Zeitung Heute : Rette, wer kann

Die Erschöpfung treibt sie in den Schlaf, die Unruhe weckt sie wenig später: 70 deutsche Helfer suchen in Iran nach Überlebenden. Bisher finden ihre Spürhunde nur Tote. Zu Hause in Berlin scheitern ihre Kollegen an der Bürokratie – eine Fluggesellschaft verweigerte den Transport der Hunde, sagen sie. Und währenddessen läuft die Zeit ab.

Andreas Oswald Lars Törne

Von Andreas Oswald und Lars von Törne

Nach nur zwei Stunden Schlaf wacht Stefan Duda auf. Den 30 Jahre alten Helfer treibt es aus dem warmen Schlafsack in die eisige Kälte der Nacht. „Die Anspannung lässt mir keine Ruhe“, sagt Duda. Wie ihm geht es auch den anderen Ehrenamtlichen der Erdbeben-Sondereinheit des Technischen Hilfswerks. Sie machen sich erneut auf zu jenen Trümmern, an denen sie zwei Stunden zuvor erschöpft aufgehört hatten zu arbeiten. Sie suchen nach Menschen, die bei dem Beben im iranischen Bam verschüttet wurden. In der Nacht, wenn die Einwohner auf den Straßen schlafen, herrscht jene Stille, die die Suchtrupps brauchen, wenn sie mit ihren Hunden Signale von Überlebenden hören wollen. Sie sind auf ihr Gehör angewiesen, auf das Gespür der Hunde, und sie haben akustische Ortungsgeräte, die sie einsetzen, wenn sie jemanden lebend finden.

Wenn. „Bisher haben wir nur Leichen bergen können“, sagt Duda. „Aber auch das Auffinden der Toten ist für die Angehörigen ungeheuer wichtig. Sie können sie beerdigen und von ihnen Abschied nehmen.“ Die Falschmeldung vom Sonnabend, deutsche Helfer hätten 20 Menschen gerettet, geht auf eine Mitteilung der iranischen Behörden zurück, die möglicherweise falsch übersetzt wurde.

Die Helfer sprechen viel mit Angehörigen und Nachbarn, auch wenn die Verständigung schwierig ist. „Sie können uns sagen, in welchen Häusern in welchen Zimmern Menschen waren“, sagt Duda. „Dann suchen wir gezielt den Bereich ab.“ Ein Grund, warum so viele der Verschütteten tot sind, ist die Ziegel- und Lehmbauweise der Häuser. Wenn sie zusammenfallen, bleibt nur noch ein Haufen Sand und Steine übrig. „In denen können sich keine Luft- und Schutzlöcher bilden“, sagt Duda. „Die meisten Verschütteten ersticken in dem trockenen Lehmsand.“

Die Sucher sind auf sich gestellt, aber trainiert, sich autark durchzuschlagen. Sie brauchen keine Nahrung von der Bevölkerung oder gar Nachschub. So können sie effektiv vorgehen. Sie kommen direkt zum Einsatzort und tun, was zu tun ist, ohne sich lange mit Planungsstäben und Behörden zu verständigen. Die planerisch aufwändige Organisation von Hilfslieferungen überlassen sie anderen. Ihnen geht es nur um eins: in einer Situation, in der es auf jede Minute ankommt, so schnell wie möglich am Ziel zu sein und dort konzentriert und unbeirrt zu suchen.

Es ist ein Wettlauf mit der Zeit. Für vier Berliner Helfer und ihre Rettungshunde endete der Einsatz allerdings schon am Flughafen Tegel. „Air Berlin hat sich geweigert, unsere Hunde mitfliegen zu lassen“, sagt Detlef Kühn, Leiter der Berliner Hundestaffel des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB). Am Freitagabend wollte er mit sieben anderen Helfern und sechs Hunden von Berlin über Wien nach Teheran fliegen. Als sie am Schalter ihre Tickets abholen wollten, habe ihnen der Kapitän mitgeteilt, die Hunde dürften nicht in der Kabine, sondern – den Regeln für Hunde dieser Größe entsprechend – nur im Frachtraum mitfliegen, sagt Kühn. Das lehnten die Helfer wegen der Belastung für die sensiblen Tiere ab. Eine Hälfte der Gruppe buchte spontan auf einen Lufthansa-Flug um, Kühn und drei Kollegen blieben am Boden. Und mit ihnen die Satellitentelefone der Gruppe, was dazu führt, dass die anderen vier Berliner Helfer jetzt ohne eigene Verbindung zur Außenwelt in Iran sind.

Der Ärger der Samariter über die Fluggesellschaft ist groß. „Ich bin enttäuscht, dass Air Berlin in so einem Fall nicht wie die anderen Gesellschaften über ihren Schatten springt“, sagt Kühn. Das Unternehmen weist die Vorwürfe zurück: „Wir hätten eine Ausnahme gemacht, wie auch bei anderen Katastrophenfällen“, sagt Sprecher Peter Hauptvogel. Nach seiner Darstellung waren es die Katastrophenhelfer, die von sich aus auf den Flug verzichtet hätten, obwohl der Pilot sie samt Hunden mitgenommen hätte. Das wiederum bestreitet Hundeführer Kühn. Er will sich heute bei der Geschäftsführung beschweren.

Kühns vier Kollegen, die seit Sonnabend nach Verschütteten suchten, haben ihre Erfahrung in der Türkei und in Griechenland gesammelt. „In Iran ist die Lage besonders verheerend“, sagt Kühn. Über ein geliehenes Satellitentelefon haben ihm seine Kollegen berichtet, dass sie bislang Dutzende Tote aus den Trümmern geborgen haben. Die Hoffnung, noch Überlebende zu finden, haben sie inzwischen fast aufgegeben.

Einen schwierigen Einsatz erwartet auch Bernhard Krumpelt. Der Notarzt aus dem brandenburgischen Burg flog am Sonntag mit einem Team der Johanniter-Unfallhilfe ins Erdbebengebiet. „Es wird bestimmt erschütternder als alles, was man im Fernsehen sieht“, sagt der 42-jährige Familienvater. „Aber gleichzeitig bin ich froh, dass ich wenigstens irgendetwas tun kann.“

Insgesamt sind jetzt 70 Mitarbeiter deutscher Hilfsorganisationen in Iran angekommen, teilt das Auswärtige Amt mit. Dazu etliche Container mit Gerät und Medikamenten. Das Ministerium koordiniert die Hilfe und stellt zunächst 500000 Euro bereit.

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