Zeitung Heute : „Rettendes Floß auf dem Meer der Kläglichkeit“

Vor 37 Jahren wurde „Die Schule der Neuen Prächtigkeit“ gegründet. Erste große Werkschau an der Universität.

Manfred Giesler
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Selbstbildnis. Auf seinem Gemälde „Die Schule der Neuen Prächtigkeit bei der Nachstellung des Bildes ,Bonjour Monsieur Courbet’“...

Es war am 24. Januar 1973, als die Maler Manfred Bluth, Johannes Grützke, Matthias Koeppel und Karlheinz Ziegler „Die Schule der Neuen Prächtigkeit“ im Atelier Grützke gründeten. Wer auf den Begriff „Schule der Neuen Prächtigkeit“ kam, ist heute nicht mehr zu klären. Es gab viele Varianten für die Namensgebung. Ein Dutzend Titel waren an Wände und Türen geheftet. Man hatte sich schon mürbe geredet und irgendeiner sagte „Schule der Neuen Prächtigkeit“ war doch ganz schön. Plötzlich fanden das alle „ganz schön“ und man war sich einig.

Knapp 37 Jahre nach diesem Ereignis findet an der TU Berlin nun die erste große Werkschau jener bemerkenswert poetischen, malerisch auf höchstem Niveau operierenden Gemeinschaft von Künstlern statt. Initiiert wurde die Schau vom TU-Präsidenten Kurt Kutzler. Die Ausstellung „Die Schule der Neuen Prächtigkeit – Der Blick zurück nach vorn: die Gemälde einer Künstlergruppe: Bluth – Grützke – Koeppel – Ziegler“ zeigt Bilder aller vier Maler von ihren Anfängen bis in die heutige Zeit.

Im Mai 1973 traten die vier Schüler, wie sich selbst nannten, zum ersten Mal an die Öffentlichkeit. Ein Aufruf wurde verlesen und als Flugblatt unter die Zuhörer geworfen. „Die Schule der Neuen Prächtigkeit schwimmt als rettendes Floß auf dem Meer der allumfassenden Kläglichkeit“, heißt es darin, und es folgte eine Aufzählung der Dinge, die dieses Meer ausmachen: armselige Stadtplanung, mehrheitsgläubige Demokratie, verkrachte Tischlerei, stotternde Literatur und, natürlich, karierte Malerei.

Das war die Hauptstoßrichtung, eine verkappte Kampfansage gegen die damals scheinbar allmächtigen abstrakten und konkreten Maler, besser gegen deren vorherrschende Dogmatik. In den siebziger Jahren galten die wenigen, die nach der Natur oder nach Gegenständen malten, als hoffnungslos zurückgeblieben und waren Hohn und Spott einer selbstsicheren Avantgarde ausgeliefert.

Ziele und Inhalte der „Schule der Neuen Prächtigkeit“ gingen weit über die Malerei hinaus. Dichter, Musiker, Architekten, kurz alle, waren aufgerufen, die sich im Morast fleißiger Stumpfheit versinken sahen, Schüler zu werden. Die Architektur der Zeit, die Tyrannei des rechten Winkels, wie die Schüler es nannten, wurde angegriffen und die Forderung „Verprächtigt das Europa Center und baut es in Gurkenform wieder auf“, brachte den Schülern einigen Ärger ein.

Weiter heißt es dort: „Was muss der Schüler tun? Er speit den statistischen Mittelwert aus. Er verabscheut die glatte Fläche und gipfelt im Ratschlag: Entwerft lindenumstandene Plätze, die wie Runzeln sind in einem lieben Gesicht. Und zu guter Letzt die Kunde: Die Neue Prächtigkeit ist die Prächtigkeit der Gedanken und Ideen, zwar unrentabel, jedoch ein idealer Lebenszweck.“ Die Geisteshaltung war umrissen.

Künstlerisch umgesetzt wurde diese Haltung in Dichtung und Theater. Gemeinsam konzipierten sie das Stück „Die Maßregelung auf dem Floß der Medusa“, geschrieben wurde es von Johannes Grützke. Jeder malte ein Gemälde nach seiner Wahl und führte Tagebuch über das Entstehen. Und los ging es mit diesen vier Bildern und dem Theaterstück auf eine Tournee durch die Bundesrepublik.

Der bis ins Groteske gesteigerte Einfallsreichtum hatte einen Ort: Das Natubs, eine Kneipe mit Galerie und gleichgesinntem Publikum. Es war das Zentrum der Bewegung, was sein legendärer Wirt und Galerist, Manfred Kleber, nie müde wurde zu beteuern. Das Natubs war unsere „Schule von Athen“, erläuterte Matthias Koeppel. Streckenweise war es so voll, dass die Biere über die Köpfe der Leute gereicht werden mussten. Meistens kam man nicht mal rein.

Dort tankten sie Phantasie und anderes, dort wurde diskutiert und gesponnen, dort wurde die Besteigung des Schönebergs ausgeheckt. Ein Beispiel für Haltung und Humor mag für Dutzende stehen: Die Abschaffung des Verwackelns durch eisernes Stillhalten. Die Schüler stehen nächtens vier Stunden, die Hände an der Hosennaht, auf einem Bürgersteig. Vor sich, auf einem Stativ, eine Kamera mit offener Blende, lediglich belichtet von den Scheinwerfern vorbeifahrender Autos.

Die Schule kannte keine politischen Aktivitäten und keine solche Ausrichtung. Im Gegenteil, sie veralberte jedes politische Gehabe, machte sich über alles lustig. Auch über sich selbst. Unerbittlich, gnadenlos und unerschrocken.

Philosophische Pause und Demut, statt leerlaufende Hektik und Anmaßung, aber auch Tugenden wie Fleiß, Pünktlichkeit und Disziplin waren ihre Forderungen.

In der Malerei ging jeder seinen eigenen Weg. Gemeinsame Arbeiten gibt es nicht, waren wohl auch nie geplant. Ästhetisch haben sich Manfred Bluth (1926-2002), Johannes Grützke (*1937), Matthias Koeppel (*1937) und Karlheinz Ziegler (1935-2008) nicht aufeinander zu bewegt. Jeder hat seine künstlerische Spur verfolgt und vermied es tunlichst die Mitschüler auf der Leinwand zu kritisieren. Gegenseitige Akzeptanz war unbedingte Voraussetzung. Das einzige gemeinsame ästhetische Ziel war die Umsetzung von Wirklichkeit in Kunstwirklichkeit, also Realismus als kleinster gemeinsamer Nenner. Sie malen das Leben und alles was dazu gehört. Jeder aus einem anderen Blickwinkel, anderer Distanz, mit anderen Gefühlen und anderen Augen, natürlich. Der Betrachter der Ausstellung kann die Reichhaltigkeit und Vielgestaltigkeit der Gemälde der vier, Bild für Bild, bestaunen und genießen.

Sie malen nicht für Spezialisten, wichtiger ist ihnen allgemeine Verständlichkeit. Elementar für alle ist ein hohes Maß an maltechnischem Können. Im Gespräch sagte Matthias Koeppel (mehr als zwei Jahrzehnte war er Professor für Bildende Kunst an der TU Berlin): „Wir pflegen die ewige europäische Geisteshaltung, und wir pflegen den selbstverständlichen Umgang mit den Geistesgrößen der Vergangenheit wie der Zukunft.“ Und Johannes Grützke ergänzte: „Wenn ich male, stehen alle hinter mir und schauen mir zu, alle Altvorderen von Tizian bis Corinth.“

Und beide betonten, dass es „Die Schule der Neuen Prächtigkeit“ schon immer gegeben hat. Und dass sie weiterleben wird mit neuem Personal, um wieder Neues zu schaffen.

Zum 125-jährigen Bestehen des TU-Hauptgebäudes trifft die „Schule der Neuen Prächtigkeit“ auf die alte Pracht der Architektur. Wissenschaft und Kunst seien einander entgegengesetzt, sagt man. Nicht immer.

Der Autor ist Kurator der Ausstellung.

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