Reportage : Die Sklavenkinder von Haiti

Man nennt sie Restavek. Sie leben bei fremden Familien und schuften für diese. Begegnungen mit Mädchen in einem der schlimmsten Slums von Port-au-Prince.

Wasser holen für eine vielköpfige Familie - die Kindersklaven schuften im Haushalt fremder Familien.
Wasser holen für eine vielköpfige Familie - die Kindersklaven schuften im Haushalt fremder Familien.Foto: Ingrid Müller

Um vier Uhr früh ist ihre Nacht zu Ende. Zuerst leert sie die stinkenden Nachttöpfe, dann fegt sie, holt ein paar hundert Meter weiter am Brunnen Wasser, macht Frühstück. So beginnt ein typischer Tag von Lovely Etienne.

Lovely lebt in Wharf Jeremie, einem der ärmsten Slums am Hafen von Haitis Hauptstadt Port-au-Prince, in den weder UN-Soldaten noch die Polizei gehen, er gilt als zu gefährlich. Lovely ist elf Jahre alt – und sie ist Sklavin einer Familie, die nicht ihre ist.

Der Slum Wharf Jeremie gilt als einer der schlimmsten in Port au Prince.
Der Slum Wharf Jeremie gilt als einer der schlimmsten in Port au Prince.Foto: Ingrid Müller

Sie heißen Restavek, vom französischen "bei jemandem bleiben"

In Haiti haben sie für diese Kinder einen klangvollen Namen: Restavek. Ausgerechnet in dem Land, dessen Sklaven sich bereits 1804 von ihren Herren befreiten, hat diese Form des „bei jemandem bleiben“ (das heißt „rester avec“ im Französischen) eine traurige Tradition. Experten schätzen, dass bis zu 300 000 Kinder als Knechte in fremden Familien schuften, meist Mädchen. Manche sind Kinder aus der weiteren Verwandtschaft, so wie Lovely. Andere wurden von den eigenen Eltern weggegeben, weil diese befürchteten, die Kinder nicht selbst durchbringen zu können. Und vergangenes Jahr haben eine Reihe von Kindern, die bei dem verheerenden Erdbeben ihre Eltern verloren, ihre Dienste Nachbarfamilien angeboten, um wieder ein Zuhause zu finden.

Arbeit, Arbeit, Arbeit. Die Wellblechverschläge stehen auf Müll, die Kloake fließt mitten durch den Slum.
Arbeit, Arbeit, Arbeit. Die Wellblechverschläge stehen auf Müll, die Kloake fließt mitten durch den Slum.Foto: Ingrid Müller

Lovelys Mutter starb bei ihrer Geburt

Lovely hat lange Wimpern und volle Lippen. Aber ein Lächeln will dem Kind mit der Katze und den Schmetterlingen auf dem T-Shirt kaum gelingen. Ihr Vater verschwand schon vor, die Mutter starb bei ihrer Geburt, ein Bruder der Mutter nahm sie auf, erzählt sie. Die fremde Familie hat auch fünf eigene Kinder.

Lovely ist so alt wie Joanne, die kleine Sängerin, die wir vor einem Jahr nach dem Beben in der einsturzgefährdeten Schule von Pastor Luckner Guervil trafen. Auch Joanne und ihre Schwester Michel-Ange sind Kindersklavinnen, sie sind inzwischen einen Slum weiter gezogen, in einen etwas besseren Verschlag. Im Januar 2010 wohnten die beiden noch unter Wellblechstücken, die zu einer Art Zelt aneinandergelehnt waren.

In der Schule sind die Kinder zu müde zum Lernen

In der Schule des Pastors, einer Wellblechbude mit wenigen Mauern mitten in Wharf Jeremie, baumeln heute keine Steinbrocken mehr bedrohlich an Metallarmierungen aus den Wänden. Die Kindernothilfe hat das Gebäude wieder hergerichtet. 200 Kinder, unter ihnen viele Restavek, lernen hier: fünf Klassen und die Kindergartenkinder – alle in einem Raum. Der Lärm ist ohrenbetäubend. In Lovelys Klasse steht gerade Mathe auf dem Plan, ihr Lieblingsfach. Sie sitzt mit ihren Freundinnen in der ersten Reihe. Währenddessen müssen die Mädchen und Jungs der Nachbarklasse laut F - a - t - i - g - u - e (müde) buchstabieren.

Viele Restavek-Schüler würden am liebsten den Kopf auf die Bank legen und schlafen. Die Arbeit zehrt an den schmalen Körpern. Aber nur, wenn sie diese zur Zufriedenheit ihrer „Familie“ erfüllen, dürfen sie überhaupt lernen. Und: Die Arbeit geht nach der Schule weiter.

Lovely arbeitet für ihren Lebensunterhalt für die Familie ihres Onkels.
Lovely arbeitet für ihren Lebensunterhalt für die Familie ihres Onkels.Foto: Ingrid Müller

Ein gutes Kind sein heißt: ein noch besserer Sklave

Wenn Lovely nach Hause kommt, muss sie für die ganze achtköpfige Familie kochen. Reis, Erbsen, Sauce, manchmal etwas Hühnchen. Muss wieder Wasser holen, abwaschen, Hausaufgaben machen. Geht sie danach endlich spielen? „Ich bleibe am liebsten ruhig sitzen“, sagt das ernste Mädchen. Die anderen Kinder prügelten sich nur immer. Auch die „Tante“ schlägt oft zu, nach Lovelys Eindruck meist ohne Grund. „Tante“ heißen bei allen Restavek die Mütter in ihrer fremden Familie, egal, ob sie verwandt sind oder nicht. Ihr größter Wunsch, sagt Lovely, während sie verlegen ihre Hände knetet, sei es, „ein gutes Kind“ zu sein. Will heißen: ein noch besserer Sklave.

Einen Teil dessen, was andere Menschen Leben nennen würden, können die Kinder sehen, wenn sie am Wasser auf die Müllberge klettern: Dort ankern riesige weiße Schiffe. Boten einer für Lovely verschlossenen Welt. Es kommt ihr kaum über die Lippen, dass sie gern wenigstens einmal in den Arm genommen würde. Und sei es nur von der schlagenden Tante. Damals, am 12. Januar 2010, als alles zu wackeln begann und sie zu Bekannten geschickt worden war, um Geld zu holen, schrie die Tante plötzlich nach ihr. Lovely rannte zurück – und sah, wie die Tante statt ihrer schon eines der anderen Kinder in die Arme schloss. Auch sonst muss die Elfjährige sich immer hinten anstellen. Wenn sie morgens den Haushalt macht, werden die anderen Kinder aufwendig frisiert. Schön gemachte Haare gelten in Haiti als Beweis dafür, dass die Mutter ihr Kind liebt. Die Schleifen von Lovely sind in aller Eile gebunden.

Waschen, putzen, kochen. Die Kinder erledigen fast alle Hausarbeiten.
Waschen, putzen, kochen. Die Kinder erledigen fast alle Hausarbeiten.Foto: Ingrid Müller

Nach dem Beben wurde Lovelys Leben noch schwieriger

Mit dem Beben wurde das Überleben für Lovely in Wharf Jeremie noch schwieriger. Die Tante machte sich mit ihr und den beiden Jüngsten auf den Weg zu deren Großeltern im Norden, nach Cerca Carvajal. Erst zu Fuß, dann per Anhalter. Endlich nicht mehr in der Kloake wohnen, die einem den Atem abschnürt. Sie wohnten zu siebt bei den alten Leuten, aber es gab ständig Streit mit den Nachbarn. Die forderten das Grundstück der Familie für sich. Eines Nachmittags gingen die Großeltern aus und kamen nicht zurück, erzählt Lovely. „Wir sind sie suchen gegangen.“ Ein Mann habe gesagt, weiter hinten lägen zwei Menschen. Es waren die alten Leute, bestialisch von Macheten zerstückelt. Lovely sah die blutüberströmten Leichen. Aus Angst ging die Familie wieder nach Wharf Jeremie zurück. Seither sind die Berge aus Plastikflaschen, Obstresten, alten Reifen, Klopapier und woraus der Slum sonst noch so besteht, der für Lovely angenehmere Platz zum Leben.

Das Mädchen will Schneiderin werden

In all dem Dreck, Gestank und der Arbeit hat sich das Mädchen eine Nische geschaffen. Sie will später Schneiderin werden, sagt sie, während sie nervös an einem der kleinen Plastiktütchen nuckelt, in denen in Haiti Wasser verkauft wird. Aus Stoffresten, die sie ergattern kann, schneidert sie Puppenkleidchen. Aber nicht in den bunten Farben, wie sie in Haiti üblich sind. Lovelys Lieblingsfarben sind Schwarz und Weiß.

Joanne und ihre Schwester Michel-Ange gehen inzwischen eine Viertelstunde entfernt im Nachbarviertel Delmas 2 bei der Heilsarmee in eine Integrationsklasse für Restavek-Kinder. Darum hat sich die Kindernothilfe gekümmert. Major Sylvaine Mägli, die Schweizer Verwaltungschefin in Delmas 2, sieht aus, wie sich wohl die meisten eine Heilsarmistin vorstellen: hager, blass, zurückgekämmte Haare, strenge Bluse, Brille. 53 Jahre ist sie alt. Es ist ihr erster Job dieser Art. Im Herbst 2009 kam sie mit ihrem Mann nach Port-au-Prince, vorher hatte die ehemalige Lehrerin vor allem Jugendlager in Bern, Basel und Biel organisiert. Zunächst setzte Dengue-Fieber sie in Haiti außer Gefecht. Jetzt versucht sie, Verwaltung und Sozialbüro in einem zu sein.

Die Heilsarmee kümmert sich um die Kinder

„Wir suchen nach Restavek-Kindern. Aber sie sind schwer zu finden, weil sie nicht gerne zugeben, dass sie Sklavenkinder sind“, sagt Sylvaine Mägli. Im Unterricht schlafen die Restavek schon mal ein. In der Integrationsklasse sollen sie so weit gefördert werden, dass sie in eine dritte Klasse wechseln können. „Aber sie haben dann eben noch nicht dieses ganze Baggage, das Achtjährige nach drei Jahren Kindergarten und den ersten Klassen haben“, sagt die Schweizerin seufzend. „Oder sie sind mit zwölf oder 14 für die Gruppen zu alt.“ Ihre Erfahrung: Die Restavek schaffen den Rhythmus der anderen Slumkinder auch nach einem Jahr noch nicht. Jetzt möchte Sylvaine Mägli Integrationsklassen bis zum sechsten Schuljahr einführen.

„Die Kinder sind zuerst ganz verängstigt. Aber wenn sie länger kommen, öffnen sie sich wie eine Blume.“ Auch das Gesicht von Sylvaine Mägli bekommt jetzt weiche Züge: „Die Lehrerin der Integrationsklasse gibt jedem Kind am Ende der Woche eine Frage mit, die sie zu Hause stellen sollen.“ Sie will, dass die Familien miteinander reden. Denn das tun sie oft nicht.

Auch die Lehrerin weiß, was es heißt, nicht gewollt zu sein. Als die ersten Mitarbeiter der Heilsarmee nach Port-au-Prince kamen, besuchten sie ein Krankenhaus. In einer Ecke sahen sie zwei Babys. „Was machen die beiden Kinder da am Boden?“ fragten sie. „Die lassen wir sterben“, bekamen sie zur Antwort. Sie nahmen die Zwillinge mit, es wurden die ersten Kinder im Waisenhaus. Heute zieht die Frau, die damals sterben sollte, durch die Wellblechverschläge von Delmas 2, um Kindersklaven zu finden und in die Schule zu holen. Kinder wie Joanne, wie Michel-Ange, wie Lovely.

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