Zeitung Heute : Renault Twingo: Viel Neues unterm gewohnten Blech

Ingo von Dahlern

Er war eine Revolution, als er 1992 in Paris erstmals öffentlich auftrat - der Renault Twingo. Da hatte es der europäische Erfinder der Minivans, der 1984 den Espace auf die Räder gestellt hatte, acht Jahre später gewagt, dieses Konzept in die Kompaktklasse zu übertragen und einen Mini-Minivan zu präsentieren, der als nur 3,43 Meter langer zweitüriger Viersitzer einen ungewohnt variablen Innenraum bot, wobei Motor-, Fahrgast- und Kofferraum eine stilistische Einheit bildeten. Wir waren begeistert, als wir dieses eigenwillige kurze Auto mit dem langen Radstand und der breiten und hohen Karosserie und seinem "Gesicht" mit dem freundlich blickenden Scheinwerferpaar zum ersten Mal sahen und überzeugt, die Premiere eines Erfolgsautos zu erleben.

Das wurde der Twingo ganz schnell - nicht nur in Frankreich, sondern auch auf dem deutschen Markt. Mehr als 1,6 Millionen Twingos haben bis heute die Montagebänder verlassen und 345 000 davon Käufer in Deutschland gefunden. Dabei ist der Twingo offensichtlich ein ausgemachter Frauenliebling, denn fast zwei Drittel der Twingo-Lenker sind Fahrerinnen. Und 54 000 Twingos, die im vergangenen Jahr bei uns neu zugelassen wurden, zeigen, dass sein Erfolg ungebrochen ist. Und das ohne große optische Veränderungen. Denn seine Linie ist ein so genialer Wurf, dass man sie, von ein paar Details abgesehen, praktisch kaum verbessern kann - aus dieser Sicht ein zeitloses Auto, wie zum Beispiel der Mini.

Doch gerade weil die Optik sich nur minimal verändert und der neueste Twingo fast so aussieht wie der erste, übersieht man schnell, wie sehr sich die Technik unterm Blech wandelt. Denn das Auto unter der gewohnten Hülle ist in den letzten Jahren konsequent modernisiert und optimiert worden, präsentiert sich nun schon in seiner dritten Generation und überrascht zum bald beginnenden neuen Jahr mit einigen technischen Leckerbissen sowie einer in vielen Punkten attraktiver gewordenen Ausstattung.

Eine Karosserie, ein Motor, eine Ausstattung - mit diesem Konzept war der Twingo gestartet. Bei der Karosserie hat er das bis heute durchgehalten. Doch bei den Ausstattungen musste man die ursprüngliche Linie schon bald verlassen - und ist inzwischen bei fünf angelangt. Nun endet auch die Ein-Motor-Phase. Denn erstmals kann man beim Twingo künftig unter zwei Aggregaten wählen. Neben den bewährten 1,2-Liter-Vierzylinder mit Zweiventiltechnik, dessen allererste Version mit 40 kW (55 PS) 1966 durch den moderneren Econ-Vierzylinder mit gleicher Leistung ersetzt wurde, die 1998 auf 43 kW

(60 PS) erhöht wurde, tritt nun ein 1,2-Liter mit Vierventiltechnik, der 55 kW (75 PS) liefert. Statt 13,4 Sekunden für den Spurt auf Tempo 100 braucht der nur noch 11,1 und statt 151 km/h erlaubt er künftig

170 km/h - und das bei einem Verbrauch, der mit durchschnittlich 5,9 l/100 km sogar noch ein wenig unter den 6,0 l/100 km des kleineren Motors liegt. Beide übrigens erfüllen die strenge Abgasnorm D4 und kommen damit in den Genuss der damit in Deutschland verbundenen Steuervorteile.

In Kombination mit dem neuen Motor bietet Renault für den Twingo vom Frühjahr an auch ein Quickshift-5 genanntes neues Getriebe an. Das ist ein mechanisches Fünfgang-Schaltgetriebe wie das Standardgetriebe des Twingo. Doch man muss es künftig nicht mehr von Hand schalten. Denn dieses Getriebe wird im Automatik-Modus durch elektrische Stellmotoren, die kuppeln und die Gänge wechseln, vollautomatisch geschaltet. Da es aber ein Schaltgetriebe ist, bleiben Fahrleistungen und Verbrauch auf dem Niveau der Modelle mit ganz normalem Fünfgang-Schaltgetriebe. Ja, oft ist der Verbrauch sogar noch günstiger, denn die Elektronik, die die Gangwechsel steuert, wählt die Schaltpunkte besser als ein Durchschnittsfahrer.

Allerdings muss man mit diesem Getriebe nicht unbedingt vollautomatisch fahren. Denn man kann die Gänge im Quickshift-Modus auch von Hand wählen - durch einfaches Antippen des Schalthebels wie bei einer Tiptronic, wobei ein kurzer Druck nach vorne den nächsthöheren, ein Druck nach hinten den nächstniedrigeren Gang aktiviert. Kuppeln muss man bei diesem Getriebe nicht mehr - aber das ist beim Twingo ja schon seit der Einführung des Twingo Easy mit seiner automatisierten Kupplung für das sonst ganz normal zu bedienende Schaltgetriebe nicht mehr nötig. Eine willkommene Entlastung insbesondere im dichten Stadtverkehr und bei Staus auf den Fernstraßen.

Ein kräftigerer Twingo sollte auch ein entsprechend vorbereitetets Fahrwerk haben. Und hier hat man - für alle Versionen übrigens - spürbar nachgelegt. Sowohl die vorderen und nun innenbelüfteten Bremsscheiben als auch die hinteren Bremstrommeln wurde vergrößert und zugleich die Servo-Unterstützung um rund 15 Prozent gesteigert. Zudem hat der neueste Twingo ein Vierkanal-ABS neuester Bauart, das mit einer elektronischen Bremskraftverteilung kombiniert ist und die Bremskräfte je nach Fahrsituation und Beladungszustand optimal auf Vorder- und Hinterachse verteilt.

Abhängig von der Geschwindigkeit schließlich arbeitet die Servolenkung des Twingo, die in der City und beim Einparken kräftiger unterstützt als bei Landstraßenfahrt - eine moderne elektrisch betätigte Servolenkung übrigens, die nur dann Energie verbraucht, wenn sie tatsächlich benötigt wird. Optimiert wurde schließlich auch die Federung und Dämpfung des Twingo, der nun bei unverändert hohem Fahrkomfort mit verbesserter Fahrstabilität und noch geringerer Seitenneigung überzeugt, wozu auch ein kräftigerer Stabilisator an der Hinterachse beiträgt. Alls das bedeutet höhere aktive Sicherheit.

Doch auch bei der passiven Sicherheit setzt dieses kleine Auto Maßstäbe. Und das nicht nur mit seinen rund 30 Kilo hochfesten Stählen, die alle sicherheitsrelevanten Partien der Karosserie wie zum Beispiel die vorderen Längsträger, die Bodenplatte und den Fahrgastraumtunnel verstärken. Resultat dieser Bemühungen ist ein überzeugender Insassenschutz bei allen Crasharten einschließlich des Euro NCAP-Crashtests mit einem Frontalaufprall mit 64 km/h und 40 Prozent Überdeckung und einem Seitenaufprall mit 50 km/h im 90-Grad-Winkel.

Wichtiges Sicherheitselement im Innenraum des Twingo ist das "Programmierte Rückhaltesystem" (PRS) der zweiten Generation, das, wie bereits ausführlich berichtet, zusammen mir dem Berliner Sicherheitsspezialisten Petri in Pankow entwickelt wurde. Zu ihm gehören pyrotechnische Gurtstraffer für die vorderen und mechanische Gurtstopper für die hinteren Sitze und Gurtkraftbegrenzer auf allen vier Plätzen. Die reduzieren in Kombination mit sogenannten Adaptiv-Airbags mit Ablass-Ventil, dass den Druck abhängig von der Unfallschwere regelt, die durch den Gurt auf den Brustkorb wirkenden Kräfte um bis zu ein Drittel und vermindern damit insbesondere das Verletzungsrisiko bei älteren Passagieren.

Bereits seit 1998 ist der Twingo auch mit Seitenairbags ausgestattet, die ebenfalls über ein Ablassventil verfügen. Zudem gibt es Sicherheitskopfstützen mit großem Verstellbereich, die dank ihrer Form einen konstanten Abstand von etwa 70 Millimeter zum Kopf sicherstellen. Und als neueste Sicherheitsausstattung bietet der Twingo neben den bereits zur Serienausstattung gehörenden Isofix-Verankerungen für Kindersitze im Fond künftig auch eine Isofix-Verankerung auf dem Beifahrersitz. Die dazu unerlässliche Abschaltmöglichkeit für den Beifahrer-Airbag gehört schon jetzt zur Serienausstattung.

Äußerlich erkennbar ist der neueste Twingo lediglich an den neuen Scheinwerfern in Klarglas-Optik, deren moderne Freiflächen-Reflektoren eine sichtbar höhere Lichtausbeute bringen. Sehr viel mehr verändert als die Karosserie präsentiert sich allerdings der Innenraum. So gibt es zahlreiche neue Polsterstoffe und Polsterfarben und -dessins, Türverkleidungen mit vergrößerten Ablagen, eine veränderte Mittelkonsole und zahlreiche neue Sonderausstattungen im Bereich Audio und Navigation. Zudem wirkt der gesamte Innenraum jetzt qualitativ hochwertiger.

Im Ausstattungsbereich hat sich der Twingo in den vergangenen Jahren am meisten verändert. Denn die ursprüngliche Idee, allein eine Ausstattung anzubieten, hat sich nicht durchhalten lassen. Inzwischen kann man deshalb unter insgesamt fünf Ausstattungen wählen. Die Basisausstattung Authentique hat ABS mit EBV, vier Airbags und nun auch zwei Kopfstützen hinten, elektrische Fensterheber, einen abschaltbaren Beifahrer-Airbag und Cupholder in der Mittelkonsole. Eine Zentralverriegelung mit Funkfernbedienung, eine automatische Türverriegelung, die bei 7 km/h aktiviert wird und elektrisch verstellbare und beheizbare Außenspiegel hat die Ausstattung Expression. Zusätzlich ein großes Faltschiebedach hat der Liberty. Das Audio-System Radiosat 3000 RDS mit Cassettenspieler, Nebellampen und Sun-Protect-Frontscheiben gehören zum Privilège, der auch einen höhenverstellbaren Fahrersitz hat. Und Topmodell beim Twingo ist der Initiale mit Klimaanlage, der Top-Audioanlage Radiosat 6000 CD RDS sowie Lederbezügen für Sitze, Lenkrad und Schaltknauf und Leichtmetallrädern.

Kurzum, der Twingo präsentiert sich attraktiver denn je - und das zu Preisen, die mit 17 600 DM für den Authentique beginnen - der Basispreis 1993 lag bei 16 000 DM - und bei 23 600 DM für den Initiale enden. Der stärkere Motor kostet 600 DM mehr.

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