Zeitung Heute : Renovieren macht den Kopf frei

Von Esther Kogelboom

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Auch Zimmerwände unterliegen – das weiß jeder „Living at home“Leser – wechselnden Moden. Ich kann mich erinnern an Tapeten mit beigefarbenen und grünen, tellergroßen Kreisen, Grasstruktur-Tapeten, Tapeten mit Messingkesseln und Monchichi-Drucken. Diese Tapeten haben zwei Sachen gemeinsam: Auf dem Flohmarkt am Boxhagener Platz könnte man mit unbenutzten Rollen von früher auf relativ unanstrengende Weise ein Vermögen machen. Und: Ich habe mich zwischen all diesen Wänden einmal zu Hause gefühlt. Aber immer nur verhältnismäßig kurze Zeit, dann pellte ich Monchichi von den Wänden, um in einem Laura-Ashley-Blumenmeer zu träumen. Das aktuelle Gefühl ist: Ich würde lieber im Beschwerde-Callcenter einer Baumarkt-Kette arbeiten, als einen Tag länger zwischen 90er-Jahre-Toskanafraktion-Wischtechnik zu wohnen. Alles soll weiß sein. Weiß wie Schnee.

Ich finde, dass Leute, die sich professionelle Anstreicher für Malerarbeiten kommen lassen, Snobs sind. Wer nie versucht hat, einen Farbeimer auf dem Gepäckträger des Fahrrades zu transportieren, hat vom Leben keine Ahnung. „Renovieren macht den Kopf frei“, sagt meine Freundin. Oder?

Am ersten Tag war es Spaß. Wir hörten Kiss FM, es lief eigentlich ausschließlich Snoop Dogg mit „Drop it like it’s hot“. Die Freundin überlegte, ihre viel versprechende Medienkarriere aufzugeben und stattdessen – wegen des ungewohnt deutlich sichtbaren Arbeitsfortschritts, des herrlichen Gefühls der körperlichen Bewegung und trotz aller wirtschaftlichen Risiken – Maler und Lackierer zu werden. Am zweiten Tag konnten wir Kiss FM und Snoop Dogg nicht mehr ertragen und stellten stattdessen Radio Paradiso ein. „I believe I can fly“, sang meine Freundin, als sie ganz oben auf der Leiter stand und mit einem extraschmalen Pinsel die Schnittstelle zwischen Wand und Decke strich, „I believe I can touch the sky“. Am dritten Tag arbeiteten wir wie die Blöden, und zwar verbissen. Mit 104,6 RTL und „Geile Zeit“ von Juli kamen die Halluzinationen. Zuerst sah ich die schneeweiße Alpina-Katze, die ungeachtet der Schwerkraft über die Wände huscht – und alles, was weiß sein soll, ist danach weiß. Als das Tageslicht ausfiel und wir die Baustellenlampe einschalten mussten, sah ich aggressive Straßenkatzen, die für ein paar Cent als Farbroller jobben; räudige Straßenmarder, die ihren Schwanz an die Pinselindustrie verkaufen.

Gegen Mitternacht besuchten wir mit farbverschmierten Hosen und verklebten Frisuren ein sehr gutes, von Homosexuellen betriebenes Restaurant, um etwas zu essen. Der Wirt sagte: „Wenn ihr euch nicht hinsetzt und schnell wieder geht, gebe ich Prosecco aus.“ Wir akzeptierten. Er dachte, wir seien zwei Handwerker-Lesben, die den ganzen Tag RTL 104,6 gehört haben. Der Glasurit-Papagei, der auf seiner Schulter saß, sang „Bring me some water“ von Melissa Etheridge.

Als sehr viel später alles weiß war, konnte ich mich nicht mehr bewegen, war komplett versteift. Es fühlte sich an, als würde die Wirbelsäule in Flammen stehen. Die Finger waren gekrümmt, und wie die Pfötchen eines Monchichis waren sie nicht mehr gerade zu biegen. Ich legte meinen Körper vorsichtig auf den mit Plastikfolie abgedeckten Fußboden, stieß auf wie eine echte Handwerker-Lesbe und schlief ein.

Der Kopf war frei, aber das Herz ein leerer Farbeimer.

Jeder von uns bekommt reihenweise gut gemeinte Ratschläge. Unsere Kolumnistin, 29, überprüft alle 14 Tage einen davon auf seinen Wahrheitsgehalt. Nächste Woche: Martin Kilians liebes Amerika.

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