Zeitung Heute : Renault: Wie aus einer anderen Welt

Wie verpackt man moderne Autotechnik in der Oberklasse? Normalerweise in einer repräsentativen Stufenhecklimousine, wie ein Blick auf das aktuelle Angebot zeigt. Diese konventionelle Grundform - vor einem Jahrhundert von Wilhelm Maybach in Gestalt des ersten Mercedes präsentiert - hat sich im Lauf der Jahrzehnte so fest etabliert, dass man sich nur schwer vorstellen kann, dass es vielleicht auch anders geht. Doch es geht tatsächlich anders. Der Beweis dafür rollt seit gut einer Woche und noch bis zum Ende der ersten Juliwoche tagtäglich durch Berlin und über die Autobahnen westlich der Hauptstadt. Er trägt als Markenzeichen den Rhombus von Renault und hört auf den Namen Avantime. Und er fällt mit seiner Form derart aus dem Rahmen, dass man meint, ein Fahrzeug aus einer ganz anderen Welt vor sich zu haben

Kein Wunder, dass die Leute dort, wo man sich mit diesem Auto sehen lässt, recht spontan reagieren - mit deutlicher Ablehnung die einen, mit ebenso viel Zustimmung die anderen. Endlich ein Auto, das einmal ganz anders ist als die heute üblichen Einheitsformen, hört man immer wieder. Und manche sind geradezu begeistert von der eigenwilligen Heckpartie, die uns mit ihrer steil stehenden gerundeten Heckscheibe immer wieder an den Rumpler-Tropfenwagen denken lässt, der 1921 in Berlin für Aufsehen sorgte - allerdings kein Erfolgsauto wurde.

Doch bei Renault setzt man auf Erfolg - geht davon aus, dass es in der gehobenen Klasse durchaus ausreichend Interessenten gibt, die bereit sind, sich für ein nonkonformistisches und sehr individuelles Auto zu entscheiden, das sich ganz bewusst von den üblichen Formen abhebt und völlig neue Wege geht. Warum sollte, was zum Beispiel bei modernen Möbeln und Wohnungseinrichtungen längst selbstverständlich ist, nicht auch bei Autos möglich sein? Voraussetzung dabei ist allerdings, dass dieses so ganz andere Auto in den grundlegenden Eigenschaften wie Fahrdynamik, Sicherheit, moderne Technologie, Qualität, Zuverlässigkeit und Service dem heutigen Standard uneingeschränkt gerecht wird.

Der Avantime ist nicht der erste Versuch von Renault, in der Autoentwicklung neue Akzente zu setzen. Der vor vier Jahrzehnten herausgebrachte R4 als französischer Volkswagen, der R16 als erste Schräghecklimousine mit großer Heckklappe Mitte der 60er, der eigenwillige Mini-Minivan Twingo, der Espace als erster europäischer Minivan und der Kompaktvan Renault Scénic sind fünf Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit - und fünf erfolgreiche dazu. Und mit der nächsten Generation des Espace und dem sehr eigenwilligen Vel Satis soll der Avantime ein Trio bilden, mit dem Renault ein für die Oberklasse neues und modernes Angebot präsentiert, das auf der Basis modernster Fahrzeugtechnik in Design und Fahrzeugarchitektur neue Wege geht. Das verlangt viel Wagemut - und an dem mangelt es Renault wahrlich nicht, wie der Avantime zeigt.

Das gilt auch für die kühle Eleganz des Innenraums, der ebenso wie die äußere Linie von Gegensätzen lebt. Da kontrastiert hochwertiges Leder mit gebürstetem Aluminium, erzeugen gezielt eingesetzte Farbkontraste ganz spezielle Lichteffekte. Der obere Teil des klar strukturierten Armaturenbretts präsentiert sich dabei bewusst nüchtern. Aber alle hier eingesetzten Werkstoffe überzeugen durch hohe Qualität, sorgfältige Verarbeitung und ansprechende und auch für die tastenden Finger sympathische Oberflächen.

Was Renault hier treibt, ist allerdings mehr als ein nur vordergründiges Spiel mit neuen Formen. Denn das voller Überraschungen für den Betrachter steckende eigenwillige Design ermöglicht ein ganz neues Autoerlebnis. Das beginnt schon mit dem ungewohnt komfortablen und vor allen Dingen auffallend hellen Innenraum, wo es auf allen vier Plätzen Kopf-, Ellenbogen- und Knieraum fast im Überfluss gibt. Durch große Fensterflächen hat man einen beispiellosen Rundumblick, der durch keine noch so schmale B-Säule gestört wird. Viel Licht von oben kommt durch das geradezu riesige gläserne Panoramadach, das sich auf Knopfdruck öffnen lässt und dann eine 90 x 60 Zentimeter große Öffnung freigibt. Und drückt man auf den für den Avantime exklusiven Schalter "Open Air", dann werden zugleich mit dem Öffnen des Dachs alle Seitenscheiben versenkt und man fühlt sich fast wie in einem Cabrio. Überraschend dabei war bei ersten Probekilometern, wie zugfrei es trotz der vielen Lufteinlässe im Innenraum bleibt.

Licht, Luft, viel Platz und hoher Komfort machen die Fahrt im Avantime zu einem Erlebnis der besonderen Art. In welchem Auto sitzt man schon so bequem, wie auf den breiten und komfortablen ledernen Integralsitzen des Avantime, der sich damit als rollender Salon präsentiert. Und wo kommt man so bequem in ein zweitüriges Auto hinein und wieder heraus, wie durch die mit 1,40 Meter extrem breiten Türen des Avantime. Türen, die allerdings nach einem ganz speziellen Schwenk-Mechanismus mit Doppelfunktion verlangten. Denn diese Türen bewegen sich beim Öffnen zugleich so nach vorn, dass man auch dann unbehindert ein- und aussteigen kann, wenn andere Fahrzeuge recht nahe am Avantime stehen. Der Türmechanismus, der das ermöglicht, hat den Entwicklungsingenieuren viel Kopfzerbrechen bereitet - mehr als erwartet, und damit dazu beigetragen, dass dieses Auto später fertig wurde, als eigentlich geplant.

Doch nun sind alle Probleme gelöst, insbesondere auch die der Sicherheit auch bei einem Seitenaufprall, bei dem es ja keine Energie aufnehmende B-Säule gibt. Trotzdem hat der Avantime eine extrem stabile und auch verwindungssteife Karosserie, die alle Crash-Anforderungen erfüllt. Die besteht aus einem interessanten Materialmix. Denn während bis zur Gürtellinie eine - für optimalen Korrosionsschutz übrigens feuerverzinkte - Stahlstruktur die Basis des Avantime bildet, bestehen die Dachholme und Querträger darüber aus Aluminium, das nicht nur durch seine hohen mechanischen Qualitäten überzeugt, sondern auch dazu beiträgt, im oberen Karosseriebereich Gewicht einzusparen. Das ist auch deshalb wichtig, weil der hier für das Panoramadach verwendete Werkstoff Glas nicht gerade besonders leicht ist. Die Karosserie selbst besteht, wie schon beim Espace, aus einem Kunstharz-Glasfaser-Verbund, der korrosionsfrei und gegen kleinere Kollisionen unempfindlich, vor allem aber auch leicht ist. Denn die mit der Stahlstruktur verklebte Karosserie wiegt gerade einmal 70 Kilo.

Und wie fährt sich das Ganze? Nun, mit seinem Spitzentriebwerk, dem von Renault und PSA Peugeot-Citroën gemeinsam entwickelten und erst kürzlich gründlich erneuerten 3,0-Liter-V6 aus mit Vierventiltechnik, E-Gas und Nockenwellenverstellung zeigte sich das Spitzenmodell Avantime V6 3.0 24V angemessen motorisiert. Denn der souverän seine 152 kW (207 PS) entfaltende Vollaluminiummotor mit seinem höchsten Drehmoment von 285 Nm bei 3750/min, von denen 90 Prozent bereits bei 2500/min verfügbar sind, zeigt sich trotz seines Leergewichts von immerhin rund 1750 Kilo ausgesprochen agil. Binnen 8,6 Sekunden klettert die Tachonadel auf Tempo 100 und maximal sind 220 km/h möglich. Dank des neu entwickelten Sechsgang-Schaltgetriebes kann man im langen sechsten Gang auf der Autobahn zügig und ohne aufdringliches Motorgeräusch gleiten. Und der Durchschnittsverbrauch von 11,3 l/100 km ist für ein Fahrzeug dieser Größenordnung akzeptabel. Neben den V6 soll schon im November ein 2,0-Liter-Turbomotor mit 120 kW

(163 PS) und 2002 für beide Benziner eine innovative Fünfgang-Automatik treten und im Sommer 2002 auch ein 108 kW (147 PS) leistender 2,2-Liter-Common-Rail-Turbodiesel.

Das Fahrwerk basiert auf der vom Espace bekannten und für den Avantime gezielt optimierten Technik und erwies sich als ausgesprochen gutmütig und jederzeit beherrschbar. Der Abrollkomfort besonders bei langen Bodenwellen überzeugt, nur bei kürzeren Bodenwellen spürt man hin und wieder mehr, als eigentlich nötig. Besonders gut gefallen hat die Lenkpräzision dieses Autos, das sich auch im dichten Stadtverkehr als überraschend handlich erwies. Und die Ausstattung, die ist bei Komfort und Sicherheit komplett - vom neuesten Sicherheitspaket innen bis zu ABS mit EBV und Bremsassistent und der Fahrdynamikregelung ESP mit ASR. Oberklasse also, die technisch voll auf der Höhe der Zeit ist, ihr mit der Optik aber wagemutig weit voraus. Schön, wenn daraus ein Erfolg würde - im September kommt der Avantime auf den Markt.

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