Zeitung Heute : Requiem für einen Löwen

„Da war plötzlich Rudolf noch mal da“: Staatsakt für „Spiegel“-Herausgeber Augstein

Hermann Rudolph

Montag ist „Spiegel“-Tag. Solange man denken kann, erscheint das Hamburger Magazin am ersten Tag der Woche, verbreitet „Spiegel“-Stimmung, deckt auf, schlägt zu, beschäftigt und unterhält die Öffentlichkeit. Aber dieser Montag, an dem ein grauer Himmel über Hamburg hängt, ist ein besonderer „Spiegel“-Tag. Denn an ihm veranstaltet die Freie und Hansestadt die Trauerfeier für ihren Ehrenbürger Rudolf Augstein. Und natürlich ist es nicht nur Hamburg, das sich vom Herausgeber jenes Nachrichtenmagazins verabschiedet, das über die Jahrzehnte hinweg eine öffentliche Instanz gewesen ist. Nach den Repräsentanten Hamburgs, Erster Bürgermeister und Bürgerschaftspräsidentin, spricht der Bundespräsident, und unter den Gästen sind Bundeskanzler Gerhard Schröder, sein Vorvorgänger Helmut Schmidt, Bundestags-Präsident Wolfgang Thierse und die crème de la crème des bundesrepublikanischen Journalismus.

Viele haben in dieser Stunde in der riesigen weiß-goldenen Muschel der St.-Michaels-Kirche eine Art Déjà-vu-Erlebnis. Aber gerade das gibt ihr den Tiefgang. Eine Trauerfeier, die ein Staatsakt ist und doch auch ein Gottesdienst, dazu das Deutsche Requiem von Johannes Brahms mit seiner volltönende Trauer-Gewalt, die sich immer wieder in helles Dur öffnet: So zelebrierte Hamburg vor acht Monaten die Trauerfeier für eine andere große Journalistin, Marion Gräfin Dönhoff. Und nimmt man die anderen Namen, die in dieser Stunde genannt werden – Axel Springer, Henri Nannen, Gerd Bucerius, der „Zeit-Verleger“ –, so wird klar, dass dies der Abschied von einer ganzen Generation ist. Das klingt an, wenn der Bundespräsident Augstein den „letzten Gründervater des freien Journalismus in der Bundesrepublik“ nennt.

Hamburg hat für den Ehrenbürger, der in der vergangenen Woche in Keitum auf Sylt im Kreise der Familie und der Freunde beigesetzt worden ist, halbmast geflaggt. Und sich außerdem eine kleine Kontroverse geleistet. Freidenkerische Vereinigungen haben beklagt, dass der bekennende Atheist in einer Kirche verabschiedet werde. Eine Heimholung in den Protestantismus, dem er nicht angehörte, in dessen deutschen Spannungsfeld er sich aber zeitlebens bewegt hat? Das verbiete der Respekt vor Augsteins Lebensleistung, sagt Hauptpastor Helge Adolphsen. Augstein habe der Kirche „viel Bedenkenswertes in ihr 2000 Jahre altes Stammbuch geschrieben“, das müsse sie aushalten und könne es auch. Gott bediene sich der Menschen, ob sie wollen oder nicht, also auch des Publizisten Augstein. So einfach ist das? So einfach ist das für den Kirchenmann. Die geballte „Spiegel“-Mannschaft, die unter der Kanzel sitzt, kein Lager der Rechtgläubigkeit, nimmt die Botschaft entgegen.

Die Nachrufe, die Augstein seit seinem Tode am 7.November gewidmet wurden, sind bereits Legion. Nun kommen weitere hinzu. Der Bundespräsident erinnert daran, dass Augstein selbst erstaunliche Nachrufe geschrieben hat, „freundlich, fast zärtlich“. Der bekennende Christ, auch er eine Würdigungs-Begabung, umreißt fast zart das religiöse Profil Augsteins. Er sei wohl ein „Suchender“ gewesen und erinnert an dessen kritisches Buch über Jesus. Nie habe er sich vereinnahmen lassen. Und Augsteins polemische Kraft, die auch er, Rau, zu spüren bekommen habe, bringt er auf eine kluge, sozusagen staatstragende Formel: Augsteins „Respektlosigkeit gegen jede Autorität entsprang dem Respekt vor der Demokratie und ihrer Ordnung“.

Erstaunlich war diese Trauerfeier aber auch in anderer Hinsicht. Denn es ist nicht die Regel, dass ein Redner, der Publizist Joachim Fest, den allgemeinen Würdigungs-Kanon für den „Spiegel“-Herausgeber sozusagen gegen den Strich bürstet. Mit seiner Begabung, lieber gegen etwas zu sein als für etwas, habe Augstein einer ganzen Generation Ausdruck gegeben. Sein unerbittliches Manichäertum habe den „Spiegel“ – wie man einmal gesagt habe – „zu einem Kirchenblatt für die aufgeklärte Welt gemacht“. Und doch, so Fest, seien seine Verdienste gewaltig: Er habe den öffentlichen Streit in Deutschland zwar nicht wirklich heimisch gemacht, aber ihm den Anschein des Anstoßes genommen.

Und ungewöhnlich schließlich auch der Teppich an Eindrücken und Bildern, den Jürgen Flimm, der Theatermann, Augstein wob. Augstein als Spaßmacher in einem chinesischen Kindergarten und die Erinnerung an den Theatermacher, der der junge Augstein gern geworden wäre. Augstein im Spiegel der Figur des Jacques aus Shakespeares „Wie es euch gefällt“ und mit der Florestan-Arie aus dem „Fidelio“ auf den Lippen. Der politische Publizist – ein Mann, der „vor Bildung platzte“, ein Temperament, eine unvergleichliche Erscheinung.

Und dann war da noch etwas, das nicht auf dem Programm dieser Feierstunde stand. Es war Augsteins Tochter Franziska, ebenfalls Journalistin, die mit einem Male am Rednerpult stand. Erst stellte sie etwas richtig: Ihr Vater hieß nicht Rudolf Karl – was selbst in dem glänzenden „Spiegel“-Heft zu seinen Ehren gestanden habe –, sondern – „etwas Ordnung möchte schon sein“ – Karl Rudolf. Dann zeichnete sie ein bewegendes Bild ihres Vaters – Rudolf Augstein als der mächtige Löwe, den im Tod die Hasen an der Mähne zupfen. Uneitel sei er gewesen, unkonventionell, mit hohen Maßstäben, und wenn andere ihn einen Zyniker geheißen hätten – und er selbst sich so nannte –, dann glaube sie, dass er eher ein Realist war, „allerdings von einer Konsequenz, die nicht jeder zu tragen bereit war“. Dann entschuldigte sie sich dafür, „dass ich die Feier durcheinander gebracht habe. Aber ich war es dem toten Löwen schuldig.“

„Da war plötzlich Rudolf nochmal da“, flüsterte der Nachbar in der Kirchenbank. Beim Empfang danach im Hamburger Rathaus aber – so sind Journalisten – machten schon die Spekulationen die Runde, ob der Auftritt signalisiere, dass die Tochter in die Fußstapfen des Vaters treten wolle – als künftige Herausgeberin.

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