Report : Der Fall des Hans Will

Die Polizei findet eine Leiche im Park - ein Mann aus der Trinkerszene, furchtbar zugerichtet. Dann stellt sich heraus: Früher war er ein angesehener Bürger, gutes Gehalt, politisch einflussreich. Eine Spurensuche.

Frank Bachner

Er war ein kleiner, zerbrechlicher Mann. Die verblichene Jeans schlotterte um seine Beine, das ausgewaschene Hemd hing zwei Nummern zu groß um den Oberkörper. Hans Will war seit Jahren schwerer Alkoholiker. Doch als er sterben sollte im Düsseldorfer Florapark, da wehrte sich dieser ausgemergelte Körper mit einer ungeheuren Energie gegen den Tod. Hans Will, 54 Jahre alt, drei Promille Alkohol im Blut und hilflos am Boden liegend, überlebte die Wucht der Parkbank, die der 20-jährige Martin K. aus dem Boden gerissen hatte und auf Wills Kopf fallen ließ.

Kurz zuvor hatte der 19-jährige Simon T., ein Kumpel von Martin K., Will schon niedergeschlagen. Die beiden jungen Männer hatten öfter Streit mit Will, an diesem Abend des 2. August 2008, einem Samstag, war die Situation eskaliert.

Trotz seiner Verletzungen konnte Will wieder aufstehen. Und er versuchte, sich nach Hause zu schleppen. Zwischen ihm und seiner Wohnung lagen zwei Querstraßen und der Teich des Parks. Ungefähr die Hälfte der 20 Meter langen Brücke hatte Will geschafft, als die Schläger den wankenden Mann einholten, getrieben von der Angst, ihr Opfer würde sie anzeigen. Martin K., 1,97 Meter groß, hievte Will über das hüfthohe Geländer ins Wasser; der Weiher ist an dieser Stelle rund einen Meter tief. Der 20-Jährige hastete zum Ufer, watete durch den Teich und drückte den Betrunkenen unter Wasser. Als Will sich nicht mehr bewegte, zog K. den erschlafften Körper in ein Gebüsch. Dort ließ er ihn liegen.

Die jungen Männer gingen in die Wohnung von Martin K. Doch nach kurzer Zeit kehrten sie in den Park zurück. Die beiden hatten Zweifel, ob ihr Opfer wirklich tot war. In der Tasche des Älteren steckten ein Messer und zwei Paar Handschuhe.

Tatsächlich hatte Hans Will wie durch ein Wunder auch den zweiten Angriff überlebt. Zusammengesunken saß der kleine Mann auf einer Parkbank. Simon T. und Martin K. schlichen sich von hinten an und rammten das Messer 26-mal in Wills schmalen Rücken. Acht Stiche zerfetzten die Lunge, fünf die Leber, ein paar Stiche durchbohrten sogar Rippen. Es war 23 Uhr 30, niemand hörte etwas.

Die grausigen Details werden zurzeit im Saal L 111 des Düsseldorfer Landgerichts ausgebreitet. Die 7. Große Strafkammer verhandelt hier gegen die Täter. Wills Kumpel aus der Trinkerszene im Florapark hatten der Polizei Hinweise auf die jungen Männer gegeben, beide gestanden rasch. Martin K. hatte schon im Juli 2007 im Florapark einen Mann von der Brücke in den Teich geworfen, Simon T. filmte das Ganze damals mit dem Handy. Beide werden in den Akten der Polizei als Intensivtäter geführt.

Am Mittag des 3. August 2008 stöberte der Hund einer Spaziergängerin die Leiche von Hans Will auf. Auf den ersten Blick war er einer dieser anonymen Trinker, die im Florapark ihren Treffpunkt hatten, schrecklich zugerichtet, aus jenem Milieu, das man lieber meidet. Niemand ahnte in diesem Moment, dass hier jemand lag, der in seinem besseren Leben Einfluss und wertvollste Verbindungen hatte. Zwei Tage später wusste es jeder. Die "Rheinische Post" enthüllte den Namen des Toten, vor allem aber seine frühere Bedeutung: Hans Will hatte einst in Neuss das Wahlkreisbüro von Friedhelm Farthmann geleitet. Der Mann, der so grausam entstellt war, dass er erst nach einem Tag identifiziert werden konnte, arbeitete jahrelang für den zweitmächtigsten Mann in Nordrhein-Westfalen: Farthmann amtierte zehn Jahre als Arbeits- und Sozialminister, dann führte er die SPD-Landtagsfraktion. Und wer den direkten Draht zu Farthmann suchte, tat gut daran, sich erst an Hans Will zu wenden.

Farthmann hatte ihn 1990 eingestellt. Neuss war sein Wahlkreis, zweimal schon hatten die Bürger die Nummer zwei im Land direkt gewählt. Es war jedes Mal knapp, Neuss ist traditionelles CDU-Gebiet. Aber genau das reizte den Sozialdemokraten Farthmann. Will sollte die dritte Direktwahl organisieren. Die SPD in Neuss hatte ihm den Mann mit den weichen Gesichtszügen empfohlen. Will war einer von hier, geboren in Neuss-Uedesheim, an der PH Neuss hatte er Erdkunde und Geschichte studiert und führend in der Juso-Hochschulgruppe gearbeitet. Will lebte für seine Arbeit. Ein Mann ohne Freundin, ohne Familie, ohne sonstige Verpflichtungen. 6000 Mark verdiente er damals im Monat.

Der Fraktionschef nahm über Hans Will die Stimmung der Bürger auf und richtete seine Argumente danach. Umgekehrt kam man über Will zu den wichtigen Fördertöpfen. Der Fraktionschef leitete Geld um, damit in Neuss die Gesamtschule eine gymnasiale Oberstufe erhielt. Für den größten Faltschachtelhersteller Europas, Sitz in Neuss, setzte Farthmann durch, dass der Betrieb auch an bisher arbeitsfreien Feiertagen produzieren durfte. Das Unternehmen hatte sich zuvor an Will gewandt.

Benno Jakubassa hat mit Will zusammengearbeitet. Der stämmige Mann mit dem schütteren Haar sitzt im Foyer des Landtags in Düsseldorf, rührt in seinem Kaffee und kann sich nicht erklären, "was da passiert ist." Jakubassa war im SPD- Stadtverband Neuss aktiv, Will führte Farthmanns Büro. So freundlich, so intellektuell, so zuverlässig, dieser Hans Will, sagt Jakubassa. Und so höflich. "Das Wort Arschloch hätte der nie über die Lippen gebracht." Und Alkohol? Da verschluckt sich der 55-Jährige fast bei den nächsten Worten. "Wenn der mal abends einen Cognac getrunken hatte, da hatte ich schon zwei oder drei." Nie hätte er so einen Absturz erwartet.

Jakubassa legt viel Wert auf das Gegenbild zum bärtigen Alkoholiker Will. Es gehe ihm da auch um die Ehre des Toten, sagt er. Dass dieser höfliche, freundliche Büroleiter nie über Privates, nie über seine Probleme redete, das fiel Jakubassa damals nicht auf. Sie waren Funktionäre, ihr Thema war die Partei. Für Jakubassa ist sie es immer noch. Er führt inzwischen den SPD-Stadtverband Neuss und arbeitet für einen SPD-Landtagsabgeordneten. 1993 verlor er den regelmäßigen Kontakt zu Will.

Politik ist ein Spiel mit dem Risiko. Mandatsträger, Referenten, Büroleiter, ehrgeizige Praktikanten, sie alle arbeiten mit wenig Absicherung. Jede verlorene Wahl kann sie Position, Job und Einkommen kosten. Auch Hans Will spürte diese Unsicherheit. Was, wenn Farthmann diesmal verliert? Dann wäre Will seinen Job los. Weshalb er seinem Chef irgendwann ankündigte: Ich will eine Stelle mit unbefristetem Vertrag. Akzeptiert, erwiderte Farthmann. Und er empfahl seinen Büroleiter der Deutschen Angestellten- Gewerkschaft (DAG) in Düsseldorf. Klug von Will, dass er vorgesorgt hatte, denn seine Ahnung war richtig. Farthmann verlor 1995 knapp sein Direktmandat.

Farthmann, der einst zweitmächtigste Mann in Nordrhein-Westfalen, pflegt heute in Niedersachsen seinen Wald. "Fassungslos" war er, als er von Wills Absturz und Tod hörte.

Gleich hinterm Düsseldorfer Hauptbahnhof hat Jörg Verstegen sein Büro. Ein hagerer Mann, neben seinem Schreibtisch lehnt ein gerahmtes Marilyn- Monroe-Plakat von Andy Warhol an der Wand. Verstegen hatte Hans Will 1993 bei der DAG eingestellt. Er war damals Organisationsleiter, dem Neuen gab er einen Vertrag als Bildungsreferent. Auch der Gewerkschafter, der heute für Verdi arbeitet, erfuhr erst aus der Zeitung von Wills Abstieg. Gesehen habe er ihn vor rund zehn Jahren das letzte Mal. Verstegen ist nicht so fassungslos wie Jakubassa, er ist eher verblüfft. "Hans Will war kein Kandidat für so einen Abstieg, auf gar keinen Fall. Er trat äußert selbstbewusst auf."

Hans Will konnte schon immer gut reden. In seinem neuen Job informierte er Lehrlinge über das Betriebsverfassungsgesetz und leitete Wochenendseminare. Aber der Mann aus Neuss-Uedesheim war zugleich auch enorm verschlossen. Nur einmal, bei einer Betriebsversammlung, sah Verstegen ihn lächeln. Und bald wurde klar: Will hat Alkoholprobleme. Er versäumte sogar Seminare oder unterrichtete angetrunken. Doch Will leugnete bis zum Schluss. Sogar als er im Herbst 1999 eine Vertragsauflösung unterschrieb, bestritt er, Schwierigkeiten zu haben.

Niemand weiß, warum sich Will danach nicht um einen anderen Job bemühte. Er redete einfach nicht darüber. Er machte nur dunkle Andeutungen. Mal erzählte er seinen Trinkkumpanen, die DAG habe ihm jemand vor diese Nase gesetzt, das habe er sich nicht gefallen lassen. Mal lallte er: "Dass ich den Auflösungsvertrag unterschrieben habe, war ein Fehler."

Wills Alltag spielte sich nun hauptsächlich im Florapark und im "Tagtraum" ab. Der "Tagtraum" ist eine Kneipe, zwei Querstraßen vom Park entfernt. Vier Hocker stehen am Tresen, aus den Boxen dröhnt "Honky Tonk Woman" von den Rolling Stones. Hier hatte Will als DAG-Mitarbeiter seine Abende vor einem Altbier verbracht, jetzt hockte er schon am frühen Tag am Tresen. Thomas Busskamp hat ihn oft gesehen, wenn er auf einen Kaffee in den "Tagtraum" kam. Busskamp ist Fotograf, er streift viel durch die Stadt. Will und er hatten zusammen studiert, der Juso war ihm nie durch Trinkgelage aufgefallen. "Jetzt war er schon mittags betrunken."

Will passte eigentlich nicht in den "Tagtraum". Der wirkt zwar wie eine gemütliche Studentenkneipe, aber hier treffen sich viele Leute, die nur das Bier verbindet, das sie nebeneinander trinken. Und dazwischen Will, ein freundlicher, introvertierter Mann, der nie von seinen Problemen sprach, aber viel über Politik und Theologie. Das machte ihn zum Außenseiter, den viele nicht für voll nahmen. "Den gspinnerten Intellektuellen", so nannten sie ihn.

Hans Will sehnte sich nach Kontakt. Er, der Akademiker, wollte nicht ausgegrenzt werden. Deshalb hockte Will schon frühmorgens mit am Tisch, wenn ein paar Gäste die Übertragung der Formel-1-Rennen aus Kuala Lumpur oder Melbourne verfolgten. Will sog alles auf, was der Reporter über Strategie und Renntaktik erzählte. Dann kommentierte er das Rennen.

Aber das war nicht der Kontakt, den sich Hans Will wünschte. "Er hat an seiner Einsamkeit gelitten", sagt Busskamp. "Es hat ihn getroffen, dass er so abgestürzt ist." Will schämte sich auch vor seiner hochbetagten Stiefmutter. Manchmal besuchte er sie zu Weihnachten. Dann steckte sie ihm ein bisschen Geld zu. Sie bezahlte auch die Miete für seine Zweizimmerwohnung.

Will versuchte, sich einen Rest an Würde zu bewahren. Er achtete nach Möglichkeit auf seine Kleidung. Und er kämmte sich eitel die Haare zurück, wenn eine Frau in den "Tagtraum" kam, selbst wenn er schon fast vom Hocker fiel. Genutzt hat ihm das nichts, es gab keine Frau, die ihn beachtet hätte.

Als Hans Will kein Geld mehr für das Bier im "Tagtraum" hatte, trank er nur noch im Florapark. Der Park ist nicht allzu groß. Es gibt einen heruntergekommenen Spielplatz, einen Teich mit Trauerweiden am Rand und einen Rasen, der von Parkbänken eingerahmt ist. Hier versammeln sich die Trinker der Umgebung. Es sind keine Obdachlosen, alle haben eine Wohnung, alle beziehen Hartz IV. Aber jeder von ihnen arbeitet sich am Tag an einem Kasten Bier ab. Hans Will war der Einzige, der keine Unterstützung vom Amt wollte, er hat sie nie beantragt. "Dazu war er zu stolz", sagt Günter, der leere Pfandflaschen in eine Plastiktüte füllt.

Von Pfandflaschen lebte auch Hans Will. Er griff in Abfalltonnen und fischte sie heraus. Einmal beobachtete ihn dabei eine Frau aus der Parkszene. "Mensch, Hans", sagte sie später, "pass doch auf, da sind Scherben drin." Will starrte sie an wie ein Junge, den man beim Kaugummi-Klauen erwischt hatte. Es war ihm peinlich.

Seine Kumpel wussten, dass er kein Geld für den Strom und seit Jahren kein heißes Wasser mehr hatte. Sie wollten für ihn sammeln, damit er wieder den Strom bezahlen konnte. Hans Will lehnte auch das ab.

Eine Bekannte aus dem Park begleitete Will mal bis zu seiner Wohnungstür. Im Flur sei ihr fast schlecht geworden. "So etwas Schlimmes", sagte sie auch jetzt noch angewidert, "habe ich noch nie gerochen."

Im Park fühlte Will so etwas wie Nestwärme. Hier nannten sie ihn ehrfürchtig den "Professor". "Er war sehr belesen", sagt Wolfgang, struppige Haare, seit Jahren arbeitslos. Wer immer Fragen zu Behördenvorschriften hatte oder Rechtsberatung benötigte, Hans Will half ihm. Dann marschierte er zur Universitätsbibliothek in der Nähe und studierte Fachliteratur. Von seiner Vorgeschichte, seinem Job bei Farthmann, seiner Nähe zur Macht und den 6000 Mark, die er damals verdient hatte, erzählte er im Florapark niemandem. Davon erfuhren sie hier erst nach dem Mord.

Aber in seiner Fantasie flüchtete er in ein anderes Leben. In diesem anderen Leben arbeitete Hans Will, der Intellektuelle. Seinen Trinkerkumpels erzählte er begeistert, dass er mal ein Buch über den Florapark schreiben wolle, über die Menschen, die dort leben, über die Art, wie er einst angelegt wurde.

Als die Polizei Wills Wohnung durchsuchte, fand sie Stapel von Büchern und Unterlagen. "Beginnendes Messi-Stadium", protokollierten die Beamten. Unter den Papieren war auch, sehr gut formuliert, eine Strafanzeige gegen Simon T. und Martin K. Die beiden seien Mörder, schrieb Will. Man solle sie endlich verhaften.

Er hatte schon mehrere solcher Anzeigen geschrieben, sie blieben immer erfolglos. Der angebliche Mord war keiner. Inge Schwer, eine 73-jährige Alkoholikerin, Mitglied von Wills Trinkergruppe, war eines natürlichen Todes gestorben. Die Gerichtsmedizin ließ daran keinen Zweifel. Spaziergänger hatten Inge Schwer am 2. April 2007 tot im Teich des Floraparks gefunden. Aber Will war besessen von dem Gedanken, dass die jungen Männer seine Bekannte ertränkt hatten. Zwei Frauen aus der Parkszene hatten ihm das eingeredet. Sie könnten wahrsagen, hatten sie behauptet. Immer wieder beschimpfte Will daraufhin die jungen Männer als Mörder und drohte mit der Polizei. Auch am Abend des 2. August 2008.

Ein paar Tage später stellten Wills Kumpel auf einer der Bänke im Park eine Kerze auf. Sie achten bis heute sorgfältig darauf, dass die Flamme nicht erlischt. Der letzte Gruß an einen kleinen, zerbrechlichen Mann.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben