Zeitung Heute : Rendezvous mit grauen Riesen

Katharina Büttel

Der Massai kommt im ersten Morgengrauen. Sanft tippt er an die dünne Zeltwand des ehemaligen Großwildjäger-Camps und weckt auf altenglische Art zur Frühsafari. Zwischen Nacht und Tag verstummen die Rufe des Perlkauzes, jenseits des Mara Rivers lärmt ein Pavian-Trupp in den Wipfeln des üppigen Galeriewaldes, in der Ferne brüllen Büffel. Der Wächter weist auf tiefe Abdrücke im Sand, die im Nichts verschwinden. Spätestens jetzt weißt du, die Bestien sind da, nur du siehst sie nicht. "Da ist was dran. Die Tiere im Reservat leben meist im Verborgenen, auch wir müssen sie immer wieder suchen", erklärt unser Ranger lächelnd mit einem Achselzucken. "Karibu" - auf Kisuaheli "Willkommen" im Mara Buffalo Camp, mitten im Busch der Masai Mara, der auf Kenias Seite liegenden Pforte in die Serengeti.

Gestärkt mit einer Tasse "Early Morning Tea" in der Morgenkühle auf der Lodge-Terrasse beginnt die erste Pirsch noch vor dem Frühstück. Morgens und nachmittags, wenn das Licht am farbigsten und das Wild am muntersten ist, schwärmen die Gäste mit Landrovern ins flache Grasland aus. Am Horizont grasen Tommy-Gazellen im Rudel, springen Kudus, staksen dickhalsige Marabus. Doch der Wunsch der Gruppe nach Löwen und Leoparden soll heute in Erfüllung gehen.

Ein Trupp Impalas kreuzt den Weg. Eine riesige Herde Kaffernbüffel bricht durch das Gehölz, halb vernebelt von ihrer aufgewirbelten Staubwolke. Vor einem Akazienwald äsen majestätische Giraffen, lebhafte Zebras, zierliche Antilopen und stämmige Gnus. Eine Mischung wie in der Arche Noah. "Lions, look!" David, der geschickte Geländefahrer mit scharfen Augen, sichtet ziemlich schnell das erste Löwenpaar unter einer Schirmakazie. Scheinbar faul und schrecklich gelangweilt an uns vorbeiblinzelnd, als sei man Luft, liegen sie beide im Schatten hingestreckt - satter Frieden ringsum. Als sei keine lärmende Blechkiste mit neugierigen Zweibeinern angekommen, stürzt sich Leo plötzlich mit wehender Mähne und weit aufgerissenem Maul voller Liebeslust auf die Löwendame seiner Begierde. Vielen Dank für dieses Schauspiel - gut gebrüllt Löwe! Kurz darauf drehen sie gemächlich auf der holprigen Sandpiste ins Dickicht ab. Bis abends wieder die Mägen knurren und der Boss seinen Harem auf Treibjagd schickt: Die Beute von der Herde trennen, hetzen, einkreisen, schlagen ...

Nicht minder nah führt die Autopirsch an Giraffe, Gepard, Hyäne und Raubadler heran. Leichtes Herzklopfen stellt sich beim Rendezvous mit einem Nashorn und den grauen Riesen ein. In Familienformation stampfen die Kolosse durch den Akazienwald und wirbeln reichlich Staub am Wasserloch auf, der sich sofort auf unsere Zungen legt. Plötzlich ein kurzes "okay" und der Ranger kurvt zielsicher ins Unterholz. Andere Fahrzeuge halten in der Nähe. Atemlose Stille. Endlich! Eine Leopardenmutter und ihr Kleines schälen sich aus der Dämmerung, ziehen lautlos weiter - nur sechs Meter von uns entfernt. Das Auto, beruhigt der Ranger, werde vom Wild als großes, nicht erlegbares Tier gesehen und in Ruhe gelassen. Wir wollen näher heran, verfolgen sie durch Dick und Dünn. Der Landrover mäht alles um. Bäume, Büsche, Äste jeder Größe nimmt er frontal - wir bleiben den Raubkatzen auf der Spur. Mal verschwinden sie im hohen Gras, mal leuchten ihre dunklen Flecken durch das struppige Gebüsch. Die Sonne brennt schon ohne Milde, als wir das verdiente Frühstück des Safari-Kochs genauso gierig verschlingen, wie das weite Land mit unseren Blicken: Eier, gebratener Speck, frische Früchte, Toast und heißer Kaffee. Einen halben Steinwurf neben dem Camp prusten Nilpferde zum Gaudi der Gäste.

Tierfett für die Haarpracht

Jahrtausende binnen weniger Stunden zu überbrücken - in Kenia wirkt das scheinbar Unmögliche wie selbstverständlich. An der Küste das Heute mit Hotels und weißen Segelyachten jeder Kategorie, Nightlife je nach Geschmack und einer Infrastruktur, die vorhanden, aber noch ausbaufähig ist. Und dann, im Landesinnern, das Gestern. Ein Hauch aus der Kolonialzeit, der noch immer durch die Lodges und Camps zieht. Wo abends mit einem Glas Gin Tonic der Staub des Tages heruntergespült wird und die unendliche Geschichte der zehn Löwen und fünfzig Elefanten beginnt, die man mit dem 200er-Teleobjektiv erlegt hat. Wo man an festlich gedeckten Tischen sitzt und freundliche Massai-Kellner Tabletts voller Köstlichkeiten präsentieren. Wo unter funkelnden Sternen rund ums Lagerfeuer Einheimische mit Stammestänzen überraschen, dazu traditionelle Lieder singen und eindrucksvoll die Geschichte ihrer Vorfahren erzählen - vermischt mit den Geräuschen der Nacht.

Und schließlich das Vorgestern. Oben am Lake Turkana, dem ehemaligen Rudolphsee, wo der kriegerische Stamm der Turkanas lebt wie vor Tausenden von Jahren - unverändert. In der Masai Mara und in Samburu, der Heimat der Meru-Massai und ihrer verwandten Stämme. Noch folgt das Nomadenvolk mit seinen Rinder- und Ziegenherden den besten Weidegründen, tragen die Krieger ihre langen Haare in viele feine Zöpfe geflochten, die sie mit einem Gemisch aus Tierfett und roter Erde einkleistern. Nein, tauschen würden sie die Freiheit des Busches gegen die Enge der Städte nicht, noch nicht. Das Bild gerät ein wenig in Schieflage, als uns geschäftstüchtige Massai in ihren Kral führen - gegen ordentlich Bares, versteht sich. "Von dem Geld der Touristen bezahlen wir Schulgeld, Bücher und andere, wichtige Dinge des Lebens", erklärt Sikoyo selbstbewusst und beseitigt so eventuelle Fragen der Besucher. Mit Stolz singen junge Mädchen zur Begrüßung, junge Krieger führen ihre gestreckten Luftsprünge vor. In den Hütten aus Zweigen und getrockneten Kuhfladen, den Manyattas, schlägt uns beißender Rauch vom offenen Herdfeuer entgegen. Massai-Mütter, die ihre Kleinkinder auf den Rücken binden, stampfen Hirse im Mörser fürs Mittagessen. Ihr karges, an strenge Traditionen gebundenes Leben fasziniert; noch mehr aber ihre Schönheit, die Fülle ihres Schmuckes und die leuchtend roten und blauen Umhänge. Das Abenteuer Afrika, wie Hemingway es zu schätzen wusste, beginnt in den großen Wildreservaten, am Mount Kenia, am Kilimandscharo - und in Tansania. Wo Hunderttausende von Gnus, dem Gesetz der Jahreszeiten folgend, einen gigantischen Kreis ziehen, die Grenze missachtend von der Masai Mara in die Serengeti und zurück. Wo sich kleine Wolken an einem endlosen Himmel plattdrücken, wo die "Big Five" - Löwe, Büffel, Elefant, Nashorn und Leopard - den Menschen als Feind nicht mehr fürchten müssen. Wo die Abendsonne das Land in tiefes Rot taucht, wo nachts ein grandioses Orchester aus der Savanne ertönt, aus tausend Kehlen schnurrend, quiekend, röhrend. Romantik ohne Fragezeichen.

Tipps für Kenia

Anreise: Flüge nach Nairobi werden von etwa 1000 Mark an angeboten, etwa von KLM (via Amsterdam) oder Emirates (Via Dubai); etwas teurer ist der Flug nach Mombasa, die Preise beginnen bei zirka 1300 Mark. Ein Mal pro Woche fliegt auch LTU ab Tegel über München (vom 8. November an), dieser Flug kostet 1395 Mark. Wer pauschal bucht, fliegt in der Regel nach Mombasa.

Einreise: Auch bei einem Aufenthalt von weniger als 30 Tagen wird ein Visum verlangt. Es kostet 50 US-Dollar. Viele Besucher empfinden das als Geldschneiderei, ob es dem dringend benötigten Tourismus förderlich ist, darf bezweifelt werden. Ausgestellt wird es direkt auf den Flughäfen Nairobi oder Mombasa. Vorab auch in der Botschaft von Kenia, Markgrafenstraße 63, 10969 Berlin; Telefonnummer: 030 / 259 26 60, Fax: 030 / 25 92 66 50.

Impfungen: Malariaprophylaxe ist das ganze Jahr über dringend zu empfehlen. Unumgänglich jedoch während der Regenzeit März bis Juni sowie Oktober bis Dezember.

Sicherheit: Kenia ist nicht gefährlicher als andere Länder der Erde. In den Städten sind einsame Distrikte zu meiden, Wertgegenstände sollten zu Hause oder im Hotelsafe bleiben. Frauen werden als Touristen überwiegend zuvorkommend, mit Respekt behandelt. Bei Dunkelheit in den Städten ist Begleitung anzuraten.

Veranstalter: Als Fausteregel gilt - eine Pauschalreise aus Badeurlaub und Safari ist unproblematischer und in der Regel preiswerter als ein "selbstgestricktes" Programm.

Der Schweizer African Safari Club ist nach eigenen Angaben weltweit größter Kenia-Veranstalter. Im Baukastensystem kann jeder sein individuelles Urlaubspaket schnüren: Solo-Safaris von ein bis sieben Tagen (ab 245 bis 3300 Mark inklusive Tansania); Badeurlaub plus Wild-Safari oder Tauch-Safari (zum Beispiel zwei Wochen, Flug, Vollpension,Flugsafari für 2425 Mark); nur Tauch-Safari (zum Beispiel sieben Tage zirka 1515 Mark); Badeurlaub und/oder Kreuzfahrt in der Inselwelt des Indischen Ozeans: Seychellen, Komoren, Mauritius, La Réunion.

Beispiel: Zwei Wochen mit der "Royal Star", Vollpension, Außenkabine ab 3590 Mark pro Person. Auskunft unter der Telefonnnummer 01 80 / 521 14 44 und in allen ASC-Reisebüros; E-Mail: asc@ascag.net , www.african-safari-club.net

Auskunft: Kenia unterhält kein Tourismusbüro in Deutschland. Im Internet findet man hingegen sehr viele Seiten mit Informationen zum Land: www.kenyaweb.com , www.gorp.com/kenia/ oder www.muenchen-info.com , www.ostafrika.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

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