Zeitung Heute : Renovieren

Wie eine Berlinerin, West, die Stadt erleben kann

Ariane Bemmer

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Seit Tagen renoviere ich, Wände und Decken streichen, Böden mit Zeitung auslegen, wegen der Farbkleckse, Farbe und Pinsel kaufen, die Fußleisten lackieren, Türen und Rahmen schrubben, Fenster ebenso, es ist anstrengend und langwierig, es ist obendrein teuer – und, was am allerschlimmsten ist, es ist die alte Wohnung, die ich renoviere. Die, aus der ich gerade ausgezogen bin.

Im Allgemeinen halte ich mich für praktisch begabt, traue mir die Meisterung so ziemlich jeder Aufgabe zu. Eine Haltung, mit der ich mich nun also auch an die Renovierung machte. Zuerst der Weg zum Bauhaus-Markt, Farbe kaufen, und zwar, weil man die Marktmechanismen ja durchschaut hat, die billigste. Die ist nämlich genauso gut, wie die teure, die aber ungefähr fünfmal so viel kostet. Auf Pinsel habe ich verzichtet, ich hatte noch welche. Dann habe ich mir fast einen Bruch gehoben, bis ich mit dem 10-Liter-Eimer in der vierten Etage angekommen war. Dort stellte ich fest, dass ich zwar mehrere Lackierrollen habe, aber keinen einzigen Pinsel. Also zurück zum Bauhaus-Markt. Nun gleich volle Ladung: Ein Pinsel-Set, mit mehreren Rollen und einem Pinsel und Abtropfsieb und dann noch einen Teleskop-Stil und zwar den, auf dem schon eine Farbrolle steckte. Dass die für Hausfassaden war, also entsprechend groß, bemerkte ich wiederum erst in der vierten Etage, aber da war es mir egal, ich tunkte sie anfänglich zaghaft, dann voller Verve in den Eimer und rollte die Wände hoch und runter, dass ich im Nu von oben bis unten bekleckert war. Und dann entdeckte ich in meinem Werk auch noch lauter Unebenheiten. Ich malte noch mal drüber und machte mich an die Decke, so heftig schwankend unter der Last der nassen Fassadenrolle, dass die Farbe immer nur hier und da mal an die Decke klatschte. Nein, so würde das nichts werde. Ich rief Freunde zu Hilfe. Die rümpften über meine Materialauswahl die Nase und schickten mich wieder los: bessere Farbe kaufen. Da stand ich dann vor der gesamten Auswahl, vor Preisen von acht Euro bis vierzig Euro. Ich irrte herum, bis ich einen Berater im roten Bauhaus-Kittel fand. Er war vielleicht Ende vierzig und trug ein Namensschild, auf dem „Praktikant“ stand. Er riet mir, nicht die billigste zu nehmen. Ich kaufte die drittbilligste, die aber auch schon fast die zweitteuerste war und noch eine Farbrolle.

Dann wischten die Helfer mit großer Ausdauer und viel Geschick über alle Wände und mir blieb nur noch, die Fußleisten zu lackieren und zu putzen, was ich mit Hingabe tat. Als die Wohnung aussah wie neu, bestellte ich die Hausverwaltung zur Wohnungsabnahme. Als es zwei Tage und den Trocknungsprozess später zum verabredeten Zeitpunkt klingelte, war ich völlig aufgelöst. Die trockene Farbe war fleckig, die Fußleisten hatten einen gelblichen Stich, weil ich nur einmal drüber lackiert hatte. Würde der Prüfer all dies sehen? Ja, er sah es und notierte auf einem Fragebogen, was ich noch zu tun hätte. Am nächsten Tag stand ich wieder im Bauhaus-Markt. Diesmal kaufte ich die allerteuerste Farbe. Beim Bezahlen hatte ich das Gefühl, die Kassiererin lacht mich aus.

Berlin hat 17 Bauhaus-Märkte, unter anderem in der Hasenheide 109 oder der Bayreuther Straße 3-4. Alle Adressen unter www.bauhaus-ag.de

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