben Sie bis zu 15 Behördengänge, von der Geburtsurkunde bis zum Kindergeld“, sagt der Vater von zwei Kindern. Die Lösung wäre ein einheitlicher Ansprechpartner für alle Belange, als einzige Schnittstelle zur Verwaltung. Mit dem könnte auch virtuell in 3-D-Welten kommuniziert werden, „wie bei Second Life“.

Avatare als Ansprechpartner – in staubigen Amtsstuben? „Die Umsetzungsgeschwindigkeit ist eine Herausforderung“, da sei auch Geduld gefragt. Aber es gehe in die richtige Richtung. Zum Beispiel die einheitliche Behördenrufnummer 115, die IBM seit März in verschiedenen Modellregionen erprobt. Einmal alle Ideen in einer einzigen Stadt ausprobieren zu können, ganzheitlich, das ist Maiers Traum. Eine Utopie? Er schüttelt den Kopf. „Ich bin optimistisch, dass ich dazu einmal die Chance erhalte.“ All diese Ideen entstünden aus den Bedürfnissen der Kunden. „Denen zuzuhören ist das Erfolgsrezept.“

www.ibm.com/de

Bei einer Geburt etwa haben Sie bis zu 15 Behördengänge, von der Geburtsurkunde bis zum

Kindergeld. Die Lösung wäre ein einheitlicher Ansprechpartner für alle Belange, als einzige Schnittstelle zur Verwaltung. Mit dem könnte auch virtuell in 3-D-Welten kommuniziert werden,

wie bei Second Life.“

Michael Maier, IBM-Niederlassungsleiter

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