Renaissance der Kohle : Ein hoher Ölpreis schadet dem Klima

Je mehr Erdgas und Erdöl kosten, umso attraktiver ist es, in großem Stil Kohle abzubauen. Dadurch nehmen die Emissionen zu

Ottmar Edenhofer
Schmutziges Comeback. Derzeit erlebt die Kohle eine wahre Renaissance.
Schmutziges Comeback. Derzeit erlebt die Kohle eine wahre Renaissance.Foto: picture alliance / ZB

Die Menschheit befindet sich in der größten Kohle-Renaissance ihrer Geschichte. Daher steigen die Emissionen, trotz der aktuellen Wirtschaftskrise. Wegen der hohen Preise von Gas und Öl ist die Kohleverstromung in den USA, China und Indien wieder lohnend geworden. Auch wird in großem Maßstab in die Umwandlung von Kohle in Treibstoff investiert, dadurch wollen Südafrika und China von Ölimporten unabhängiger werden. Global betrachtet ist die Energiewende eine Rolle rückwärts: hin zu den altbekannten fossilen Energieträgern.

Wer annimmt, ein hoher Ölpreis führe zu einem Umsteuern hin zu den erneuerbaren Energien und nutze dem Klimaschutz, der täuscht sich. Der hohe Ölpreis ist ein Desaster für die Klimapolitik, weil er zurück zur Kohle führt. Das hat, wenn die Kohle in Kraftwerken verfeuert wird, den Ausstoß von besonders viel Treibhausgasen zur Folge. Zudem macht ein hoher Ölpreis die Erschließung nichtkonventioneller Vorkommen lohnend. Das gilt etwa für die Ölsande in Kanada, deren Nutzung zu besonders hohen Emissionen führt.

Nicht die fossilen Energien sind heute die knappe Ressource, sondern der begrenzte Deponieraum für Kohlendioxid (CO2) in der Atmosphäre. Wir haben noch etwa 12 000 Milliarden Tonnen Kohlenstoff an fossilen Ressourcen in der Erde. Das reicht rein rechnerisch für 800 Jahre. Ohne Klimapolitik werden wir soviel Kohlenstoff in der Atmosphäre ablagern, dass es zu einem Anstieg der globalen Mitteltemperatur um mehr als vier Grad käme. Wollen wir einen gefährlichen Klimawandel verhindern, so dürfen wir nur noch 230 Milliarden Tonnen Kohlenstoff in die Luft blasen - also nur einen Bruchteil der fossilen Reserven. Der größte Teil muss im Boden bleiben, wenn wir das von der internationalen Staatengemeinschaft anerkannte Ziel einer Begrenzung der globalen Erwärmung auf zwei Grad erreichen wollen.

Das kann nur gelingen, wenn wir den CO2-Emissionen einen Preis geben. Hierfür müssen die Emissionsmengen gedeckelt und die Emissionsrechte handelbar gemacht werden. Das führt dazu, dass weltweit der Ausstoß von Treibhausgasen dort verringert wird, wo es am kostengünstigsten möglich ist.

Nun hat das europäische Emissionshandelssystem seine Mängel: Etwa dass nicht alle Wirtschaftssektoren einbezogen sind und daher die Emissionsreduktion nicht unbedingt dort erfolgt, wo sie am meisten bringt. Aber es hat eine Vorbildfunktion. In Australien wird über die Einführung eines ähnlichen Systems gestritten, China erwägt einen nationalen Emissionshandel. Gelänge es, solche regionalen Systeme zu verknüpfen, wäre das eine neue Perspektive für die auf der Stelle tretende internationale Klimapolitik.

Bekommt der Ausstoß von Treibhausgasen einen Preis, so ist das auch ein Signal für Innovation. Es entstehen Anreize für die Entwicklung neuer Technologien. Sind sie erst im Markt, sinken ihre Kosten. In seinem jüngsten Bericht zu den erneuerbaren Energien hat der Weltklimarat IPCC festgestellt, dass diese gegenüber den fossilen Energien und der Kernenergie bald wettbewerbsfähig sein werden. Durch eine gezielte Förderung könnte das noch schneller geschehen. Der Staat muss also einen Ordnungsrahmen schaffen; aber ohne innovative Unternehmer wird eine echte Energiewende kaum gelingen. Mit ihnen allerdings kann die Kohle-Renaissance bald wieder zu Ende gehen.

Ottmar Edenhofer ist Professor für Klimaökonomie an der TU Berlin, Vize-Direktor und Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und Mitinitiator der Climate Lecture.

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