Zeitung Heute : Renaissance und Radlerhosen

Barbara Schaefer

Wer in Arco an einem Frühlingsnachmittag auf der Terrasse des Café Trentino seinen Cappuccino trinken möchte, sollte sich nicht daran stören, dass es nach Schweiß riecht. Bunt gekleidete Menschen sitzen hier, meist vor Bier. Sie reden von Prozenten und Übersetzungen, von Aufstieg und Abstürzen. Es sind aber keine Banker, sondern Biker, genauer: Mountainbiker. Wie ein Heuschreckenschwarm fallen sie am Nachmittag in den Ort ein, kommen zurück von ihren Tagestouren. Auf der Piazza 3. November stehen bis zu hundert Räder und deren Radler, Helme in der Hand, die verschwitzen Haare an den Kopf geklebt, die engen Trikots mit allerlei Emblemen bedruckt als gälte es, Sponsoren zu betören.

Sporturlauber haben keinen Blick übrig für die monumentale Collegiatskirche an der Piazza; "Palladianische Schule, erbaut zwischen 1613 und 1671, eines der berühmtesten Bauwerke der späten Trentiner Renaissance" buhlt ein Prospekt vergeblich um Aufmerksamkeit. Die heutigen Gäste kümmert das kaum, sie messen sich mit ihrer Körperkraft an der Landschaft, da ist abends der Kopf zu matt, um nach dem Ver-bleib der Grafen von Arco zu fragen.

Da genügt es vollauf zu wissen, dass die bayerische Linie der Adligen eine Brauerei gründete und dieses Bier selbstredend in Arco ausgeschenkt wird. Jahrhundertelang hatte Arco in seinen Gassen unterhalb der Burg geschlummert. Die Grafen von Arco sicherten, nach Kämpfen mit den Grafen von Tirol, ihre Macht. Arco war ein Dorf von Bauern in den alten Ringmauern einer befestigten Ortschaft. Aber 1872 kommt der Prinz und küsst die Schlafende in die Neuzeit: Erzherzog Albert von Österreich, der Cousin des Kaisers, besucht Arco, Südzipfelchen des Habsburger Reiches, und baut sich eine Winterresidenz außerhalb der Mauer. Arcos mitteleuropäische Epoche beginnt.

Die Zukunft dampft heran

Bis 1866 hatte nur ein einziges Hotel, Albergo Corona, Gäste beherbergen können, das ändert sich schnell. 1878 entsteht das Kurhaus Grand Hotel Nelböck, bald umbenannt in Grand Hotel des Palmes. 1885 wird das Sanatorium gebaut. Nun sprechen auch italienische Zeitungen in überschwänglich Worten von "il Kurort" Arco. Damit Arco nicht mehr so beschwerlich zu erreichen war, dampfte 1891 die Zukunft heran, mit der Bahnverbindung zur Brennerstrecke. Im Laufe der Elektrifizierung konnte der Ort im wahrsten Sinn des Wortes glänzen.

Arco änderte sich. Felder wurden zu Gärten, Wälder zu Parks. In Jahresringen breiteten sich Villen um den mittelalterlichen Kern aus, erstaunlich viele alte Fotografien bezeugen dies. Offensichtlich war den Winterfrischlern langweilig, man ging zum Fotografen. Beniamino Pasquali eröffnete 1884 ein Atelier, warb mit "Anerkennungsschreiben Ihrer k. u. k. Hoheiten der Erzherzöge Albrecht, Carl Salvator und Otto. Porträts in Platinotiphie und speciell Sodiumdruck". Außerdem versprach er die "Specialität wirklich unveränderlicher Platin-Fotografien".

Doch wie heute, wenn eine stille Region vom Tourismus überrollt wird, brachten die Fremden den verarmten Bewohnern - meist waren es Bauern - kaum Geld. Die Hoteliers kamen aus der Schweiz, aus Deutschland und natürlich aus Österreich. Ihre Köche brachten sie mit, ebenso die Kellner, damit sie die herrschaftlichen Gäste auch verständen. Den Einheimischen blieben niedere Arbeiten. Doch plötzlich war es vorbei mit dieser schönen Zeit, dieser Belle Epoque. Da zogen die Männer nicht mehr in die Winterfrische, sondern in den Krieg. Nun brauchte man keine Sanatorien mehr, sondern Lazarette.

Auch wenn heute Sportler zeitweise den kleinen Ort überrennen, er hat sich seinen Charme bewahrt. In den schmalen Gassen der Altstadt verstecken sich zwischen den Sportgeschäften der kleine italienische Gemüsehändler und die Bäckerei. Und man sieht rund um Arco noch waschechte Bergsteiger. Denn lange schon bevor bunte Radlerhosen demonstrierten, was ein rechter Kerl ist, umspannten in diesem Südzipfel des Trentino rote Wollstrümpfe nicht weniger dralle Waden. Bergsteiger erklimmen hier schon seit hundert Jahren die Wände, Klettersteige wie die "Via attrezzata Rino Pisetta" zählen zu den luftigsten der Alpen. Senkrechte Eisenleitern, unter denen das Sarcatal sehr weit weg ist.

Auf der Piazza halten Einheimische ihr Schwätzchen. Sie haben sich an die bunten Vögel gewöhnt. Schließlich sind die Radler die zweite moderne Sportwelle, die über Arco hereinbricht. Vor rund 20 Jahren kamen Sportkletterer, nicht weniger bunt gekleidet. Erkennt man trainierte Radler an der A-Form ihres Körpers mit muskulösen Beinen, so sind die Kletterer ein V: unterhalb der Taille eher dünn, aber mit beachtlichen Schultern und Unterarmen. Mountainbiker suchen vom Sarcatal aufwärts das gerade noch Fahrbare, Kletterer das schier Unmögliche. An von Eiszeitgletschern glattgeschliffenen Kalkplatten, grau wie Betonwände und ähnlich strukturiert, nämlich gar nicht, finden Freeclimber ihren abenteuerlichen, steilen Weg.

Abends sieht man sie in trauter Gemeinsamkeit im Innenhof des Palazzo Marchetti. Dieser Bau kam einer kulturellen Revolution gleich. In der Renaissance harrten die Grafen von Arco nicht länger auf ihrem Felsen aus, sie mischten sich unters Volk, hatten die trutzige Burg satt und bauten sich lieber Paläste wie diesen. Im Innenhof stehen heute die Holzbänke einer Pizzeria, dort wird laut der Tag diskutiert. Wieder geht es um Steigungen und Komponenten, um Überhänge und Bohrhaken.

Askese scheint jedoch weder dem A- noch dem V-Typ zu liegen. Manch einer bestellt nach der riesigen Portion Pasta Funghi noch eine Pizza Meeresfrüchte - und genießt damit beide Seiten der Trentiner Küche, die Verschmelzung von alpindeftig mit mediterranleicht. Dies setzt sich in der Getränke-Bestellung fort. Der eine Tisch hält sich an die bajuwarischen Nachfahren der Familie Arco und trinkt Bier, ein anderer ordert Marzemino, tiefdunkler Rotwein, der nur im Trentino wächst. Außen am Palazzo Marchetti erinnert eine Marmortafel an Prospero Marchetti, er war der erste Präsident der Societá alpina del Trentino, dem Alpenverein, von 1872 bis 1876. Das war der Beginn von Arcos goldenen Jahren - und dem Bergsport im Gebirge oberhalb des Sarcatals.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben