Zeitung Heute : Ressourcen besser verteilen

Ottmar Edenhofer
Foto: TU Presse/Dahl
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Wirtschaftswachstum ist notwendig, sagen seine Verteidiger. Es ist ein Mittel der Wirtschaftspolitik, um die Staatsverschuldung zu mindern, Beschäftigung zu steigern, Armut zu bekämpfen und schließlich auch um die Energiewende zu finanzieren. Wirtschaftswachstum ist kein sinnvolles Ziel, sagen die Kritiker. Wenn die Wirtschaft wächst, wachsen auch die Treibhausgas-Emissionen, der Flächenverbrauch und die Abfälle.

Bislang ist noch nicht gelungen, das Emissionswachstum vom Wirtschaftswachstum zu entkoppeln. Aber genau das ist notwendig für einen ambitionierten Klimaschutz: Soll er gelingen, muss der Ausstoß von Treibhausgasen – allen voran Kohlendioxid (CO2) – bis zum Jahr 2020 seinen Höhepunkt erreicht haben und dann spürbar sinken. Bis 2080 müsste die Weltwirtschaft praktisch CO2-frei sein. Diese Transformation ist aber nur möglich, wenn Techniken eingesetzt werden, die mit Risiken behaftet sind, etwa die Abscheidung von Kohlenstoff und anschließende Einlagerung im Untergrund (CCS) und die Nutzung von Biomasse in großem Maßstab.

Wachstum birgt also Risiken. Und seinen Kritikern kommt obendrein die Glücksforschung zu Hilfe: Ihr zufolge wird für Menschen mit hohem Einkommen Freizeit immer bedeutsamer, immaterielle Werte werden wichtiger, und Menschen sind zufriedener, wenn Einkommen und Vermögen eher gleich verteilt sind. Gilt dies alles, so verliert Wachstum an Attraktivität.

Die Alternative „wachsen oder schrumpfen“ greift aber zu kurz. So haben wir in den vergangenen zwei Jahrzehnten viel privates Vermögen in den Händen weniger wachsen lassen, aber wir haben Investitionen in Grundlagenforschung, Bildung, Infrastruktur und Klimaschutz vernachlässigt. Untersuchungen zeigen, dass die Renditen in diesen Bereichen hoch sind. Aber warum investieren dann etwa Versicherungen und Pensionsfonds hier zu wenig? Weil die Marktpreise nicht die sozialen und ökologischen Knappheiten zum Ausdruck bringen.

Die Atmosphäre zum Beispiel darf kostenlos genutzt werden, weshalb Investitionen in emissionsarme Infrastrukturen nicht rentabel sind. Und die Grundlagenforschung nützt allen, daher wird hier zu wenig investiert. In der EU sind die Investitionen sogar geringer als in den USA und Japan. Das Bildungswesen ist chronisch unterfinanziert, stattdessen steigt der Wert der Immobilien.

Mit anderen Worten: Wir haben in manchen Bereichen zu viel, in anderen Bereichen zu wenig investiert. Es ist höchste Zeit, dass wir umsteuern. Wer das will, benötigt jedoch nicht nur Gaspedal und Bremse, er benötigt vor allem ein Lenkrad. Wenn wir wissen, wohin wir fahren wollen, können wir immer noch über die Geschwindigkeit streiten. Jetzt kommt es zunächst auf die Richtung an.

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