Rentner : Lang sollen sie leben

Vor 20 Jahren wurde die Senioren-Union gegründet. Welche Macht haben die Älteren, um in der Politik ihre Interessen durchzusetzen – und wie ist ihr Verhältnis zur jüngeren Generation?

Stephan-Andreas Casdorff

Kinder, wie die Zeit vergeht. Jetzt ist sie auch schon 20 – die Senioren-Union. 1988 gegründet, vom damaligen Generalsekretär, besser: Generalmanager, Heiner Geißler und gefördert vom Langzeitkanzler und -vorsitzenden Helmut Kohl. Der Grund seinerzeit ist derselbe wie heute. Die Alten, die „neuen Alten“ sind eine „Goldader“, wie die „Zeit“ weiland ihren Artikel überschrieb. Und, ja, es werden immer mehr, sowohl in der Gesellschaft wie in dieser Vereinigung.Gestartet ist sie mit 35.000, heute sind es genau 56.095 Mitglieder.

Da ist noch mehr drin, findet Peter Radunski, der jetzt zu den Senioren zählt und zur Zeit der Gründung umtriebiger Hauptgeschäftsführer der CDU war. Geradezu legendär seine Fähigkeit, „Rohdaten“ von Umfragen nicht nur zu lesen, sondern auch noch zu deuten. So gut war Radunski darin, dass er auf der anderen Seite bei der SPD, bei einem wie Bodo Hombach, allergrößte Hochachtung genoss. Das will etwas heißen. Aber auch,wenn Radunski heute sagt, „Senioren sind eine Ressource“. Will sagen: für Wahlkämpfe und Wahlsiege. „Wer die Alten gewinnt, gewinnt.“

Fast zwei Drittel der jungen Alten fühlen sich fit

So einfach ist das? Das sagen die Daten: Ein Drittel der Wahlberechtigten sind Senioren, 20 Millionen. Sie weisen die höchste Wahlbeteiligung aus, bei den 60- bis 70-Jährigen sind es 85 Prozent, über 70 immerhin noch 76,7 Prozent im Mittel. Und die Union muss, wenn sie wieder die Bundeskanzlerin stellen will, um die Senioren kämpfen – in einem „Kanzlerinnenwahlkampf“. 1990 stimmten 51,7 Prozent für die Union, 2005 waren es noch 43,3 Prozent. 2009 siegt bei der Wahl, wer mehr als 50 Prozent der Senioren gewinnt. So einfach ist das.

Und schwierig zugleich. Altern geht nicht immer nur einher mit Gebrechlichkeit und weniger Leistung. Die erste Bundesseniorenministerin, die renommierte Altersforscherin Ursula Lehr, hat darüber schon vor Jahren ausführliche Studien angelegt. Heute steigt die Zahl der Rentner insgesamt, mit allen bekannten Problemen, aber eben auch mit einer steigenden Zahl dynamischer, reise- und unternehmungslustiger Pensionäre. Von Juli bis September 2007 hat die Senioren-Union bei 3860 älteren Menschen ab 55 eine Umfrage gemacht. Danach fühlen sich bei den über 75-Jährigen nur 13 Prozent gar nicht mehr fit, noch fast zwei Drittel der jüngeren Alten (55 bis 69) hingegen schon, viele sogar „sehr fit“. Sie alle wollen was erleben und sind, das wusste Ursula Lehr schon vor 20 Jahren, „noch zu jung, um sich in Senioren-Nachmittagen verbasteln zu lassen“. Sie suchen neue Aufgaben und Ziele, „für die der Einsatz sich lohnt“.

Junge und Seniorenunion formieren eine große Koalition in der Union

Auch daraus zieht die Senioren-Union ihr Selbstbewusstsein. Das hat der jüngste Streit mit der Jungen Union deutlich gemacht. Wie der SU-Landeschef mit einem 27-jährigen Bundestagsabgeordneten ins Gericht gegangen ist, weil der sich kritisch zur Rentenerhöhung geäußert hat – da bedurfte es schon eines Quasi-Donnerwetters von Angela Merkel. Sonst wäre die „Botschaft des Optimismus“ vom Miteinander der Generationen, die sich einst Helmut Kohl versprach, noch ins Gegenteil verkehrt worden.

Kohl, übrigens, war zum Zeitpunkt der Gründung genauso wenig Senior wie Geißler. Beide entstammen dem Jahrgang 1930, und als Senior im Sinne der Union galt (und gilt), wer das 62. Lebensjahr vollendet hat oder schon im Ruhestand lebt. Parteimitgliedschaft ist nicht Bedingung, der Vorsitzende aber Mitglied des Bundesvorstands. Heute wird die Senioren-Union geführt von Otto Wulff, einem Professor, der mit seinen 75 ein grauer, aber kein lauer, sondern ein schlauer Panther ist. Er sieht sehr genau die Chancen, die noch einmal gestiegen sind, seitdem sich die konkurrierenden „Grauen“ als Bundesorganisation aufgelöst haben. Denn diese Themen sind parteiübergreifend: Werte – die alten –, dann Solidarität, Sicherheit, Weiterbildung. Hinzu kommen laut Umfrage Themen wie „Pflegesystem ausbauen, Gesundheitssystem verbessern, Preise stabil halten, Renten sichern“. Besonders dafür streiten die Senioren. Allerdings hat Wulff jetzt mit dem Vorsitzenden der 130.000 Mitglieder starken Jungen Union, Philipp Mißfelder, einen „Initiativkreis“ gebildet, eine Art große Koalition in der Union – eine „Union der Generationen“, wie der alte Fuchs Peter Radunski sagt.

„Lebendigkeit“ und „ordentlich Unruhe“ wünschte sich 1988 Heiner Geißler von der Senioren-Union. An diesem Sonntag wird der Senior wieder reden. Bestimmt lebendig.

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