Zeitung Heute : Renate Künast: Das Reinheitsgebot des Erfolgs

Ulrike Fokken

Ihr Teint hat sich wieder erholt. Renate Künast ist nicht mehr ganz so bleich wie in den ersten Tagen ihres Amtes. Nicht mehr so wie in der vergangenen Woche nach der Sitzung der EU-Agrarminister in Brüssel. Als sie nach 13 Stunden Verhandlungen in trockener Luft aus dem Saal kam, ohne ihre Ziele erreicht zu haben. Die Augenringe waren noch tiefer als sonst, und über Nacht schien sich die Zahl der Falten in ihrem Gesicht verdoppelt zu haben. Ihre Augen schienen damals nach innen zu blicken und dort nach Halt zu suchen. Denn draußen türmten sich die Berge von Akten über die EU-Agrarpolitik, die Vorlagen einer neuen Öko-Landwirtschaft, 182 000 Tonnen unverkäufliches Tiermehl, BSE-Kühe, und in der Ferne trappelten 400 000 Rinder, die gemahlen und verbrannt werden sollen.

Nicht, dass Renate Künast über diese Nebenwidersprüche eines überregulierten und hoch subventionierten Landwirtschaftsmarkts verschreckt wäre. Im Gegenteil. Sie hat sich in den vergangenen drei Wochen, während derer sie als Ministerin amtiert, mit einem Elan in die neue Aufgabe gestürzt, dass Kritiker und politische Gegner vor Staunen oder Lob verstummten.

So lange verstummten die Kritiker, bis sie nicht mehr anders konnten, als Position zu beziehen. Wie gestern nach der ersten Regierungserklärung von Renate Künast, Bundesministerin für Verbraucherschutz, Landwirtschaft und Ernährung, zu der zukünftigen Gestaltung der Agrarpolitik. Mit flacher Stimme versucht Angela Merkel für die CDU nachzuweisen, was der Opposition Pflicht ist. Dass die Regierung versagt hat in den Zeiten des offenen Rinderwahnsinns. Dass die Bauern die Opfer sind. Dass Bundeskanzler Gerhard Schröder gar nicht wusste, wovon er sprach am 29. November im Bundestag, als er forderte, Deutschland müsse "weg von den Agrarfabriken".

Nebbich. Vergeblich. Chancenlos diese Merkel mit ihrem Versuch, ihre eigene Leistung aus der Zeit als Umweltministerin gegen die Regierung ins Feld zu führen. Künast hat schon andere Proben ausgestanden.

Kaum einen Tag im Amt, hatte sie auf der Grünen Woche den Initiationsritus eines jeden deutschen Landwirtschaftsministers hinter sich bringen müssen. Zur Überraschung aller Hämischen und Neider war die jugendliche Frau mit dem blond getönten Stoppelhaarschnitt zwischen den Bauern, Lobbyisten und Nahrungsindustriellen nicht peinlich, sondern erfrischend und überzeugend aufgetreten. Auch bei ihrer Antrittsrede im Bundestag saß sie zwar einsam und allein auf der Regierungsbank, hat aber deswegen nicht weniger schlüssig die Leitlinien einer neuen rot-grünen Agrarpolitik dargestellt.

Von Tag zu Tag gewinnt Künast an Profil. Und sie kommt an bei den Menschen. Wenn sie im TV-Stammtisch bei "Christiansen" am Sonntagabend das Schweine-Doping anprangert, klatscht das Publikum. Oder wenn sie EU-Agrarkommissar Franz Fischler vorhält, dass dank seiner Politik erst im Jahr 2012 die "Hühnerknäste" abgeschafft werden und er sich nun damit wirklich nicht zu brüsten brauche. Oder wenn Künast den Verbrauchern sagt, dass ihr Leben und Essen nach BSE nie wieder so sein wird wie davor.

Die Menschen schätzen diese Offenheit offensichtlich. Sie sind als Verbraucher innerhalb weniger Wochen in die Mitte der rot-grünen Regierungsaufmerksamkeit gerückt. "Sie bereiten den Boden für unsere Politik", sagt eine Umweltexpertin der Grünen-Fraktion. Auch die Bundestagsabgeordneten tragen Künast als Aufsteigerin aus ihren Parteireihen, wenn auch nicht aus ihrer Mitte. Denn Renate Künast war zwar Parlamentarierin im Berliner Abgeordnetenhaus und hatte sich von dort im vergangenen Sommer an die Spitze der Landespartei emporgekämpft, aber sie war nie Mitglied der Bundestagsfraktion.

Manche Abgeordneten hatten Künast ihre Rolle beim Rücktritt von Andrea Fischer als Gesundheitsministerin übel genommen. Aber Künast versöhnt mit ihrer Arbeit auch sie. Fischer war und ist immerhin Parlamentarierin und hatte sich in der vorangegangenen Legislaturperiode durch Fleiß, Kreativität und Wissen das Amt als Gesundheitsministerin erarbeitet. In der Parteiführung verlor sie jedoch zusehends an Rückhalt, auch beim inoffiziellen Parteiführer Joschka Fischer, der ihr in den Tagen vor dem Rücktritt seine Unterstützung versagte. Und Fritz Kuhn, der offizielle Parteichef? Und seine Mitstreiterin Renate Künast? Kein Wort kam von ihnen. Nichts und niemand spricht für Andrea Fischer, das war die Haltung der Partei nicht mal vier Tage nach deren Rücktritt auf der Fraktionsklausur der Grünen in Wörlitz. Die Parteihäuptlinge sprachen nur gegen sie, raunen die Abgeordneten der Grünen in den Gängen der Fraktion.

Warum sonst konnte Renate Künast ihrer langjährigen Parteifreundin aus Berliner urgrünen Zeiten bei deren Abschiedsrede in der Fraktion nicht in die Augen gucken? Warum senkte sich Künasts Blick, als die gerade zurückgetretene Gesundheitsministerin Fischer der zukünftigen Landwirtschaftsministerin einen freundlichen Segen mit auf den Weg an den Kabinettstisch geben wollte? Künasts Kinn wirkt in solchen Momenten noch kantiger, der Kiefer ist dann noch kräftiger zusammengepresst.

Künasts Biss hat der Kanzler in der Zwischenzeit schätzen gelernt. Überrascht und amüsiert hat Schröder gestern seine Neue im Bundestag beobachtet. Es gefällt ihm offensichtlich, wenn Renate Künast einem zwischenrufenden CDU-Abgeordneten entgegenschleudert: "Ach, das haben Sie verstanden?" Künast schafft es, die im politischen Geschäft so nötigen griffigen Slogans zu finden. Wenn sie vom "magischen Sechseck der Agrarpolitik" spricht, an dessen Ecken die sechs Protagonisten der Landwirtschaftspolitik sitzen: Verbraucher, Landwirte, Futtermittelhersteller, Lebensmittelhersteller, Einzelhändlern und Politiker. Den Kanzler freut, wenn Künast in sozialdemokratischer Manier so alle umarmt. Oder wenn sie den so simplen wie schlagenden Vergleich der Kuh mit dem Bier bringt, dem auch die CSU-Bayern nicht widersprechen können. Für Bier gebe es ein Reinheitsgebot - hinein dürfen nur Wasser, Hopfen und Malz. "Für Kühe brauchen wir auch ein Reinheitsgebot: Hinein dürfen nur Wasser, Getreide und Gras." Der Kanzler lacht dann laut auf und klatscht begeistert. Und erhebt sich aus dem hohen Sessel, um der Verbraucherministerin zu gratulieren.

Er freut sich über den Zoff, den seine Ministerin auf dem politischen Parkett anrichtet. Für Zoff sorgt sie allerdings auch in Verbandsetagen, auf Bauerndemonstrationen und in ihrem Ministerium, das den Kurs von der Agrarlobby zum Verbraucherschutz erst orten muss.

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